Leben mit RassismusIch war schon immer hier

In Berlin war die Welt in Ordnung. Als Ausländerinnen fühlten sich die Kreuzbergerinnen Canset Içpınar und Elif Gümüş erst, als sie in Frankfurt an der Oder studierten. von 

Canset Içpınar und Elif Gümüş

Canset Içpınar und Elif Gümüş  |  © Kilian Mueller für ZEIT ONLINE

Canset Içpınar und Elif Gümüş sind Freundinnen. Sie sind ungefähr gleich alt, sind beide in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen und haben 2003 gemeinsam beschlossen, in Frankfurt an der Oder zu studieren, weil dort der Numerus Clausus zu bewältigen war. Hier schildern die beiden Frauen, wie sie ihre Zeit im Osten Deutschlands an der Grenze zu Polen erlebten.

Canset Içpınar: Niemand hat das Recht, mich rauszuekeln

Leben mit Rassismus

Viele Migranten in Deutschland erleben Vorurteile und Rassismus. Wie gehen sie damit um? Mit diesen Blicken, Worten, Rangeleien oder sogar Gewalttaten? In unserer Themenwoche Leben mit Rassismus berichten ganz unterschiedliche Menschen, welche Rolle Rassismus in ihrem Leben in Deutschland spielt – und wie sie sich dagegen wappnen. Ihre Erfahrungen und ihre Sichten auf die Deutschen sind so individuell wie sie selbst.

Wir entwickeln keine neuen Theorien und hantieren nicht mit abstrakten Begriffen. Wir zeigen keine Prototypen – weder Opfer noch Täter. Stattdessen lassen wir Individuen zu Wort kommen.

Auch Ihre Berichte können Teil der Woche werden: Wie leben Sie mit Rassismus in Deutschland? Schreiben Sie einen Leserartikel.

Die Beiträge zur Themenwoche

Migranten – Trotzdem zu Hause

Bayrischer Wald – Der bayerische Inder

Sachsen-Anhalt – Angekommen in Stendal

Rassismus in Sachsen-Anhalt – "Wer aus dem Senegal kommt, wird als Neger beschimpft"

Berlin – Bouba Kabas Weg aus der Wut

Berlin – Fotos von Tatorten von Sabine Schründer

Brandenburg – Ich war schon immer da. Zwei türkischstämmige Berlinerinnen studieren in Frankfurt/Oder

Brandenburg – Herrn Chans Kampf in Cottbus

Thüringen – Zeca Schall: "Wir dulden keinen Rechtsextremismus mehr"

Leben mit Rassismus – Was ist ein Erfolg gegen Rechts?

Leserartikel – Beunruhigende Sprüche am Stammtisch

Leserartikel – Der Russe kommt

Leserartikel - Überfall an der Bushaltestelle

Bilanz - Hochachtung vor menschlicher Größe

Ich war nicht besonders angetan davon, nach Frankfurt an der Oder zu ziehen. Aber ich wollte Jura studieren und wusste, an der Freien Universität in Berlin wird das nicht klappen. Als ich 2003 in Frankfurt ankam, dachte ich: Überall Plattenbau, sieht nicht gerade schön aus. Ich bekam dann auch sehr schnell Gerüchte über die rechte Szene zu hören. Von Überfällen auf türkische Imbisse oder von Angriffen gegen Menschen, die nicht deutsch aussehen. Einmal saß ich in der Straßenbahn hinter einem Typen der sich "SS" auf die Fingerrücken tätowiert hatte. Da dachte ich: Meine Güte, du sitzt hier gerade hinter einem Nazi, ob der wohl merkt, dass du Ausländerin bist?

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Ich bin 1984 in Berlin geboren und Tochter türkischer Gastarbeiter. Ich gehöre zur dritten Generation und bin in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen.

Als Elif und ich Berlin verlassen haben, haben wir oft zu hören bekommen: Wie, ihr wollt nach Frankfurt gehen? Das war irgendwie nicht cool. Die Viadrina Universität war damals schon eine renommierte Hochschule, aber dort wollte einfach keiner hin. Das hat sich erst in den letzten Jahren verändert.

Uni versus Stadt

Es gab aber sehr viele Studenten aus dem Ausland an der Universität. Die meisten kamen aus Osteuropa . In gewisser Weise waren alle Studenten dort fremd. Zumindest an der Uni war Nationalität kein Thema.

In der Stadt gab es aber nur sehr wenige Menschen mit türkischer oder arabischer Herkunft. Da sind wir schon ziemlich aufgefallen.

Wenn man sich in Kreuzberg oder Neukölln bewegt, muss man sich keine Gedanken darüber machen, ob man vielleicht zu türkisch aussehen könnte. Aber in Frankfurt haben solche Gedanken plötzlich zum Alltag gehört. Am Anfang haben wir uns davon sehr vereinnahmen lassen und zum Beispiel in der S-Bahn nicht türkisch miteinander gesprochen.

Angst in der Regionalbahn

Nach einem Jahr zog Elif zurück nach Berlin und wir haben unsere Wohnung aufgelöst. Ich bin dann zwischen Berlin und Frankfurt gependelt. Da musste ich manchmal nachts mit der Regionalbahn fahren. Jedes Mal, wenn jemand einstieg, habe ich mir genau angeschaut, was das für ein Typ ist. Ich habe immer darauf geachtet, nicht alleine im Abteil zu sitzen, ich habe mich meistens zu Frauen oder älteren Menschen gesetzt. Nach einer Weile hat meine Angst nachgelassen, weil ich gesehen habe, dass mir nichts passierte.

Als ich merkte, dass ich mich für Jura doch nicht interessierte, habe ich dann in Berlin Geschichte und Kultur des Vorderen Orients, Sinologie und Publizistik studiert. Heute arbeite ich als Freie Journalistin in Berlin.

Seit dem Bekanntwerden der NSU-Mordserie bin ich für das Thema Rassismus viel stärker sensibilisiert. Nicht jeder Rassist ist ein Nazi, aber es gibt mehr Menschen mit rechten Einstellungen in der Mitte unserer Gesellschaft , als ich mir je vorgestellt habe. Wenn ich total frustriert bin, denke ich manchmal: Ich packe einfach meine Sachen und gehe. Aber ich glaube nicht, dass das die Lösung wäre. Ich bin hier. Und niemand hat das Recht, mich rauszuekeln.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    • sudek
    • 24. Mai 2012 15:22 Uhr

    dass sich trotz der von Ihnen so etwas abwertenden Argumentation und trotz der scheinbar nichtssagen Situationen, sich bei Deutschtürkinnen ein solches starkes Gefühl entwickelt!!

    Obwohl Biodeutscher, habe ich ähnliche Gefühle besonders in FFOder empfunden. Für die dortigen bist Du schon als Westdeutscher Ausländer. Das kann man allerdings nur real vor Ort fühlen!!

  2. 2. [...]

    Entfernt. Verzichten sie auf pauschalisierende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentarbereich für die Artikeldiskussion gedacht ist. Anmerkungen zur Moderation senden Sie deshalb an community@zeit.de Danke, die Redaktion/mk

    • sudek
    • 24. Mai 2012 15:22 Uhr

    dass sich trotz der von Ihnen so etwas abwertenden Argumentation und trotz der scheinbar nichtssagen Situationen, sich bei Deutschtürkinnen ein solches starkes Gefühl entwickelt!!

    Obwohl Biodeutscher, habe ich ähnliche Gefühle besonders in FFOder empfunden. Für die dortigen bist Du schon als Westdeutscher Ausländer. Das kann man allerdings nur real vor Ort fühlen!!

    Antwort auf "[...]"
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    Ich habe für 4 Jahre in FFO studiert und fand die Situation dort auch nicht schlimmer als in anderen Städten. Klar war alles etwas herruntergekommener, rechter und trauriger, aber es war eine der besten Zeiten meines Lebens. Die Uni und die Studenten waren klasse und aufgeschlossen. Es gab leider ein paar Gegenden in denen man sich nachts besser nicht allein rumtreibt (egal ob deutsch oder Ausländer), aber die Stadt in der es das nicht gibt möchte ich mal sehen.

    • pakZ
    • 24. Mai 2012 19:07 Uhr

    ... steht in der kleinen infobox, die vermutlich nicht nur Sie überlesen haben.

    er ist teil einer serie, in der menschen mit migrationshintergrund ihre eindrücke wiedergeben.
    das dabei auch verschiedene facetten bedient werden und nicht ausnahmslos über das leid der armen ausländer schwadroniert wird, liegt wohl daran das wir uns hier bei der ZEIT und nicht bei der BILD befinden.

    ich, für meinen teil, bin jedenfalls froh, daß man nicht im kanon der selbstzerstörerischen kasteiung der gesellschaft mitmacht, sondern auch aufzeigt, daß die dramatisierung in der deutschen medienlandschaft teils arg überspitzt erscheint.

    das rassismus ein problem jeder gesellschaft ist, steht außer frage. aber gerade im anschluß an die NSU-stories tut es mal ganz gut einen schritt zurück zu machen und den kopf ein wenig abkühlen zu lassen.

  3. Scheint bei den beiden doch gut gelaufen zu sein. Allerdings passt dann die Überschrift nicht "Leben mit Rassismus", weil ich hier - außer von Flugblättern - von Rassismus nicht viel gelesen habe.

    Leben ohne Rassismus - DAS wäre noch schöner als Überschrift. Ansonsten kann ich nur sagen: So wie mit den beiden sollte es eigentlich laufen.

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    "Ansonsten kann ich nur sagen: So wie mit den beiden sollte es eigentlich laufen."

    -> sollte es so laufen, dass mal als Ausländer im Osten in ständiger Angst leben muss, und wenn auch nicht persönlich, dann aus dem Umfeld von rechtsradikalen Übergriffen hört? Wenn das ihr Ideal ist, also "es so laufen sollte", dann gute nacht.

    gefragt, wenn sich das Hässliche besser verkaufen lässt.

  4. Ich finde es sehr gut, dass in diesem Artikel die türkischen Sonderzeichen verwendet werden, die für die Aussprache wichtig sind. Französische Accents und die spanische Tilde werden schließlich auch verwendet - Zeit, dass das auch für türkische Wörter normal wird!

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    • spacko
    • 24. Mai 2012 16:04 Uhr

    diese Zeichen sind auf der deutschen Tastatur nicht drauf, deshalb etwas schwierig. Gilt auch für allerhand slawische Buchstaben (Ł,Ľ,ň usw.) Ist weder böse noch respektlos - leider sind unsere Tastaturen eben westeuropäisch. Könnte man vielleicht mal ändern...
    Den Artikel selbst finde ich allerdings auch etwas seltsam. "Leben mit Rassismus" - nur so als Gefühl? Ich war mal in Jakarta gestrandet, ohne Papiere und Geld. Ich bin 1,90 groß. Ich kam mir dort auch seltsam vor, und beobachtet. Ich war auch mal in Jamaika. Nicht alle Jaimaikaner sind nett zu weißen Touristen. Auch ein Spaziergang in Downtown Kingston am hellichten Tag kann sich verdammt seltsam anfühlen. Aber: Leben mit Rassismus? Zwei Jahre verdichtet auf ein komisches Gefühl, einen Nazi in der Straßenbahn und ein dubioses Flugblatt? Also bitte!

  5. Glück gehabt das sie nicht im Spreewald studiert haben

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    Was studiert man denn so im Spreewald?

    bevölkerung den rechten sumpf wachsen läßt

    • tecnyc
    • 24. Mai 2012 15:29 Uhr
    7. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

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    Ich finde die Reportage von Balci wichtig, weil sie zeigt, wie Rassismus funktioniert: Wie er von der Täterseite eher verharmlost wird, ohne jedes Schuldbewusstsein; wie bedrückend er für die Opfer ist, welche Hilflosigkeit er auslösen kann. Und wie orientierungslos Institutionen reagieren können (als wenn sich das Problem nur bekämpfen ließe, wenn man Partei für die eine oder andere Seite ergreift).

    Schade, dass dieser Film oft benutzt wird, um Rassismus zu entschuldigen ("Seht, die sind auch nicht besser!"). Wobei ich natürlich nicht weiß, ob das Ihre Intention war.

    Rassismus - hier in der Form von Mobbing in der Schule - ist immer schlimm. Für die Opfer, weil Demütigung auf Dauer psychisch kaum auszuhalten ist, für die Täter, weil sie den moralischen Kompass und ihre Humanität allmählich verlieren.

    Und das alles gilt natürlich immer, egal wer Opfer und wer Täter ist: für Deutsche, Türken, Russen, Italiener, Muslime, Christen, Weiße, Schwarze und alle anderen.

    ist nun wirklich keine besonders gute Referenz.

    Bitte verstehen Sie mich nicht miß: daß es zu Übergriffen von Einwandererkindern gegen deutsche Kinder kommt, möchte ich weder leugnen noch kleinreden. Das ist schlimm Punkt

    Güner Balci aber bauscht auf, unterschlägt positive Fakten, mißbraucht das Vertrauen von Schulleitung, Lehrern und Schülern in ausgewogene seriöse Berichterstattung und schafft auch mit dem Bohei mit Kamera und vermeintlicher 15-Minuten-Prominenz eine Atmosphäre, in der sich schlecht erzogene Youngster erst so richtig produzieren.

    Das war bei 'Kampf im Klassenzimmer' der Fall, hier der Film http://www.youtube.com/wa... und hier ein Interview mit der Direktorin der Schule in Essen http://www.essen-steht-au...

    Gegen Mobbing an Schulen hilft:
    - ausreichend und gut ausgebildetes Personal von Lehrern, Sozialarbeitern und Psychologen
    - der Abschluß und die konsequente Durchsetzung von Schulverträgen, mit Punkten wie *Verkehrssprache überall in der Schule ist deutsch* und *Verzicht auf jede Form von Gewalt*
    - der politische Wille dazu.

    Ein schönes Beispiel dafür, daß in jeder Hinsicht GUTE Schulen ganz besonders in armen Vierteln nicht nur für die Kindern von Einwanderern immens wichtig sind, sondern auch für die deutschen Kinder.

    Es wäre erfreulich, wenn Kinder als Kinder gesehen und nach ihren individuellen Begabungen gefördert würden und nicht als Rassisten abgehakt werden.

    Und zwar egal, welcher Herkunft.

  6. Ich habe für 4 Jahre in FFO studiert und fand die Situation dort auch nicht schlimmer als in anderen Städten. Klar war alles etwas herruntergekommener, rechter und trauriger, aber es war eine der besten Zeiten meines Lebens. Die Uni und die Studenten waren klasse und aufgeschlossen. Es gab leider ein paar Gegenden in denen man sich nachts besser nicht allein rumtreibt (egal ob deutsch oder Ausländer), aber die Stadt in der es das nicht gibt möchte ich mal sehen.

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