Unterhaltungsfernsehen"An Dieter Bohlen arbeiten sich die Jugendlichen ab"

Sendungen wie "DSDS" oder "GZSZ" schaffen mehr Vorbilder als Familie und Schule, sagt der Ufa-Chef Wolf Bauer. Ein Streitgespräch über den Einfluss des Fernsehens. von Joachim Huber

Frage: Herr Bauer, was stimmt an diesem Satz: Deutschland sucht den Superstar ist eine Fernsehshow, die Grundy Light Entertainment für RTL so produziert, dass der Privatsender damit möglichst viel Geld verdienen kann.

Wolf Bauer: Wenn ich Ihre Frage richtig interpretiere, dann schreiben Sie als Journalist so, dass Ihr Verleger einen möglichst hohen Profit damit erzielen kann. Im Ernst: Wir wollen mit unseren Programmen Millionen Zuschauer inspirierend unterhalten. Und dass uns das ganz gut gelingt, sehen Sie an dem Erfolg, den DSDS seit beinahe zehn Jahren hat und nicht nur in Deutschland. Wir produzieren dieses Format in inzwischen 44 Ländern.

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Frage: Welchen Einfluss trauen Sie Castingshows überhaupt zu?

Bauer: Wenn wir heute die Sozialisation von Jugendlichen betrachten und den zunehmenden Medienkonsum dagegensetzen – pro Tag neuneinhalb Stunden Fernsehen, Internet und Radio, weniger Tageszeitungen und Bücher – dann steht außer Zweifel, dass der Einfluss der Unterhaltungsmedien insgesamt zugenommen hat. Wir sehen das besonders deutlich bei unseren täglichen Serien, aber ganz klar auch bei Castingshows. All diese Sendungen spielen nach Analyse von Fachleuten aus der Medienwirkungsforschung in der Sozialisation von Jugendlichen eine immer prägendere Rolle.

Frage:DSDS erzieht tatsächlich nur dazu, DSDS zu bewerten.

Bauer: Ich verstehe die Frage nicht: DSDS und ähnliche Formate verfügen über eine innere Logik, Attraktivität, eine Werthaltigkeit unter dem Gesichtspunkt von Unterhaltung. Ich bin davon überzeugt, dass Talentcastings eine herausragende Unterhaltungsform darstellen. Allein die Möglichkeit zahllosen Individuen eine Bühne anzubieten, für die Präsentation von Talent oder um dem Bedürfnis nach Selbstdarstellung zu entsprechen, birgt faszinierendes Potenzial im Sinn von Andy Warhols " Five Minutes of Fame ". Aber es gibt noch eine weitere Funktion: Viele erschauern bei der Vorstellung, Dieter Bohlen könne das Vorbild ihrer Kinder im Umgang mit Mitmenschen werden. Doch dieser eher eindimensionale erste Reflex geht an der Realität vorbei. Die Heranwachsenden sind viel schlauer und differenzierter in ihrer Wahrnehmung, als mancher Erwachsene meint.

Wolf Bauer
Wolf Bauer

Wolf Bauer ist CEO der Ufa Film & TV Produktion GmbH. Dazu gehören acht Töchter, u.a. Grundy Light Entertainment (DSDS), Grundy Ufa (GZSZ), teamworx und Ufa Fernsehproduktion.

Frage: Wie schlau sind sie denn?

Bauer: Nach unseren eigenen Beobachtungen und den Ergebnissen verschiedener Studien, gibt es verschiedene Arten, auf die Castingshows zu reagieren. Es gibt die Jugendlichen, die am nächsten Tag die Sprüche von Dieter Bohlen in der Schule unreflektiert wiederholen und sie sich zu eigen machen. Das ist die deutlich kleinste Gruppe. Es gibt mehr Jugendliche, die seine Sprüche als Unterhaltungselement cool finden, Dieter Bohlen aber niemals als Maßstab eigenen Handelns anerkennen würden; und schließlich gibt es die größte Gruppe von Jugendlichen, die nicht einverstanden ist mit der Art und Weise, wie mit einzelnen Kandidaten umgegangen wird. Die jungen Zuschauer wissen genau, mit welcher Bemerkung Dieter Bohlen zu weit geht. Dieter Bohlen ist also eine Art Anti-Held, an dem sich die Jugendlichen abarbeiten und einen eigenen Weg im Umgang miteinander finden. Auch das ist eine Funktion von Unterhaltungsfernsehen.

Frage: Was folgt aus dem ehrlichen Satz eines Mädchens: Alles, was ich weiß, das weiß ich aus dem Fernsehen?

Bauer: Tatsächlich ist diese Äußerung nicht untypisch. Wir wissen, dass viele junge Menschen das Unterhaltungsfernsehen betrachten wie eine Art topografische Landkarte des Lebens; mit allen Höhen und Tiefen, mit Enttäuschungen und Erfolgen, mit Liebe und Leid; und diese Karte ermöglicht Orientierung und Navigation, wie man sich in konkreten Situationen verhalten kann. Aus diesem Spruch erwächst eine große Verantwortung für die Medien-Macher, Fernseh-Kreativen und Programm-Verantwortlichen. Denn ob wir wollen oder nicht: Das Unterhaltungsfernsehen hat einen gesellschaftlichen und sozialen Einfluss insbesondere auf die Sozialisation von jungen Menschen. Es ist eine nicht wegzudenkende Realität in ihrer Lebenswirklichkeit. Es prägt Werte und Lebensentwürfe mit.

Frage: Taugt das Fernsehen zum Sozialisationsagenten?

Bauer: Die Frage stellt sich nicht. Denn selbst wenn das Fernsehen nicht sonderlich tauglich wäre als Sozialisationsagent: In der Realität gibt es ja erkennbar eine Wirkungsmacht der Unterhaltungsmedien. In dem Maße nämlich, in dem die einst gesellschaftlich akzeptierten Institutionen wie die traditionelle Familie, die Kirchen, die Parteien und Gewerkschaften ihre Funktion als gesellschaftliche Anker zunehmend einbüßen und Eltern, Lehrer, Pfarrer und Politiker an Autorität nachlassen, haben sich Heranwachsende neue Vorbilder und Maßstäbe gesucht.

Leserkommentare
    • Yria
    • 07. März 2012 22:52 Uhr

    "Sendungen wie "DSDS" oder "GZSZ" schaffen mehr Vorbilder als Familie und Schule, sagt der Ufa-Chef Wolf Bauer."

    Dann gute Nacht, Deutschland.

    6 Leserempfehlungen
  1. "Denn ob wir wollen oder nicht: Das Unterhaltungsfernsehen hat einen gesellschaftlichen und sozialen Einfluss insbesondere auf die Sozialisation von jungen Menschen. Es ist eine nicht wegzudenkende Realität in ihrer Lebenswirklichkeit. Es prägt Werte und Lebensentwürfe mit."

    Und weil ich weiß, was das Unterhaltungsfernsehen von uns will:
    http://www.youtube.com/wa...
    gucke ich keins mehr.
    Meinen Fernseher brauche ich nur noch, um gute Sitcoms zu gucken.

    2 Leserempfehlungen
    • kyon
    • 07. März 2012 23:17 Uhr

    Alles hat seine Zeit. Und die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Vorbilder.

    Ich bin mir nicht sicher, ob beispielsweise der Mann aus Rom beim Jugendtreffen in Deutschland ein besseres Vorbild war. Ich habe da meinen Zweifel.

    Bohlen ist wahrlich kein Heiliger, vor allem aber kein Schein-Heiliger, er steht zu dem, was er sagt, und er hat Gefühl, manchmal.
    Das kommt an.

    Mir ist jedenfalls Bohlen als Vorbild lieber als der Mann in Rom.

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    Ganz ehrlich, ich halte vom Papst nicht sehr viel und mir wäre eine Welt ohne den unsäglichen Dogmatismus der katholischen Kirche lieber, aber Bohlen ist definitiv keine Alternative.

    Ein oberflächlicher, opportunistischer Gierschlund, der Menschen nur als Instrument einsetzt, um seine eigenen Zwecke (Gewinnmaximierung) zu verfolgen und dabei auch den seelischen Schaden der Kandidaten und Zuschauer in Kauf nimmt ist kein Vorbild, sondern bestenfalls Sinnbild für eine ökonomisch durchorganisierte Gesellschaft, die keinen Wert mehr kennt als den der Nutzenmaximierung.

    Von seinem musikalischen Unvermögen mal ganz abgesehen.

  2. "In der Realität gibt es ja erkennbar eine Wirkungsmacht der Unterhaltungsmedien. In dem Maße nämlich, in dem die einst gesellschaftlich akzeptierten Institutionen wie die traditionelle Familie, die Kirchen, die Parteien und Gewerkschaften ihre Funktion als gesellschaftliche Anker zunehmend einbüßen und Eltern, Lehrer, Pfarrer und Politiker an Autorität nachlassen, haben sich Heranwachsende neue Vorbilder und Maßstäbe gesucht." (s. o.)

    - Eine bittere Wahrheit, mit der wir tagtäglich im Klassenraum konfrontiert werden ...

  3. Mitnichten!

    Stichwortgabe und idiotisch nützliche Vorlagen für die selbstbeweihräuchernde PRopaganda eines TV-Produzenten, mithin redaktionelle Werbung im pseudokritischen Gewand.

    Bitte formulieren Sie Ihre Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke, die Redaktion/lv

    5 Leserempfehlungen
  4. "Die jungen Zuschauer wissen genau, mit welcher Bemerkung Dieter Bohlen zu weit geht. Dieter Bohlen ist also eine Art Anti-Held, an dem sich die Jugendlichen abarbeiten und einen eigenen Weg im Umgang miteinander finden. Auch das ist eine Funktion von Unterhaltungsfernsehen."

    Danke für diesen herrlichen Freibrief. In Zukunft halte ich mich an keine humanistischen Grundsätze mehr und wer dies kritisiert, dem sag ich einfach: Ich bin der Antiheld, an dem sich meine Mitmenschen abarbeiten müssen.

    Schon mal was von Verantwortung gehört, Herr Bauer? Ja, vermutlich schon, aber nur im Zusammenhang mit den Anteilseignern ihres Unternehmens. Aber wissen Sie was? Verantwortung ist nichts, über das man selbst entscheidet. Alle Menschen - auch Sie und Herr Bohlen - sind für ihre Taten und deren abschätzbare Folgen verantwortlich und man kann von Ihnen erwarten, dass Sie sich verantwortungsbewusst verhalten und alles tun, um Schaden abzuwenden.

    4 Leserempfehlungen
  5. Ganz ehrlich, ich halte vom Papst nicht sehr viel und mir wäre eine Welt ohne den unsäglichen Dogmatismus der katholischen Kirche lieber, aber Bohlen ist definitiv keine Alternative.

    Ein oberflächlicher, opportunistischer Gierschlund, der Menschen nur als Instrument einsetzt, um seine eigenen Zwecke (Gewinnmaximierung) zu verfolgen und dabei auch den seelischen Schaden der Kandidaten und Zuschauer in Kauf nimmt ist kein Vorbild, sondern bestenfalls Sinnbild für eine ökonomisch durchorganisierte Gesellschaft, die keinen Wert mehr kennt als den der Nutzenmaximierung.

    Von seinem musikalischen Unvermögen mal ganz abgesehen.

    10 Leserempfehlungen
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    *** Ein oberflächlicher, opportunistischer Gierschlund, der Menschen nur als Instrument einsetzt, ... ***
    Damit spiegelt Bohlen aber die Werte unserer Gesellschaft, dass fängt bei unserem Ex-BP an und gilt erst recht für die moderen Unternehmenskultur. Zunächst muß der Arbeitnehmer sich bei uns beweisen, ob er es überhaupt wert ist von uns ausgebeutet zu werden. An denen, die es nicht sind, kann man dann wenigstens noch die aufgestauten Aggression ablassen, die in der Ellenbogen-Gesellschaft zwangsläufig auftreten.

    Für Jemanden, der in Unternehmen eine Führungsaufgabe anstrebt, kann Bohlen sehr wohl als Vorbild dienen. Für alle anderen ist er immer noch eine gute Vorbereitung auf die Arbeitswelt.

  6. "Das Unterhaltungsfernsehen hat einen gesellschaftlichen und sozialen Einfluss insbesondere auf die Sozialisation von jungen Menschen. Es ist eine nicht wegzudenkende Realität in ihrer Lebenswirklichkeit. Es prägt Werte und Lebensentwürfe mit."

    Vielen Dank Herr Bauer für die tollen Formate, insbesondere die scripted reality soaps. Darf man davon ausgehen, dass Jugendliche sich in Zukunft - als Folgen Ihrer Sozialisationsbemühungen - nur noch gegenseitig verarschen und Umgangsformen pflegen, die von der Idealvorstellung einer respektvollen und zielführenden Kommunikation soweit entfernt sind wie RTL vom Bildungsfernsehen?

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