Bewohner eines Pflegeheimes in der Nähe von München © Michaela Rehle/Reuters

Die teils skandalösen Zustände in der Altenpflege in Deutschland haben sich laut einem Bericht der Krankenkassen deutlich verbessert: Pflegedienste und -heime arbeiten demnach heute besser als noch vor fünf Jahren, als ein Report gravierende Mängel im Umgang mit den Patienten offen legte. "Vor allem bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung sowie im Umgang mit Menschen mit Demenz gab es Fortschritte", teilte der Medizinische Dienst der Krankenkassen mit.

Die Ernährung war demnach bei 95 Prozent der untersuchten Pflegeheimbewohner angemessen. Der Anteil der ausreichend ernährten Patienten hat sich im Vergleich mit dem vergangenen Bericht von 2007 auf 80 Prozent erhöht.

Bei anderen Pflegeproblemen offenbarten sich jedoch noch Schwächen, etwa beim Vermeiden von Druckgeschwüren. Bei etwa 40 Prozent der Patienten mit Dekubitus-Risiko fehlte die erforderliche Prophylaxe wie etwa Lagerungswechsel oder geeignete Hilfsmittel vollständig oder teilweise. Im Vergleich zum Bericht von 2007 habe sich da nichts verbessert, heißt es.

"Die gute Nachricht ist, dass sich die Qualität der Pflege positiv weiterentwickelt hat", sagte Gernot Kiefer, Vorstand des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen. Die Pflegebedürftigen würden heute besser versorgt als noch vor einigen Jahren. "Es gibt aber nach wie vor viel zu tun. Die Tatsache, dass es insgesamt besser geworden ist, heißt nicht, dass es überall gut ist", sagte Kiefer.

Die Krankenkassen prüfen die Pflegeeinrichtungen seit 2008 regelmäßig. Der Trend zur Verbesserung sei auch durch die Qualitätsprüfungen des Medizinischen Dienstes gekommen, sagte dessen Geschäftsführer Peter Pick. Trotzdem könne man nicht zufrieden sein, weil sich bei einigen Kriterien zu wenig bewegt habe. Die Einrichtungen seien gefordert, "ihr qualitätsgeleitetes Arbeiten auszubauen".

Hospiz-Stiftung fordert Aufklärung

Der Dienst hat in seinem Bericht die Qualitätsprüfungen von Juli 2009 und dem Dezember 2010 zusammengefasst. Insgesamt wertete er 8.101 Besuche in Pflegeheimen und 7.782 in ambulanten Pflegediensten aus. Somit begutachteten die Experten etwa 62.000 Pflegeheimbewohner sowie etwa 45.000 Patienten, die von ambulanten Pflegediensten betreut wurden. Die Fachleute prüften die Pflegemaßnahmen und befragten die Patienten nach ihrer Versorgungssituation.

Die Deutsche Hospiz Stiftung hatte von den Krankenkassen vor Veröffentlichung des Berichtes verlangt, sämtliche Missstände aufzudecken. Der Vorstand der Patientenschutzorganisation ging davon aus, dass es nach wie vor gravierende Mängel in diesem Bereich gibt und hatte beklagt, 42 Prozent der Menschen in Pflegeheimen lebten unter freiheitsentziehenden Maßnahmen. Der Medizinische Dienst widersprach der Stiftung, dies betreffe nur 20 Prozent der Patienten. Bei jedem zehnten fehle jedoch die dafür erforderliche Genehmigung. Das müssten die Einrichtungen verbessern.  

Ein vorhergehender Bericht  über die Qualität der Pflege war 2007 erschienen und hatte eine Debatte über den Umgang mit Pflegebedürftigen ausgelöst. Denn laut dem damaligen Report mangelte es etwa jedem dritten Betroffenen an Nahrung und Flüssigkeit. Bei jedem zehnten Heimbewohner und bei 5,7 Prozent der Pflegebedürftigen daheim stellten die Prüfer akut unzureichende Pflege fest.

Pflege-TÜVals Kontrollsystem

Der Bericht der Krankenkasse ist eines von zwei Systemen, das die Pflegequalität sichern soll. Neben dem Bericht bewerten der TÜV und der Pflegeverband bpa die Güte von Einrichtungen – im sogenannten Pflege-TÜV, durch den die Heime und Pflegedienste Noten erhalten.

Dieses Prüfsystem hatte der Staat eingeführt, um den vor Jahren festgestellten Missständen zu begegnen. Wenn Heimbewohner im Bett mit Bändern fixiert oder mit Gittern dort gehalten werden, müsse dies auch in die Notengebung des Pflege-TÜV eingehen, forderte der Vorstand der Hospiz-Stiftung, Eugen Brysch.

Debatte im Parlament

Um die Pflege zu verbessern, hatte die Bundesregierung Ende März einen Gesetzentwurf zur Neuausrichtung der Pflege verabschiedet. Ausschlaggebend für den Entwurf war, dass Menschen immer älter werden und Altersdemenz häufiger auftritt. Derzeit sind 2,4 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, in wenigen Jahren werden es laut Schätzungen etwa vier Millionen sein.

Am Donnerstag wird die Pflegereform der Koalition erstmals im Bundestag debattiert. Union und FDP wollen höhere Leistungen für rund 500.000 Demenzkranke auf den Weg bringen.

Zahl der Demenzkranken steigt

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sprach sich dafür aus, den Zuzug ausländischer Pflegekräfte zu erleichtern. Angesichts der steigenden Zahl alter und verwirrter Menschen werde Deutschland die Nachfrage nach gut ausgebildeten Pflegern kaum decken können, sagte er. "Wir werden auch in der Pflege Zuwanderung von qualifizierten Kräften aus dem Ausland brauchen."

Bahr verwies auf die zum 1. April umgesetzte Gesetzesänderung, durch die die die Grenze für das Mindesteinkommen von Einwanderern von 66.000 Euro im Jahr auf nun knapp 45.000 Euro sank. Für ausländische Ärzte gilt eine noch niedrigere Gehaltsschwelle. "Diesen Mut sollten wir jetzt auch bei den Pflegekräften aufbringen."

Im Hinblick auf den steigenden Altersdurchschnitt der Deutschen verlangte der Deutsche Ethikrat mehr Geld und mehr Freiräume für die heute etwa 1,2 Millionen Demenzkranken. Einer Stellungnahme der Regierungsberater zufolge wird die Zahl der Betroffenen bis 2050 auf mehr als zwei Millionen Menschen wachsen.