Orkhan aus Baku ist homosexuell. Für das Interview hat der 19-Jährige ein Pseudonym gewählt, da er aus Sicherheitsgründen nicht mit seinem Namen erwähnt werden will.

ZEIT ONLINE: Orkhan, wie sieht der Alltag von Homosexuellen in Baku aus?

Orkhan: Wir reden nicht viel darüber, nicht mal mit Freunden und der Familie. Nur eine Minderheit erzählt ihrer Familie, dass sie schwul, lesbisch, bisexuell oder transgender ist. Die Gesellschaft spricht nicht über Homosexualität. Sie respektiert uns nicht als Individuen, sondern beleidigt uns.

ZEIT ONLINE: Was sind die Gründe für diese Feindseligkeit?

Orkhan: Religion, Tradition, Konservatismus. Die Religion – die meisten Aserbaidschaner sind Schiiten – ist einer der Hauptgründe. Ein anderer Grund ist Nationalismus. Es wird gesagt, Homosexualität sei für unsere Nation nicht natürlich.

ZEIT ONLINE: Gibt es Organisationen, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender – kurz: LGBT – einsetzen?

Orkhan: Nein, es gibt keine Organisation, die für unsere Rechte kämpft. Ich habe gehört, dass es zwei Organisationen geben soll, die Seminare veranstalten, aber es gibt keine wirklichen Informationen darüber. 

ZEIT ONLINE: Seit einem Jahr gibt es die Website gay.az . Wofür steht diese Website?

Orkhan: Das ist eine private Initiative. Der Gründer der Website wollte das Leben von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender sichtbar machen und ein Tabu brechen. Zum Beispiel werden Artikel aus anderen Sprachen übersetzt, vor allem von russischen Seiten. Im Forum von gay.az sind mehr als 700 User registriert, aber leider sind pro Tag meistens nur etwa 20 bis 30 davon aktiv.

ZEIT ONLINE: Was sind die wichtigsten Themen, über die in der Community gesprochen wird?

Orkhan: Die tägliche Intoleranz und der Kampf dafür, verstanden zu werden. Im Zentrum von Baku ist es okay, darüber zu sprechen. Aber schon die Vorstädte von Baku sind viel religiöser und viel konservativer und in den Kleinstädten ist die Intoleranz noch größer.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 2000 wurde das Gesetz abgeschafft, das Homosexualität verbot. Das war Bedingung zur Aufnahme von Aserbaidschan in den Europarat.

Orkhan: Ja, Homosexualität ist seitdem legal. Aber toleriert wird sie nicht. Das Gesetz wurde von denen abgeschafft, die an der Macht waren. Wenn die Bevölkerung gefragt worden wäre, hätte sie gegen die Abschaffung des Gesetzes gestimmt.

ZEIT ONLINE: Im Report Forced out. LGBT People in Azerbaijan der Europa-Sektion der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association ILGA von 2006 steht, dass Homosexuelle auf Polizeistationen vergewaltigt und Transvestiten bei Razzien in Bars zusammengeschlagen wurden.

Orkhan: Diesen Report kenne ich nicht. Aber ich habe gehört, dass es Gewalt gegen Homosexuelle gibt; als Augenzeuge habe ich es nicht gesehen. Freunde von mir haben jedoch beobachtet, dass Klassenkameraden in der Schule geschlagen wurden. So ist die generelle Einstellung.

ZEIT ONLINE: Gibt es Bars oder Clubs in Baku, in denen sich die Community trifft?

Orkhan: Nein, die gibt es in Baku nicht. Das würde die Stadtregierung auch nicht erlauben. Es soll jedoch Clubs geben, die Gäste tolerieren, die nicht heterosexuell sind – und wo man nicht herausgeworfen wird, wenn man zeigt, dass man schwul ist.