Ich lebe zurzeit für ein Jahr als Studentin in Ägypten. In den vergangenen Monaten habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie eine europäische Frau in einem islamischen Land wahrgenommen wird. Ich will aber auch verstehen, wie muslimische Frauen in diesen Ländern wahrgenommen werden. Deshalb habe ich mich zu einem Experiment entschlossen: Ein paar Wochen lang habe ich ein Kopftuch getragen und beobachtet, wie meine Umwelt darauf reagiert.

Nach einer halben Woche war ich erstaunt. Ich wurde tatsächlich völlig anders wahrgenommen. Die Menschen haben mich nicht mehr angestarrt. Viele hielten mich sogar für eine Ägypterin. Man hat mich auf Arabisch angesprochen, niemand hat mehr "Welcome" gesagt. Man hat respektvoller mit mir gesprochen, weniger geflirtet – nur wegen eines Stück Stoffs.

Meine ägyptischen Freunde waren geteilter Meinung über mein neues Auftreten. Manche haben gesagt, dass ich besser aussehe als vorher, sozusagen angezogener. Einer sagte sogar: natürlicher. Halb scherzend haben sie gemeint, dass ich bestimmte Dinge mit Kopftuch nicht mehr machen kann, zum Beispiel Männer mit Küsschen begrüßen, über Sex reden oder fluchen.

Andere ausländische Freunde haben mein Kopftuch kritischer gesehen. Für sie komme es einem Verrat an ihrer Kultur gleich, sie selbst hätten mit dem Kopftuch Identitätsprobleme. Wie bitte? Ein Stück Stoff auf dem Kopf und meine gesamte Identität ist dahin? Genauso, wie Muslima mehr sind als das Kopftuch, bin ich doch auch mehr als unbedecktes Haar.

Interessant waren auch die Begegnungen mit anderen Ausländern. Ich weiß jetzt, was es heißt, die einzige Frau weit und breit mit Kopftuch zu sein. Es fühlt sich an wie eine Barriere, eine Distanz zwischen mir und den anderen Europäern. Als ob ich mit meinem Kopftuch ihre ganze schöne europäische Identität infrage stelle.

Ich habe eine deutsche Freundin, die mich mit meinem Kopftuch erst gar nicht erkannte, gefragt, was sie denkt, wenn sie Frauen mit Kopftuch sieht. Sie meinte: "Frauen mit Kopftuch tun mir leid. Zumindest in Deutschland könnten sie das Kopftuch doch abnehmen." Die Antwort fand ich schockierend, zumal die Freundin Islamwissenschaftlerin ist.

Am meisten wundert mich, dass das Kopftuch für mich gar nicht komisch oder ungewohnt war. Bereits nach wenigen Tagen wurde es ein selbstverständlicher Teil von mir, ein Teil meiner Identität als Frau, die in Ägypten lebt. Das hat mir gezeigt, wie sehr unsere Gewohnheiten von den Blicken der anderen abhängen, und nicht von unserem persönlichen Stil.

Nach etwa drei Wochen habe ich mein Kopftuchexperiment offiziell beendet. Ganz abgelegt habe ich es aber bis heute nicht – weil es manchmal gut tut, wie jede andere Ägypterin auszusehen. Und weil ich es auch mag, andere Europäer zu provozieren und mit Identitäten zu spielen. Ich werde das Experiment auf jeden Fall in Deutschland wiederholen.