Zeca Schall"Wir dulden keinen Rechtsextremismus mehr"

Vor drei Jahren wurde der thüringische CDU-Politiker Zeca Schall im Wahlkampf bedroht. Seither hat sich in seinem Wahlkreis Hildburghausen viel verändert, erzählt er. von 

ZEIT ONLINE: Herr Schall, 2009 haben Sie in Ihrem Wahlkreis Hildburghausen Morddrohungen von Neonazis bekommen, weil Sie auf Wahlplakaten Ihrer Partei, der CDU , zu sehen waren. Haben Sie darüber nachgedacht, Hildburghausen zu verlassen?

Leben mit Rassismus

Viele Migranten in Deutschland erleben Vorurteile und Rassismus. Wie gehen sie damit um? Mit diesen Blicken, Worten, Rangeleien oder sogar Gewalttaten? In unserer Themenwoche Leben mit Rassismus berichten ganz unterschiedliche Menschen, welche Rolle Rassismus in ihrem Leben in Deutschland spielt – und wie sie sich dagegen wappnen. Ihre Erfahrungen und ihre Sichten auf die Deutschen sind so individuell wie sie selbst.

Wir entwickeln keine neuen Theorien und hantieren nicht mit abstrakten Begriffen. Wir zeigen keine Prototypen – weder Opfer noch Täter. Stattdessen lassen wir Individuen zu Wort kommen.

Auch Ihre Berichte können Teil der Woche werden: Wie leben Sie mit Rassismus in Deutschland? Schreiben Sie einen Leserartikel.

Die Beiträge zur Themenwoche

Migranten – Trotzdem zu Hause

Bayrischer Wald – Der bayerische Inder

Sachsen-Anhalt – Angekommen in Stendal

Rassismus in Sachsen-Anhalt – "Wer aus dem Senegal kommt, wird als Neger beschimpft"

Berlin – Bouba Kabas Weg aus der Wut

Berlin – Fotos von Tatorten von Sabine Schründer

Brandenburg – Ich war schon immer da. Zwei türkischstämmige Berlinerinnen studieren in Frankfurt/Oder

Brandenburg – Herrn Chans Kampf in Cottbus

Thüringen – Zeca Schall: "Wir dulden keinen Rechtsextremismus mehr"

Leben mit Rassismus – Was ist ein Erfolg gegen Rechts?

Leserartikel – Beunruhigende Sprüche am Stammtisch

Leserartikel – Der Russe kommt

Leserartikel - Überfall an der Bushaltestelle

Bilanz - Hochachtung vor menschlicher Größe

Zeca Schall: Darüber habe ich nachgedacht, aber die Neonazis sagten damals, es sei egal, wo ich in Deutschland hinziehe, sie würden mich sowieso finden. Also habe ich mich entschieden, hier zu bleiben –  und dafür zu kämpfen, dass es so etwas in Deutschland nie wieder geben wird.

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ZEIT ONLINE: Auch vor 2009 sind Sie von Rechtsradikalen attackiert worden.

Zeca Schall
Zeca Schall

Der CDU-Politiker Zeca Schall wurde 1963 in Angola geboren. 1988 kam er ins thüringische Hildburghausen, wo er bis heute lebt. Kurze Zeit nach seiner Ankunft begann er, sich für die Integration von Einwanderern zu engagieren und war in verschiedenen kirchlichen Organisationen tätig. Seit 2005 ist Schall Mitglied der CDU.

Schall: Das stimmt, zweimal. Vor ungefähr 15 Jahren war ich in der Disco. Auf dem Heimweg gab es Handgreiflichkeiten mit zwei Rechten. Damals sind mir meine Freunde zu Hilfe gekommen und die Nazis sind weggelaufen. Ein paar Tage später hat die Polizei herausgefunden, wer die Angreifer waren.

Beim zweiten Mal wurde ich nicht selbst attackiert, sondern ich war abends auf einer Veranstaltung von einem Freund. Plötzlich kamen Bekannte hereingelaufen und riefen, draußen werde ein dunkelhäutiger Mann von Neonazis angegriffen. Ich bin dann raus und dazwischen gegangen, habe die Polizei angerufen. Die Polizisten waren innerhalb von zwei oder drei Minuten da. Einen der Täter konnte ich festhalten, die anderen sind geflohen.

ZEIT ONLINE: Werden Sie heute noch bedroht?

Schall: Das hat aufgehört. Es hat sicher damit zu tun, dass wir Unterstützung aus ganz Deutschland erhalten haben. In vielen Orten wurde Anzeige gegen diejenigen erstattet, die diffamierende NPD-Plakate aufgehängt hatten, auf denen ich 2009 auch zu sehen war. Die Beteiligten wurden bestraft. Seitdem ist erst einmal Ruhe.

ZEIT ONLINE: 2010 gab es aber eine größere Demonstration von Neonazis in Hildburghausen. Muss man in Ihrer Heimatstadt um sein Leben fürchten, wenn man nicht deutsch aussieht?

Schall: Nein, muss man nicht. Ja, es gab 2010 eine Demonstration von Rechten auf dem Marktplatz, aber die Bürger haben sich gegen die Demonstration gewehrt. Mittlerweile leben in Hildburghausen mehrere dunkelhäutige Menschen.

Leserkommentare
  1. Da er selber schwarz ist, glaube ich ihm seine Worte eher als den weißen Politikern. Er weiß wenigstens wie sich das anfühlt.

    Ich denke da spielt auch groß eine Rolle, dass das Land nicht mehr die Augen verschließen konnte als plötzlich ein Politiker angegriffen und bedroht wurde. Vorher konnte man das noch als "bedauerliche Einzelfälle" abtun. Das Hr. Schall bedroht wurde hat wohl einigen endlich gezeigt das die Position um jemanden zu bedrohen irrelevant ist.

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    • hurt
    • 25. Mai 2012 10:36 Uhr

    ... die Gesellschaftliche Einsicht, dass Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, sexuelle Gesinnung oder sonst so etwas nicht auf die Eigenschaften eines Menschen hindeuten. Wir brauchen nicht mehr schwarze Politiker, oder mehr Frauen in Führungspositionen, sondern wir brauchen unempfindlichkeit gegenüber derartiger Attribute. Wenn jemand in seiner Tätigkeit gut ist oder nicht, dann sollte dies eben das Kriterium für dessen Verbleib in dieser Tätigkeit sein, nicht irgendwelche Äußerlichkeiten.

    • vonDü
    • 25. Mai 2012 10:45 Uhr

    "Da er selber schwarz ist, glaube ich ihm seine Worte eher als den weißen Politikern. Er weiß wenigstens wie sich das anfühlt."

    Klingt auf den ersten Blick ganz gut, und erhält entsprechenden Beifall. Bei genauerer Betrachtung, ist die These nicht haltbar und im Grunde nichts anderes, als eine andere Form der Diskriminierung.

    Man braucht Politiker, die bestimmte dringende Themen entsprechend bearbeiten, und vor allem solche, die die Intention ihrer Politik vermitteln können. Ich wüsste nicht, warum Hautfarbe dafür eine besondere Qualifikation darstellen sollte?

    Weil nur ein Schwarzer wissen kann, wie sich Diskriminierung anfühlt? Dem widerspricht schon die Palette der Einzelschicksale die die ZEIT ausgewählt hat. Warum nicht mehr asiatische Politiker?

    Was wir nicht brauchen, sind Politiker die mit Vorwürfen und erhobenen Zeigefinger, die Gesellschaft in ihrem Sinne "nötigen" möchten.

    Wir brauchen auch keine Politiker, die sich nur um eine Facette von Diskrimierung kümmern. Diskriminierung schafft Leiden, dort wo sie auftritt. Gerade unter Jugendlichen findet häufig eine brutale Diskriminierung statt, die nichts mit Hautfarben, oder Religionen zu tun hat. So brutal, dass sich etliche umbringen, oder Amoklaufen.

    Wollen Sie wirklich an Ihrer These festhalten, dass man anhand äußerlicher Merkmale wie der Hautfarbe etwas über Fähigkeiten und Erfahrungen eines Menschen prognostizieren könnte?

  2. Was mich beim Nachdenken über diese Menschen feindlichen Neonazis anführt, ist die Verwunderung darüber, dass ihnen ihr Verhalten gar nicht peinlich ist. Sie wissen, dass sie in unserem freien Land eine absolute Minderheit sind, aber folgen trotzdem diesem irren Gedanken von verschiedenen Menschenarten, dort "Rasse" genannt. Die Kraft des Herrn Schall ist bewundernswert!

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    Das denen ihr Verhalten nicht peinlich ist, ist darauf zurückzuführen, dass es sich hierbei um ihre Ideologie handelt. Das ist auch nicht mal ein seltenes Phänomen. Auf der Welt erlebt man es am laufenden Band, dass einzelne Menschen oder Gruppierungen von Menschen dem ideologischen Glauben unterlegen sind, ihre Nationalität, ihre "Rasse", ihre Hautfarbe, ihre Religion oder sogar (mit logischerweise wesentlich geringeren Folgen) ihr Lieblingsfußballverein sei das Beste und das einzig Wahre im Vergleich zu anderen. Sie sind eher der Meinung, den Anderen menschen müsste es peinlich sein, dass diese dies nicht erkennen.
    Anmerken muss man dazu jedoch: Nur weil ich 100% von etwas überzeugt bin, ist es nicht zwangsweise richtig.
    Begegnen tut uns dieses Verhalten jedoch überall auf der Welt, leider!

    Wenn man die Kommentare zu solchen Artikel liest, muss man leider feststellen, dass es sich nicht um eine kleine Minderheit handelt. Die Rede ist hier natürlich nicht von der Springerstiefel/Glatze/Baseballschläger Fraktion, sondern von den zahlreichen Sympathisanten aus dem so genannten Mitte der Deutsche Gesellschaft.

    oder hören Sie nicht auch gelegentlich: "xxx haben Musik im Blut", "xxx sind eben bildungsfern", oder gerade aus gegebenem Euroanlass: "xxx sind faul und korrupt"?

    Solche Bemerkungen kommen von ganz normalen Bürgern und werden unwidersprochen im Alltagssmalltalk hingenommen.
    (oder in Zeitungsartikeln und in Bestsellern)

    Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kommt eben nicht nur von der Minderheit der NPD-Wähler und deren Sympathisanten.

    k.

  3. bei weitem nicht!

    Im Westen ist es oft auch in den Institutionen verankert die es versäumten ihre nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten.

    In NRW sind dies überwiegend Landesverwaltungen, die als SPD Hochburg wie damals in der DDR grundsätzlich "Nazi frei" waren. Hier sind besonders Justiz und Finanzverwaltung zu nennen, die sich bis heute erfolgreich weigern diese Vergangenheit zu bewältigen. Ein positives Beispiel ist hier die Aufarbeitung des Auswärtigen Amtes zu nennen. Erst wenn ich weiss woher ich komme, begreife ich meinen Weg!

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    "Das ist nicht nur ein Phänomen im Osten"

    Das hat hier auch keiner behauptet.

    Falls Ihnen das nicht bewusst ist: Die Rechtsextremisten sind keine 50-Jährigen Abteilungsleiter sondern vornehmlich Jugendliche und junge Erwachsene die in dieser politischen Form eine Lösung ihrer Probleme sehen.

    Schön, dass die Deutschen immer meinen "Aufarbeitung ist das Wichtigste" - Pech nur das es die aktuellen Rechtsextremen nicht interessiert. Wieso auch? Die sind keine Rechtsextremen, nur weil das Finanzamt eine nationalsozialistische Vergangenheit hat.

    sie werden sich wundern was der Alltagsrassismus in den Verwaltungen für einen Schaden anrichtet!

  4. @ 1
    Die Hautfarbe sollte überhaupt kein Kriterium sein! Wir brauchen Politiker die nicht auf dem rechten Auge blind sind. Daher wünsch ich Herrn Schall noch viel Erfolg bei seiner Arbeit gegen Rechts.

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    brauchen Politiker, die - im übertragenden Sinn - beidäugig sehen können. Das unterstützt das räumliche Sehen. Was auch immer das im übertragenden Sinn für Politiker bedeutet.

  5. Zitat ZEIT ONLINE: "2010 gab es aber eine größere Demonstration von Neonazis in Hildburghausen. Muss man in Ihrer Heimatstadt um sein Leben fürchten, wenn man nicht deutsch aussieht?"

    Ich finde nicht, dass Herr Schall "nicht deutsch" aussieht. Wer kann schon sagen, was ein Nazi als "nicht deutsch" bezeichnet? Im Zweifel findet man immer was, das nicht ins Weltbild passt.

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    naja, in mitteleuropa herrscht halt doch der kaukasische typ vor.

    das darf aber nicht heißen, dass man herrn schall nicht als deutschen akzeptiert.

  6. "Das ist nicht nur ein Phänomen im Osten"

    Das hat hier auch keiner behauptet.

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    Der war gut. Aber ich befürchte, sie meinen das ernst. Als ostdeutsche Leserin fühlt man sich diese Woche in einem Zwiespalt: Bin ich nicht vielleicht doch eine Rassistin? Trotz afrikanischem Mann, polnischem und afrikanischem Schwager? Irgendwas muss doch dran sein! Muss ich mich schlecht fühlen, weil wir alle zusammen völlig unbehelligt beim Dynamo-Dresden-Spiel waren? Habe ich die Pöbeleien nur überhört, sind wir den Schlägern nur zufällig ausgewichen?

    ...dass sich Neonazis verstärkt in den ostdeutschen Bundesländern sammeln, weit verbreitet. Es ist daher aus meiner Sicht legitim, einerseits die ostdeutschen Länder in Schutz zu nehmen und andererseits die westdeutschen Länder nicht als quasi immun gegen rechtsradikale Verirrungen stehen zu lassen.

  7. 7. [....]

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