Jung, tätowiert und gewalttätig: El Salvadors berüchtigte Jugendgangs sind verantwortlich für brutale Morde, Erpressungen, Zwangsprostitution, Drogen- und Menschenhandel. Die Mara-Banden, deren Mitglieder sich die Namen der einzelnen Gruppierungen "M", "MS" oder die "13" als Erkennungsmerkmal in die Haut tätowieren, gelten als das personifizierte Böse. Von El Salvador breiteten sich ihre Gewaltorgien über ganz Mittelamerika aus, bis in die Latino-Ghettos der US-Millionenmetropolen wirken die Jugendgangs.

Die Gewalt findet ihren Niederschlag in der Statistik. El Salvador gilt wegen seiner Rate von 62 Morden auf 100.000 Einwohner als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Laut UN-Angaben werden täglich zwölf Menschen umgebracht. Allein in El Salvador soll es nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen mehr als 100.000 Mitglieder der vielschichtigen Mara-Gangs geben.

Die Ursachen für die Gewalt sind die gleichen wie in Mexiko , Brasilien oder Venezuela : Eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Bildungseinrichtungen in den Armenvierteln und eine damit verbundene Ausweg- und Perspektivlosigkeit treiben die Kinder und Jugendlichen in die Arme der kriminellen Banden, die das schnelle Geld versprechen. Bislang reagierte die Politik darauf immer auf die gleiche Weise.

Symbolische Versöhnung im Gottesdienst

In Mexiko liefern sich Armee und Polizei einen blutigen Krieg mit der Drogenmafia. Das Ergebnis sind immer mehr Tote, Woche für Woche finden Schreckensmeldungen über enthauptete Menschen oder in Säure aufgelöste Opfer den Weg in die Schlagzeilen. In Brasilien säubern Sicherheitskräfte im Vorfeld der WM und Olympischen Spiele die Favelas von Rio de Janeiro, doch auch dort lässt sich die Gewalt damit nicht eindämmen, sondern nur ausquartieren.

In Venezuela werden regierungstreue Bürgermilizen gar mit Waffen ausgerüstet, um "die Revolution" von Präsident Hugo Chavez zu verteidigen. Das Ergebnis: Caracas ist zur Mordhauptstadt Nummer eins in Südamerika aufgestiegen. Und in Kolumbien verfolgt der Staat im Drogenkrieg seit Jahren die gleiche Strategie: Auch dort ist das Ergebnis enttäuschend. Zwar ging die Kriminalität in den großen Städten zurück, dafür steigt die Zahl der Opfer auf dem Land. Obendrein ist die Armee in schwere Menschenrechtsverletzungen verwickelt.

Das kleine mittelamerikanische Land El Salvador versucht nun einen anderen Weg. Das Experiment begann vor ein paar Wochen im Hochsicherheitsgefängnis von Zacatecoluca mit der Unterzeichnung eines inoffiziellen Waffenstillstandes. Wenig später reichten sich Erzbischof Luigi Pezzuto, Apostolischer Nuntius in El Salvador, und Dionisio Umanzor, Chef der berüchtigten Mara-Bande "MS 13", während eines Gottesdienstes die Hände. Die symbolische Geste bildete den Auftakt zu einem Versuch, die Gewalt nicht mehr nur mit Polizei und Armee sondern mit Gesprächen und Vertrauen zu bekämpfen. "Im Namen meiner Organisation bitte ich die Gesellschaft um Entschuldigung und um die Chance, uns zu bessern", bat Gangchef Umanzor. "Ich möchte, dass sie verstehen, dass wir das für das Volk machen, denn es ist das Volk, das leidet.