IntegrationSchwarz-Gelb streitet über Studie zu jungen Muslimen

Einer Studie des Innenministeriums zufolge will sich ein Viertel junger nichtdeutscher Muslime nicht integrieren. Die FDP bezweifelt die Aussagekraft der Untersuchung. von afp und dpa

Eine Studie des Bundesinnenministeriums über junge Muslime in Deutschland sorgt für Streit innerhalb der schwarz-gelben Koalition. Innenminister Hans-Peter Friedrich ( CSU ) hat sich besorgt über die Erkenntnisse seines Ministeriums geäußert, wonach sich viele in Deutschland lebende, nichtdeutsche Muslime einer Integration verweigern. "Deutschland achtet die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer. Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten", sagte Friedrich der Bild -Zeitung. Wer Freiheit und Demokratie bekämpfe, "wird hier keine Zukunft haben".

Die hohe Zahl nicht integrierter und auch nicht integrationswilliger Muslime sei "erschreckend", sagte auch der innenpolitische Sprecher der CDU /CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl. "Diese Integrationsverweigerung muss nicht, aber kann den Nährboden für religiösen Fanatismus und Terrorismus darstellen."

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Dagegen kritisierte der Koalitionspartner die Studie an sich. "Ich muss mich schon wundern, dass das BMI erneut Steuergelder darauf verwendet, eine Studie zu finanzieren, die Schlagzeilen produziert, aber keinerlei Erkenntnisse", sagte der integrationspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Serkan Tören.

Unter gruppe gewaltbereit

Aus der Studie, die im Auftrag des Bundesinnenministeriums erstellt wurde, geht hervor, dass ein Viertel der Muslime zwischen 14 und 32 Jahren, die keinen deutschen Pass haben, nicht bereit ist, sich zu integrieren. Sie könnten als streng religiös bezeichnet werden, "mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenzen", heißt es in der Untersuchung. Dabei handele es sich aber um eine Subgruppe, wie das Ministerium mitteilte.

Insgesamt zeige die Untersuchung, dass sich alle in Deutschland lebenden Generationen von Muslimen mehrheitlich deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzieren. Gleichzeitig erlebten die Muslime eine Pauschalverurteilung als Terroristen und eine vorschnelle Verknüpfung des Islams mit dem Terrorismus.

78 Prozent der deutschen Muslime integrationswillig

So sprach sich mit 78 Prozent eine deutliche Mehrheit der jungen Muslime mit deutschem Pass für eine Integration in die Mehrheitsgesellschaft aus. Bei ihnen macht der Anteil derer, die streng religiös sind, den Westen ablehnen und ideologisch fundierte "Gewalt als Mittel zur Verteidigung gegen die Bedrohung durch den Westen" akzeptieren, demnach nur 15 Prozent aus.

Mögliche Ursachen für die Radikalisierungstendenzen liegen der Studie zufolge vor allem im Ausmaß der traditionellen Religiosität, der autoritären Einstellungen, der Orientierung an Macht und Erfolg sowie der Wahrnehmung oder dem Erleben von gruppenbezogener Diskriminierung.

Der integrationspolitische Sprecher der FDP-Fraktion sagte, dass das religiöse Bekenntnis vieler junger Muslime oft nur "eine leere Hülse" sei, die nicht mit gelebter Religion einhergehe, sondern "Provokation und kulturelle Abgrenzung" sein wolle. "Religiosität und Gewalt sind kein Automatismus, das beweisen andere Studien und meine persönliche Erfahrung", sagte Tören.

Kritik an der Studie kam auch von SPD und Grünen . "Wer Muslime nur unter ihrem Nutzen der Gefahrenabwehr bemisst und sonst nicht müde wird, ihnen zu erklären, dass der Islam nicht Teil unserer Gesellschaft ist, darf sich darüber nicht wundern, wenn dies zu Abwehrhaltungen führt", sagte Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck . Zuvor hatte bereits die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz den methodischen Ansatz der Studie kritisiert.

Anteil radikaler Einstellungen sinkt

Der Jenaer Psychologe Wolfgang Frindte, der maßgeblich an der Untersuchung beteiligt war, bezeichnete die Zahlen als nicht überraschend. Würden auch die Eltern- und Großelterngenerationen einbezogen, zeige sich, dass der Anteil radikaler Einstellungen sinke und sich die Muslime deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzierten.

Zum Islam bekennen sich in Deutschland nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge schätzungsweise vier Millionen Menschen. Knapp die Hälfte von ihnen hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Für die Studie "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" wurden 700 junge deutsche und nichtdeutsche Muslime telefonisch befragt. Zudem wurden 692 Fernsehbeiträge aus Nachrichtensendungen analysiert.

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Leserkommentare
  1. Genau, liebe FDP.
    Seyran Ates hat uns vor Jahren aus eigenem Erleben, ganz ohne Statistik, schon sehr ähnliches mitgeteilt.

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    Entfernt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/lv

  2. Immer, wenn Herr Friedrich ein wenig Aufmerksamkeit braucht, zieht er die Muslime aus der Schublade, da er sich breiten Zuspruchs aus der einheimischen Bevölkerung sicher ist. Ich würde gern mal wissen, wie man sich solche Daten "herzaubert". Ich zweifle sowohl die Ehrenhaftigkeit dieses radikalen Politikers als auch die Ergebnisse seiner "Studie" an, lasse mich aber gern von der Seriosität überzeugen. Nur habe ich da wenig Hoffnung, das hier eine Vertiefung erfolgt. Herr Friedrich hat, was er wollte: Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung seiner Person als "Law and Order Mann". Scheint noch größere Ambitionen zu haben der Mann. Aber ich würde mich mal über ein anderes Thema von ihm freuen, das wird langsam langweilig. Vielleicht hat er nicht mehr zu bieten. Diesen Mann finde ich einfach nur lächerlich einseitig, steckt nichts dahinter.

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    Verzichten Sie bitte auf Provokationen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/fk.

    wenn Menschen bereit sind in einem anderen als im ursprünglichen Abstammungsland zu leben, passen sie sich normalerweise unauffällig an, sind 100% einverstanden mit den Regeln und stehen ein für dieses Land. Denn sonst wären es rein materielle Gründe oder z. B.der allzu leichte Umgang mit Behörden. Auf Grund eigener Beobachtung ist es mindestens der o.g. Anteil, der es nicht so praktiziert, was natürlich auch auf ignorante Einstellung der Eltern zurückzuführen ist. Im Übrigen steht es jedem frei in das Land seiner Wünsche zu gehen, wenn es hier so unerträglich ist.

    kein großer Freund und Verfechter quantifizierender Sozialforschung aber wenn ihr erster Gedanke gleich ist, dass sich jemand diese Daten „hergezaubert“ hat ist schon alles dazu gesagt, wie ernst man Ihre Beiträge zu diesem Thema zu nehmen hat.

  3. dass irgendein Politiker oder Journalist binnen 24 Stunden die Studie als "wenig hilfreich" bezeichnen wird.

    • Unhold
    • 01. März 2012 12:34 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf diffamierende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    • Unhold
    • 01. März 2012 13:00 Uhr

    Bitte respektieren Sie die Moderationsentscheidungen. Kritik an der Moderation können Sie gerne an community@zeit.de richten. Danke, die Redaktion/fk.

  4. Diese Studie ist wenig hilfreich.

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    • kyon
    • 01. März 2012 13:14 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/lv

    Die nächste Bundesregierung wird Studien, die zu derart unerwünschten, die multikulturelle Harmonie womöglich störenden Ergebnissen führen, nicht mehr finanzieren...wer darin nicht die Lösung sieht, hat eben Pech gehabt. Wenn die Wirklichkeit nicht der Parteilinie entspricht, um so schlimmer für die Wirklichkeit. Oder anders: den guten alten Rat, die politische Klasse möge sich ein Volk nach Gusto wählen, wird mittlerweile von der Migrationspolitik in die Tat umgesetzt. - Es gibt Anzeichen, dass auch Linke eine Ahnung bekommen, dass sie die Folgen dieses von ihnen begrüßten und betriebenen Vorgehens nicht kontrollieren können - siehe den Überfall auf das linke "Wohnprojekt" in der Berliner Schererstraße. Zu spät! Die Feindifferenzierung zwischen "Nazis" und "BewohnerInnen" ist bestimmten Kreisen entweder nicht geläufig oder gleichgültig.

  5. Ich finde die Reaktion des integrationspolitischen Sprechers der FDP-Bundestagsfraktion, Serkan Tören, unmöglich.
    Anstatt sich über die Tatsache aufzuregen, dass diese Studie erstellt wurde und sich mit diesem Thema beschäftitgt, sollte er sich lieber über die Ergebnisse dieser Studie aufregen.
    Das sind nämlich erschreckende Zahlen und sie decken sich leider auch mit meiner persönlichen Erfahrung.

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    • Lineix
    • 01. März 2012 13:05 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen und beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/lv

    ...möchte mit Sicherheit keinen Ärger mit Herrn Erdogan und dessen AKP. Seine Reaktion werte ich lediglich als politischen Reflex.

    ergeben, dass bei einem großen Anteil der deutschen Bevölkerung von einem Ausländerfeindlichen Denken ausgegangen werden muss.
    http://www.heute.de/ZDFhe...

    Wie kann sich ein aus einem fremden Land stammender Bürger in Deutschland als erwünscht fühlen, wenn derjenige schon von vornherein ausgegrenzt und diskriminiert wird. Das führt automatisch zu Abwehrhaltungen bei dieser Minderheit.
    Also zum Teil sind wir Deutsche auch schuld.

    ergeben, dass bei einem großen Anteil der deutschen Bevölkerung von einem Ausländerfeindlichen Denken ausgegangen werden muss.
    http://www.heute.de/ZDFhe...

    Wie kann sich ein aus einem fremden Land stammender Bürger in Deutschland als erwünscht fühlen, wenn derjenige schon von vornherein ausgegrenzt und diskriminiert wird. Das führt automatisch zu Abwehrhaltungen bei dieser Minderheit.
    Also zum Teil sind wir Deutsche auch schuld.

    wenn man Deutsch ist, wenn man weiß ist, wenn man auf Seiten der Studie ist, ohne sie gelesen zu haben. Da macht man den Kritiker eben mit Strohmannargumenten zunichte. Die andren werden schon zustimmen, sind ja in der Mehrheit auch deutsch und weiß ect. Es ist ja offenkundig, dass sie nicht glauben was sie schreiben, weil es doch pure Polemik ist, dem Kritiker aus der FDP mal eben vor zuhalten, er hätte etwas dagegen, das man sich mit diesen Themen beschäftigt.

    Warum auch sachlich bleiben? Der zuständige Minister tut es ja auch nicht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
  • Schlagworte Integration | Studie | CDU | CSU | FDP | SPD
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