"Fast alle Aussteiger aus der Szene [...] berichten von der wichtigen Rolle ihrer Großeltern mit ihren 'Geschichten von früher' bei der Akzeptanz der rechtsextremen Ideologie." So steht es in einem Artikel der Amadeu Antonio Stiftung. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, rechtsextremer Alltagskultur entgegenzutreten.

Großeltern mit nationalsozialistischem Gedankengut gibt es vermutlich in vielen deutschen Familien. Auch meine Großeltern gehören dazu. Jahrzehntelang haben sie sich verharmlosend und relativierend über den Nationalsozialismus geäußert. Dabei ging es nicht nur um historische Begebenheiten, sondern auch hier lebende Migranten wurden nicht verschont.

Mein Großvater sagte zum Beispiel, dass er nicht glaube, dass sechs Millionen Juden ermordet worden sind. Meine Großmutter beklagte sich oft, dass es mit Deutschland nach 1945 nur bergab gegangen wäre, und das Land von Migranten unterwandert werden würde. Außerdem bemängelte sie, dass wir in der Schule kritisches Hinterfragen gelernt haben.

Meine Großmutter beklagte sich auch über den Rechtsstaat, der vor allem von sozial Schwachen genutzt werden würde. Oft wurden die Taten der Alliierten im 2. Weltkrieg von ihr kritisiert, ohne die Verbrechen der Nazis zu erwähnen.

Ich habe die Ansichten meiner Großeltern nie geteilt, ihnen immer widersprochen und eine gewisse Distanz dazu aufgebaut. Das war möglich, weil meine Eltern mir ein anderes Menschen- und Weltbild vermittelt haben.

Ich denke aber, dass dies in vielen anderen deutschen Familien nicht so ist. Die Kinder und Enkel haben die Ideologie der älteren Generation teilweise übernommen.

Auch im Kinofilm Kriegerin wird die Weitergabe einer rechtsextremen Weltanschauung durch die Großelterngeneration erwähnt. In dem Drama wird von einer rechtsextremen deutschen Frau berichtet, die ihre Gesinnung ungehindert auslebt.

Rassismus ist nicht nur eine Ideologie von rechten Gewalttätern und Neonazis. Rassistische und antisemitische Tendenzen gibt es meiner Meinung nach in fast allen gesellschaftlichen Schichten. Dabei darf die Prägung politischer Einstellungen durch die Familie nicht unterschätzt werden.

Darum muss dieses Thema nicht nur im Fernsehen und in der Schule aufgearbeitet werden. Jeder Einzelne sollte sich auch mit und in seiner Familie damit auseinandersetzen.