Canset Içpınar und Elif Gümüş sind Freundinnen. Sie sind ungefähr gleich alt, sind beide in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen und haben 2003 gemeinsam beschlossen, in Frankfurt an der Oder zu studieren, weil dort der Numerus Clausus zu bewältigen war. Hier schildern die beiden Frauen, wie sie ihre Zeit im Osten Deutschlands an der Grenze zu Polen erlebten.

Canset Içpınar: Niemand hat das Recht, mich rauszuekeln

Ich war nicht besonders angetan davon, nach Frankfurt an der Oder zu ziehen. Aber ich wollte Jura studieren und wusste, an der Freien Universität in Berlin wird das nicht klappen. Als ich 2003 in Frankfurt ankam, dachte ich: Überall Plattenbau, sieht nicht gerade schön aus. Ich bekam dann auch sehr schnell Gerüchte über die rechte Szene zu hören. Von Überfällen auf türkische Imbisse oder von Angriffen gegen Menschen, die nicht deutsch aussehen. Einmal saß ich in der Straßenbahn hinter einem Typen der sich "SS" auf die Fingerrücken tätowiert hatte. Da dachte ich: Meine Güte, du sitzt hier gerade hinter einem Nazi, ob der wohl merkt, dass du Ausländerin bist?

Ich bin 1984 in Berlin geboren und Tochter türkischer Gastarbeiter. Ich gehöre zur dritten Generation und bin in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen.

Als Elif und ich Berlin verlassen haben, haben wir oft zu hören bekommen: Wie, ihr wollt nach Frankfurt gehen? Das war irgendwie nicht cool. Die Viadrina Universität war damals schon eine renommierte Hochschule, aber dort wollte einfach keiner hin. Das hat sich erst in den letzten Jahren verändert.

Uni versus Stadt

Es gab aber sehr viele Studenten aus dem Ausland an der Universität. Die meisten kamen aus Osteuropa . In gewisser Weise waren alle Studenten dort fremd. Zumindest an der Uni war Nationalität kein Thema.

In der Stadt gab es aber nur sehr wenige Menschen mit türkischer oder arabischer Herkunft. Da sind wir schon ziemlich aufgefallen.

Wenn man sich in Kreuzberg oder Neukölln bewegt, muss man sich keine Gedanken darüber machen, ob man vielleicht zu türkisch aussehen könnte. Aber in Frankfurt haben solche Gedanken plötzlich zum Alltag gehört. Am Anfang haben wir uns davon sehr vereinnahmen lassen und zum Beispiel in der S-Bahn nicht türkisch miteinander gesprochen.

Angst in der Regionalbahn

Nach einem Jahr zog Elif zurück nach Berlin und wir haben unsere Wohnung aufgelöst. Ich bin dann zwischen Berlin und Frankfurt gependelt. Da musste ich manchmal nachts mit der Regionalbahn fahren. Jedes Mal, wenn jemand einstieg, habe ich mir genau angeschaut, was das für ein Typ ist. Ich habe immer darauf geachtet, nicht alleine im Abteil zu sitzen, ich habe mich meistens zu Frauen oder älteren Menschen gesetzt. Nach einer Weile hat meine Angst nachgelassen, weil ich gesehen habe, dass mir nichts passierte.

Als ich merkte, dass ich mich für Jura doch nicht interessierte, habe ich dann in Berlin Geschichte und Kultur des Vorderen Orients, Sinologie und Publizistik studiert. Heute arbeite ich als Freie Journalistin in Berlin.

Seit dem Bekanntwerden der NSU-Mordserie bin ich für das Thema Rassismus viel stärker sensibilisiert. Nicht jeder Rassist ist ein Nazi, aber es gibt mehr Menschen mit rechten Einstellungen in der Mitte unserer Gesellschaft , als ich mir je vorgestellt habe. Wenn ich total frustriert bin, denke ich manchmal: Ich packe einfach meine Sachen und gehe. Aber ich glaube nicht, dass das die Lösung wäre. Ich bin hier. Und niemand hat das Recht, mich rauszuekeln.