Leben mit Rassismus : Gemeinsam gegen einsam

Als Kind spürte Leserin Tania Bloch die Intoleranz ihrer Mitmenschen. Heute engagiert sie sich mit einem Schülerprojekt gegen Rassismus.
© Tania Bloch

Seit 22 Jahren lebe ich nun in Deutschland. Meine ersten drei Lebensjahre verbrachte ich mit meiner Familie, einem pakistanischen Vater und einer deutschen Mutter, in Pakistan. Ich wurde zweisprachig erzogen und sehe meiner Mutter ähnlicher als meinem Vater. Ich hatte Glück. Denn vermutlich hatte ich deshalb nur wenige Berührungspunkte mit Ausländerfeindlichkeit, als ich mit meiner Mutter nach Deutschland zog.

Ich würde sagen, ich bin integriert. Ich empfinde Deutschland als meine Heimat. Trotzdem frage ich mich oft: Wer bin ich? Deutsche? Pakistani? Ausländerin? Europäerin? Bayerin? Ich frage mich auch oft, wie ich wohl wahrgenommen werde. Sie spricht Deutsch..., sie hat einen deutschen Namen..., sie studiert... ein bisschen rassig sieht sie aber schon aus...?

Ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern, das ich früher hatte, wenn mein Vater zu Besuch kam, der mittlerweile in Österreich lebte. Ich wohnte in einer bayerischen Kleinstadt und er erntete jedes Mal abwertende, teils boshafte Blicke. Als Kind war mir mein Vater peinlich. Aber nur, weil ich die ablehnende Haltung, die ihm entgegen gebracht wurde, nicht verstand. Heute verstehe ich das besser und schäme mich. Vor allem schäme ich mich für die intoleranten Leute, die ausländische Menschen tagtäglich verletzen, mit physischer und mit psychischer Gewalt. Deshalb engagiere ich mich jetzt gegen Rassismus.

Eine Schule für alle 

Im Rahmen meines Lehramtsstudiums habe ich an einer Kölner Förderschule eine Projektwoche zum Thema "Eine Welt für alle" geleitet. In meiner Gruppe waren neun Jungen aus der achten bis zehnten Klasse. Sie alle haben einen Migrationshintergrund und jeder einzelne hat bereits Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus gemacht. Einer der Schüler kommt aus einer großen Familie, er hat acht Geschwister. Als er noch jünger war und mit ihnen und mit seiner Mutter in der Stadt unterwegs war, wurden sie von Leuten beschimpft: "Ausländer raus, geht wieder nach Hause!"

In dem Projekt machten wir Fotos und drehten ein Video zum Thema "Was ist Heimat?". Der Videodreh war das Aufregendste für die Schüler. Öffentlich sprechen fällt ihnen schwer, da sie teilweise Schwierigkeiten mit der Sprache haben und außerhalb der Schule dafür gehänselt werden. Doch vor der Kamera klappe alles.

Als ich die Idee hatte, das Ganze bei einem Schülerwettbewerb gegen Rechtsextremismus einzureichen, waren die Schüler skeptisch: "Da gewinnen doch bestimmt nur wieder die vom Gymnasium!" Vergangenen Dienstag fuhren wir zusammen nach Berlin, weil wir als eine der besten zehn Gruppen zur Preisverleihung eingeladen wurden.

Auf der Preisverleihung war völlig egal, woher die Schüler stammten. Deutsche, Türken, Albaner, Gymnasiasten und Hauptschüler, sie alle verstanden sich wunderbar. So sollte Schule sein: ein multikultureller und Schichten-übergreifender Begegnungsort!

Die Freude meiner Schüler war unbeschreiblich, als wir unter allen zweitausend Einsendungen den ersten Platz gewannen. Als uns alle gratulierten, waren die Jungen so stolz auf sich wie nie zuvor. Und das Beste: Alle schauten sich ihr Video an und hörten zu, was sie zu sagen haben.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Wenn man die Zeit liest, könnte man meinen,

ganz Deutschland bestünde nur aus Rassisten.
Ich begegne auch jeden Tag Menschen mit Migrationshintergrund,in der Bahn, im Job, im Restaurant etc., aber ich habe in bald 50 Jahren noch nie persönlich erlebt, dass jemand nur wegen seines Migrationshintergrundes angepöbelt wurde. Natürlich gibt es das, das ist ja nicht zu bestreiten, aber doch nicht in diesem Ausmass, wie man es uns hier einreden will.

Sehr schöner Film

Das Video ist sehr sehenswert, sehr schön gemacht.

Bezeichnend finde ich die Skepsis der Schüler: „Da gewinnen bestimmt nur wieder die vom Gymnasium!“ Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, gegen diese mutlose Grundhaltung anzukämpfen. Dieses Gefühl, eh nichts wert zu sein, weil man auf der falschen Schule ist, führt bei zu vielen Jugendlichen dazu, gar nicht erst anzufangen sich anzustrengen. Sich selbst in diesem Film zu sehen und das Erlebnis der Preisverleihung ermutigt die Jungs hoffentlich ein Stück weit, für ein besseres Leben zu kämpfen und sich nicht aufzugeben. Ich wünsche ihnen noch möglichst viele kleinere und größere Erfolgserlebnisse.

Meine Anerkennung gilt Tania Bloch, die sich diesen Jungs offensichtlich mit sehr viel Zuneigung, Respekt und Ermutigung zugewandt hat, so dass diese Szenen möglich wurden.

Kehrseite...

Natürlich besteht Deutschland nicht nur aus Rassisten. Aber wovon die Frau spricht ist der sogenannte Alltagsrassismus. Wenn man selber Migrant ist, erlebt man die Umgebung völlig anders im Vergleich zum Einheimischen.
Es gibt immer und überall Idioten, die einen abschätrzend ansehen, herablassend mit einem reden, etc. Das geschieht manchmal unterschwellig ("...das ist doch bei euch so,oder...", manchmal sehr direkt und offen.
Man lernt mit den Jahren mit dieser Art von Ablehnung umzugehen, je älter man wird. Ich bin zwar hier nicht geboren, lebe aber seit bereits über 25 Jahren hier in Deutschland und eines kann ich sagen: Ich fühl mich hier sehr wohl und auch heimatverbunden! Und ich werde mir von Niemandem etwas anderes einreden lassen! :)

Gruß
lando

Der logische Trugschluß

Also, wenn SIE keinen kennen, der keine Erfahrungen mit Rassismus machen *durfte*, dann schließen Sie auf eine tatsächlich geringe Ausprägung von rassistischen Einstellungen in dieser Gesellschaft?

Da muss ich Ihnen eindeutig widersprechen. Deutschland ist eins der rassistischten Länder Europas. Sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf institutioneller Ebene werden Ausländer, aber vorallem dunkelhäutige Menschen, als Untermenschen behandelt.

Ich würde gerne wissen, ob Deutschland auch so wäre, wenn die Nazis und deren Ideen dieses Land nicht regiert hätten.

Lamento über psychische Gewalt

Ich kann dieses Lamento über psychische Gewalt nicht mehr hören. Klar, der eine wird angepöbelt weil er Araber unter Deutschen ist, der andere, weil er Deutscher unter Arabern ist, wieder ein anderer weil er Dick ist und die meisten einfacher nur, weil sie schüchtern sind und sich nicht wehren können. So ist das nunmal mit den Menschen: Viele sind Arschlöcher und machen ihre Mitmenschen aus Freude an der eigenen Überlegenheit rund, einfach nur weil sie es aus zahlenmäßiger Überlegenheit oder wegen der Schwäche ihrer Opfer können. Dagegen hilft aber Aufklärung nichts. Ein Arschloch ist nicht deshalb ein Arschloch, weil es niemals darüber aufgeklärt wurde, dass Arschlochsein arschig ist.

Und die Konsequenz daraus?

Ich stimme Ihnen durchaus zu; psychische Gewalt wird immer ausgeübt, und immer gegen Schwache, die sich nicht wehren können; und das gehört sicherlich zum menschlichen Erbgut.

Die Frage ist nur - was ist nun die Konsequenz daraus? Es hinnehmen und sich achselzuckend abwenden? Oder ein Bewusstsein dafür schaffen, so dass sich unbeteiligte Menschen in solchen Situationen einmischen und den Schwachen zur Seite stehen?

Kampf gegen die psychische Gewalt

Wer den Kampf gegen psychische Gewalt führen will, der soll aufhören Schwach und Schüchtern zu sein und stattdessen lernen, sich durchzusetzen. Und wenn er gelernt hat, sich durchzusetzen, dann soll er sich gefälligst nicht an Schwächeren vergreifen, sondern nur an denen die es verdienen. [...]

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/ls