Zukunft der MedienDie neuen Lokalmatadore

Journalismus blüht in den USA dort auf, wo er lokal und experimentierfreudig ist, schreibt Ulrike Langer. Gefragt sind Journalisten, die unternehmerisch denken können. von Ulrike Langer

Eine Reporterin nimmt mit ihrem Smartphone einen Wahlkampfauftritt auf.

Eine Reporterin nimmt mit ihrem Smartphone einen Wahlkampfauftritt auf.  |  © Jim Watson/AFP/Getty Images

Springerstiefel, Tränengas, über den Köpfen der Menge kreisende Hubschrauber, Auseinandersetzungen mit der Polizei – im heißen Herbst der Occupy-Bewegung im kalifornischen Oakland waren die jungen Reporter von Oakland North als Beobachter und Berichterstatter mittendrin statt nur dabei. Ausgestattet mit Mobiltelefonen oder kleinen Digitalkameras konnten sie die Distanz zwischen Akteuren und Reportern viel leichter aufheben als die Fernsehteams. Die Reporter von Oakland North berichteten so hautnah und professionell, dass prominente Blogs wie BoingBoing auf diese Berichte verlinkten und ein Team des TV-Senders MSNBC die Reporter interviewte.

Ulrike Langer
Ulrike Langer

Ulrike Langer ist Medienjournalistin. Sie bloggt auf medialdigital und lebt in Seattle, USA.

"Für einen jungen Journalisten ist mitten im Geschehen zu sein sowohl furchteinflößend als auch lehrreich", sagt David Cohn. Der Gründer des spendenfinanzierten Journalismus-Portals Spot.Us, das im vergangenen November von der Non-Profit-Organisation Public Insight Network übernommen wurde, lehrt mittlerweile am Journalismus-Institut der University of California in Berkeley. Dort betreiben Studenten unter Anleitung jeweils eines Dozenten drei lokale Blogs für die San Francisco Bay. Neben Oakland North sind das Richmond Confidential und Missionlocal.

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Das Ausprobieren neuer Formen von Lokaljournalismus – Studenten tun dies weitgehend in Eigenregie in Blogs und Webplattformen – gehört inzwischen an mehreren Hochschulen, die Journalismus lehren, zum Programm.

Der Hintergrund: In den vergangenen zehn Jahren ist in den USA jede fünfte lokale Tageszeitung verschwunden. 1.500 von ihnen gab es auf dem Markt. Und die verbliebenen Redaktionen, einst üppig besetzt, sind heute oft nur noch halb so groß. In der Bay Area von San Francisco war einst der Chronicle das bedeutendste Blatt an der Westküste. Er hat in den vergangenen fünf Jahren seine Auflage halbiert und geriet immer wieder nahe an die Insolvenz. 1.000 Journalisten verloren seit 2007 beim Chronicle und kleineren Medien in der Region ihre Arbeitsplätze.

Journalismus-Innovationen

Die Recherchereisen für diesen zweiteiligen Beitrag wurden mit Hilfe eines Holbrooke-Stipendiums ermöglicht. Der Beitrag ist der Auftakt für eine von Ulrike Langer, Alexander von Streit und Stephan Weichert für ZEIT ONLINE und VOCER produzierte Videoserie zum Thema Journalismus-Innovationen in den USA.

Doch gerade dort, wo der Kahlschlag am größten ist, versuchen neue unabhängige Angebote die Lücken zu schließen. In der Bay Area ist in der gleichen Zeit eine Vielzahl lokaler und hyperlokaler Blogs entstanden: manche auf kommerzieller Basis, manche als Non-Profit-Projekte oder auch als reines Hobby. Und es gibt größere journalistische Projekte, die von Stiftungen oder mit Spenden finanziert sind.

So gibt es beispielsweise die San Francisco Public Press, eine kostenlose Zeitung, die Lokalpolitik auch den Bürger der Region zugänglich macht, die keinen Internetanschluss haben oder kein Zeitungsabonnement – immerhin ein Drittel der Bevölkerung. Und das 1977 gegründete Center for Investigative Reporting (CIR) in Berkeley, geleitet vom ehemaligen Chronicle-Redaktionsleiter und Pulitzer-Preisträger Robert Rosenthal, betreibt das California Watch. Politik, Behörden und Lobbyisten in Kalifornien sind die Themen dieser Publikation, die als Nachrichtenagentur für hochwertigen regionalen Journalismus  eine wichtige Rolle spielt. Und der Bay Citizen, den es vor allem im Netz gibt, veröffentlicht seit 2010 zweimal wöchentlich Beiträge für die Bay-Area-Regionalausgabe der New York Times.

Das CIR und der Bay Citizen haben jüngst ihre Fusion angekündigt. Es fehle an Plattformen von Belang für die regionale Liga, sagt der kalifornische Medienanalyst Ken Doctor zur Erklärung. Auf nationaler Ebene würden investigative Geschichten mittlerweile schon von Non-Profit-Portalen wie ProPublica recherchiert. Regional könnte nun die neue Organisation mit mehr als 50 erfahrenen Journalisten kritische und unabhängige Berichterstattung für ganz Kalifornien bieten.

In den Bundesstaaten Texas und Minnesota haben die beiden Non-Profit-Portale Texas Tribune und MinnPost einen solchen Rang bereits erreicht.

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