Laura öffnet die Tür. "Komm doch rein." Auf dem Arm hält sie ihren zweijährigen Sohn. Sie sieht müde aus. Laura ist wieder schwanger. Verlegen rafft sie einige im Flur liegende Kleidungsstücke zusammen. "Ich bin noch nicht zum Aufräumen gekommen. Paul hat uns nicht schlafen lassen", sagt sie.

Die winzige Vierzimmerwohnung ist für die drei Generationen, die hier leben, nicht groß genug. Als Familienberaterin sehe ich so etwas häufig. In der Küche riecht es nach Kohl und Windeln. Laura stellt mir eine Tasse dünnen Tee hin.

"Wie ist es euch ergangen?", frage ich und lege meine Hände dankbar um die heiße Teetasse. Es ist kalt in der Wohnung. Wie immer. Die Familie spart Heizkosten.

"Paul ist krank, er wird den Schnupfen nicht los", sagt Laura. "Und Gero hat die Festanstellung nicht bekommen, aber die Zeitarbeitsfirma beschäftigt ihn noch stundenweise."

"Aber Mama hat den 600-Euro-Job noch." Sie versucht zu lächeln. Laura, geboren im Jahr 2012, sieht zehn Jahre älter aus als sie ist. Ihr Lächeln macht sie jünger, doch sie lächelt selten. Sie schämt sich wegen ihrer Zähne. Ein Zahnarztbesuch ist längst überfällig. "Aber Omas Alzheimermedikamente sind wichtiger."

Im Wohnzimmer sitzt die 67-jährige Großmutter eingepackt in eine Decke. Dank der Medikamente erinnert sie sich noch an vieles aus ihrer Vergangenheit. Ohne Pause bewegen ihre Finger das Strickzeug. Sie strickt bunte Pullover für den Enkel. Nebenbei kommentiert sie Berichte, die im Fernsehen laufen.

Der Bundespräsident gratuliert den Abgeordneten gerade zu ihren erfolgreichen Verhandlungen bei der Debatte zur Diätenerhöhung. Oma grollt. Nachts schläft sie auf dem Klappsofa im Wohnzimmer. Die Familie bräuchte den Platz, doch eine Unterbringung im Pflegeheim kommt nicht infrage. "Ruhig gestellt werden die Leute dort." Laura ist verärgert. Ich weiß. Zu viele Alte, zu wenig Personal.

Laura macht sich auch kaum noch Hoffnungen für den kleinen Paul. Den Auslandsaufenthalt, den er einmal benötigen wird, um einen anständigen Beruf zu erlernen, können ihm seine Eltern nicht finanzieren. Dennoch wird sie vermutlich nach dem nächsten Kind noch eins bekommen. Mutter und Großmutter hatten jeweils nur ein Kind. Das will sie nicht. "Eine große Familie ist doch etwas Schönes", sagt sie trotzig.

Für heute habe ich genug gesehen. Ich verabschiede mich, mache im Hausflur meine Notizen zur Familiensituation und schaue auf die Uhr. Jetzt muss ich mich beeilen. Noch fünf weitere Familien wie die von Laura stehen für heute im Terminkalender.

Ich bin 73 Jahre alt und für die "Agentur für Leistungsoptimierung" unterwegs, um meine Rentenbezuschussung nicht zu verlieren.