MedienWie die "Weltwoche" das Bild der Roma verzerrt

Auf dem Cover der Schweizer "Weltwoche" wurden die Roma zu Räuberhorden. Damit hat das Blatt viel Empörung ausgelöst. Der Fotograf des Bildes fühlt sich missbraucht. von Andrea Dernbach

Screenshot mit "Weltwoche"-Titeln

Screenshot mit "Weltwoche"-Titeln  |  © Die Weltwoche/Screenshot www.weltwoche.ch

Als der italienische Fotograf Livio Mancini vor vier Jahren in Kosovo arbeitete, wollte er einen Skandal dokumentieren: "Ich wollte zeigen, dass sogar in Europa Menschen auf Müllhalden leben." Mancini fotografierte Roma-Kinder in einem Slum am Rande der Stadt Gjakova, wo sie und ihre Familien nach dem Krieg strandeten. Ihre Hütten stehen auf dem giftigen Grund der Halde. Die Familien leben von dem, was sie auf dem Müllberg finden und was sich noch verwenden und verkaufen lässt. "Die Kinder kennen nur diese Müllhalde, einen Spielplatz voller Gift, der krank macht."

Mancinis Serie über die Kinder vom Müllplatz illustriert keinesfalls einen tragischen Einzelfall: Die zehn bis zwölf Millionen Sinti und Roma sind nicht nur Europas größte Minderheit, sondern auch die mit den übelsten Lebensbedingungen. Die überwiegende Mehrheit ist arm bis bitterarm, nach wie vor von Pogromen bedroht – 2009 fielen nachweislich elf Roma in Ungarn Hassmorden zum Opfer – und auch die Gutausgebildeten unter ihnen sind praktisch ohne Chance auf reguläre Arbeit. Erst im letzten Jahr verpflichteten sich, wesentlich auf Betreiben Ungarns, alle EU-Staaten auf eigene Programme, gegen das Elend der Roma vorzugehen.

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Mancinis Bilder prangerten die Lage an. Doch nun ist ausgerechnet eines dazu genutzt worden, den Spieß umzudrehen und das Opfer zum Täter zu machen. Die Zürcher Weltwoche , einst linksliberal, doch seit einem Jahrzehnt unter ihrem Chefredakteur und Eigentümer Roger Köppel für aggressiven Rechtspopulismus berüchtigt, dekorierte damit den Titel ihrer Osterausgabe. Unter dem kleinen Roma im Kindergartenalter, der mit einer Pistole posiert, setzt das Blatt Zeilen wie einen Aufschrei: "Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz . Familienbetriebe des Verbrechens".

Mancini nennt dies in einer Mail an den Tagesspiegel einen "Missbrauch meines Fotos". Die Kölner Fotoagentur laif , die Mancinis Fotos in den deutschsprachigen Ländern vertreibt, wird noch deutlicher: Die Weltwoche habe das Bild "sinnentstellend und wahrheitsverändernd" verwendet und dessen Aussage ins Gegenteil verkehrt, heißt es auf ihrer Website. Dort appelliert laif gleichzeitig an alle Bildredaktionen, dokumentarische Fotografie nicht außerhalb ihres Kontextes einzusetzen. "Wir leben in einer zunehmend visuellen Welt. Dazu brauchen wir eine visuelle Ethik, die dem wirklichen Inhalt der Bilder und der Intention des Bildautors verpflichtet ist!"

"Öffentlich unter Generalverdacht gestellt"

Peter Bitzer, der Geschäftsführer von laif, hat nach eigenen Angaben auch einen entsprechenden Brief an die Bildredaktion der Weltwoche geschrieben. Zurzeit seien keine weiteren Schritte geplant. Die Weltwoche , sagt Bitzer, sei seit vielen Jahren eine gute Kundin von laif, und der Fall sei der erste dieser Art. "Da redet man erst einmal und packt nicht gleich die juristische Keule aus." Die allerdings gibt es: Die Verwendung des Bildes "war ein klarer Verstoß gegen unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen", sagt Bitzer. Das nehme insgesamt zu, und "das macht mir Sorge".

Klagen tun derzeit andere. In der Schweiz, Österreich und Deutschland haben einzelne Bürger die Weltwoche angezeigt, weil sie Antirassismus-Gesetze verletzt sahen. In Deutschland beantragte der Zentralrat der Sinti und Roma zudem, dass der Vertrieb des Blatts hierzulande gestoppt wird. Dessen Vorsitzender Romani Rose sieht "rassistische Stereotypen im Stile der nationalsozialistischen Zuschreibungen gegenüber der Minderheit befördert". Sinti und Roma würden so "öffentlich unter Generalverdacht gestellt".

Philipp Gut, stellvertretender Chefredakteur der Weltwoche und Mitautor der Roma-Story, sagte dem Tagesspiegel , er weise die Vorwürfe "absolut zurück". Das Foto symbolisiere "den Missstand, dass Kinder der Roma für kriminelle Zwecke eingesetzt werden": Die Datenbasis dafür sei da. Im Übrigen werde jedes Foto in den Medien aus dem Ursprungszusammenhang gerissen, wenn es mit einer neuen Geschichte gedruckt werde, "das ist ein völlig alltäglicher Vorgang". Der Fotograf hätte die Verwendung seines Bildes einschränken können, das habe er aber nicht getan. Insofern sei die aktuelle Empörung "absolute Heuchelei".  

Livio Mancini kann dem Titel der Weltwoche ohnedies auch etwas abgewinnen. Die Lage der Roma ist nach Ansicht des Fotografen durch die Wut über die Zürcher Zeitungsmacher wieder zurück auf der Agenda: "Nach alledem gibt es in diesen Tagen ein neues Interesse an dem Thema. Und darüber bin ich froh."

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • pelayo
    • 13. April 2012 14:43 Uhr

    Liebe "Dame von Welt", Sie haben durchaus recht. In Ihrem Sinne bin ich "Integrationsverweigerer" und dazu stehe ich. Ich sehe es nämlich nicht ein, dass das kleine, enge Deutschland Zufluchtsort für alle Mühseligen und Beladenen dieser Welt bleiben soll. Ihre "Willkommenskultur" können Sie für sich persönlich praktizieren (Übernahme von Kosten!)und es würde Sie ehren, wenn Sie es tun würden, allein, mir fehlt der Glaube. Wie lange noch soll die Deutsche Zipfelmütze dies alles schultern ? wir leben jetzt schon auf Pump nachfolgender Generationen und hinterlassen ihnen ein unregierbares Land (siehe ehem.Jugoslawien.
    Ich gehe fest davon aus, dass auch Sie entweder zum Empfängerkreis der Transferleistungen gehören oder kräftig an der Migrationsindustrie verdienen.

  1. Vielen Dank für Ihre *freundlichen* Ratschläge.
    Auf Ihre uninformierten, rassistischen und persönlichen Ausfälle werde ich nicht mehr groß eingehen, nur soviel: weder bin ich 'beflügelt, uns diese Leute ins Land holen zu wollen' noch gehöre ich 'entweder zum Empfängerkreis der Transferleistungen' oder verdiene 'kräftig an der Migrationsindustrie'.

    Sondern ich denke lösungsorientiert und informiere mich, bevor ich Kommentare schreibe. Leider versäumen Sie beides. Das erschwert den Austausch. Als Projektionsfläche für Ihre Ressentiments möchte ich mich nicht benutzen lassen. In diesem Sinn: guten Tag.

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    bestehen Ihre Lösungsvorschläge ausnahmslos darin, jedem Mühseligen und Beladenen einen Platz im sozialen Netz unserer Heimat anzubieten. Man fragt sich, was Sie dazu beflügelt. Purer Altruismus? Wieso üben Sie den nicht Ihren Mitbürgern gegenüber? Da setzen Sie lieber auf gnadenlose Ausbeutung.

    bereits öffentlich gekniffen, doch muß ich Sie für diesen Angriff noch festnageln: nennen Sie mir einen "rassistischen Ausfall" meinerseits.

    Nein? Finden Sie nicht? Gibt es auch nicht. Sie benutzen diesen Anwurf als beliebiges Totschlag-Argument.

  2. liegt zwar schon einige Zeit zurück, aber seitdem ist es, was Deutsche betrifft leider rasant schlechter geworden

    http://www.stern.de/polit...
    oder
    Ihr Schweizer Fernsehen:

    http://www.wissen.sf.tv/D...

    Meine Bezeichnung "Hofsänger" aus der Schweiz, trifft den Nagel auf den Kopf. Entweder man redet wovon man keine Ahnung hat oder man sagt bewusst die Unwahrheit

  3. und Sie kommen nur besuchtsweise in die Schweiz. Dann sind Sie wohl undercover in der Schweiz. Um Erfahrungen sammeln und mitreden zu können, müssten Sie dort mal einige Jahre unter den Eidgenossen in Hehlvetia gelebt haben.
    Und Ihre bösartigen Unterstellungen Preussen gegenüber sollten Sie doch bitte schön, künftig gefälligst unerlassen.
    Da hinterlassen Sie auf einem gesamtdeutschen Forum keinen guten Eindruck.

  4. bestehen Ihre Lösungsvorschläge ausnahmslos darin, jedem Mühseligen und Beladenen einen Platz im sozialen Netz unserer Heimat anzubieten. Man fragt sich, was Sie dazu beflügelt. Purer Altruismus? Wieso üben Sie den nicht Ihren Mitbürgern gegenüber? Da setzen Sie lieber auf gnadenlose Ausbeutung.

    Antwort auf "@81 und 82"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    unzumutbar.
    Das sind doch Leute, die in Armut und Not aufgewachsen und zu den "Mühseligen und Beladenen" die meisten ihr einziges Leben lang, gehören. Sie hocken wahrscheinlich bequem zuhause, nasebohrend vor Ihrem PC und schreiben widerliche Blogs und hacken auf Leute rum, die von Jugend an in Armut und Not aufgewachsen sind und tun als ob diese selbst an ihrem menschlichen Unglück schuld sind. Sie dagegen sind eine wohlhabene Umwelt geboren und aufgewachsen und machen jetzt in eigener Sache als Egoist eine selbstgerechte Rechtfertigung. Würde Ihnen eine Wiedergeburt wünschen, in der Sie von Geburt an einen Leidensweg durchmachen müssen, wie diese "Mühseligen und Beladenen" hier. Wenigstens eines sollte man von den auf der Sonnenseite des Lebens Stehenden verlangen können: Keine arroganten Sprüche über benachteiligte Menschen, wenn man schon nicht bereit oder in der Lage ist, ihnen zu helfen oder nach Lösungsansätzen hierzu zu suchen.

  5. unzumutbar.
    Das sind doch Leute, die in Armut und Not aufgewachsen und zu den "Mühseligen und Beladenen" die meisten ihr einziges Leben lang, gehören. Sie hocken wahrscheinlich bequem zuhause, nasebohrend vor Ihrem PC und schreiben widerliche Blogs und hacken auf Leute rum, die von Jugend an in Armut und Not aufgewachsen sind und tun als ob diese selbst an ihrem menschlichen Unglück schuld sind. Sie dagegen sind eine wohlhabene Umwelt geboren und aufgewachsen und machen jetzt in eigener Sache als Egoist eine selbstgerechte Rechtfertigung. Würde Ihnen eine Wiedergeburt wünschen, in der Sie von Geburt an einen Leidensweg durchmachen müssen, wie diese "Mühseligen und Beladenen" hier. Wenigstens eines sollte man von den auf der Sonnenseite des Lebens Stehenden verlangen können: Keine arroganten Sprüche über benachteiligte Menschen, wenn man schon nicht bereit oder in der Lage ist, ihnen zu helfen oder nach Lösungsansätzen hierzu zu suchen.

    Antwort auf "@ 83 Leider"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bin nicht Mitglied der SVP.
    Sie wissen nichts über mich.
    Sie malen sich ein beliebiges Feindbild.
    Und jetzt glauben Sie, Sie sind ein besserer Mensch als ich?
    Schämen Sie sich.
    Wir haben mit den Roma nichts zu schaffen.
    Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens und Rumänien versuchen, ihre Roma bei uns loszuwerden.
    Das war bei der EU-Aufnahme zu erwarten.
    Dem müssen wir entgegentreten.

    • th
    • 13. April 2012 21:37 Uhr

    der Bandenkriminalität auch unter den hier ansässigen Sinti gibt? Die übrigens hier zur Schule gegangen sind, hier eine Familie gegründet haben, hier arbeiten oder arbeitslos sind, und, falls sie sich in sozialer Schieflage befinden, denselben Anspruch auf "Stütze" haben, wie die übrigen Deutschen?

    Zitat:
    "Es stellt doch niemand in Abrede, daß es Bandenkriminalität unter Sinti und Roma gibt!"

    Wieder so eine Gedankenlosigkeit ...

    Antwort auf "ff...."
    • th
    • 13. April 2012 21:41 Uhr

    wie man eingewanderten Leuten, oder wenigstens ihren Kindern, helfen kann, zu erfolgreichen und nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu werden.

    Und wie man, falls man sich überfordert fühlt, Einwanderung kontrollieren kann, ohne in Unmenschlichkeit zu verfallen.

    Und warum man nicht in den Heimatländern der Leute etwas Druck ausüben kann, damit sie dort anständig leben können?
    Anscheinend funktionierte das - als eine der wenigen Angelegenheiten, von denen man das sagen könnte - doch im Sozialismus erheblich besser?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenigstens (einfache) Arbeit und ordentliche Wohnungen.
    Jetzt haben sie dort außer Ächtung, Elend und heruntergekommener Elendsquartiere nichts mehr.

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  • Schlagworte Minderheit | Rechtspopulismus | Tagesspiegel | Kosovo | Schweiz | Ungarn
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