Leserartikel

Leben mit RassismusDer Russe kommt!

Als Russlanddeutscher begegnet Leser Viktor Boschmann vielen Vorurteilen. Das sieht er inzwischen gelassen: Er hat sie zu seinem Markenzeichen gemacht. von Viktor Boschmann

Obwohl ich seit 23 Jahren in Deutschland lebe und einen deutschen Pass habe, werde ich manchmal noch mit "Der Russe kommt!" begrüßt. Trotz Zivildienst und Abneigung gegen alles Hochprozentige gelte ich als Experte für Kampfkunst, Waffen, Russen-Mafia und Wodka. Als Diskriminierung oder gar Rassismus empfinde ich das nicht, es ist zu meinem Markenzeichen geworden.

Leben mit Rassismus

Viele Migranten in Deutschland erleben Vorurteile und Rassismus. Wie gehen sie damit um? Mit diesen Blicken, Worten, Rangeleien oder sogar Gewalttaten? In unserer Themenwoche Leben mit Rassismus berichten ganz unterschiedliche Menschen, welche Rolle Rassismus in ihrem Leben in Deutschland spielt – und wie sie sich dagegen wappnen. Ihre Erfahrungen und ihre Sichten auf die Deutschen sind so individuell wie sie selbst.

Wir entwickeln keine neuen Theorien und hantieren nicht mit abstrakten Begriffen. Wir zeigen keine Prototypen – weder Opfer noch Täter. Stattdessen lassen wir Individuen zu Wort kommen.

Auch Ihre Berichte können Teil der Woche werden: Wie leben Sie mit Rassismus in Deutschland? Schreiben Sie einen Leserartikel.

Die Beiträge zur Themenwoche

Migranten – Trotzdem zu Hause

Bayrischer Wald – Der bayerische Inder

Sachsen-Anhalt – Angekommen in Stendal

Rassismus in Sachsen-Anhalt – "Wer aus dem Senegal kommt, wird als Neger beschimpft"

Berlin – Bouba Kabas Weg aus der Wut

Berlin – Fotos von Tatorten von Sabine Schründer

Brandenburg – Ich war schon immer da. Zwei türkischstämmige Berlinerinnen studieren in Frankfurt/Oder

Brandenburg – Herrn Chans Kampf in Cottbus

Thüringen – Zeca Schall: "Wir dulden keinen Rechtsextremismus mehr"

Leben mit Rassismus – Was ist ein Erfolg gegen Rechts?

Leserartikel – Beunruhigende Sprüche am Stammtisch

Leserartikel – Der Russe kommt

Leserartikel - Überfall an der Bushaltestelle

Bilanz - Hochachtung vor menschlicher Größe

Zwei Erlebnisse haben meine Integration geprägt. An meinem ersten Schultag in Deutschland stand ich im Büro der Schulsekretärin, mit den Händen in den Hosentaschen. Die Sekretärin forderte mich auf, die Hände aus den Taschen zu nehmen, ich sei doch nicht der Direktor!

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Und dann war da noch diese Verkäuferin, die mich anblaffte, als ich mit Akzent Fragen beim Kauf einer Jacke stellte. Ein Jahr später, ich hatte mein Deutsch inzwischen perfektioniert, ging ich zu derselben Verkäuferin und wurde höflich behandelt. Ich verstand: Sprache und Manieren würden darüber entscheiden, ob ich als Deutscher wahrgenommen werde.

Als Jugendlicher fiel es mir schwer, die Russen-Klischees wegzustecken. In meinen Augen bin ich Deutscher, Nachkomme von deutschen Familien, die im 19. Jahrhundert in Russland Kolonien gegründet hatten. Jetzt bin ich zurückgekommen. Warum akzeptierten mich die Menschen hier nicht als einen von ihnen? Ein Deutscher ist für viele anscheinend nur der, der in Deutschland geboren wurde.

Russlanddeutsche – vor einigen Jahren noch war das in Deutschland der Inbegriff für misslungene Integration. Dann erschien 2009 die Studie Ungenutzte Potenziale, die deutschstämmigen Aussiedlern aus Ländern der ehemaligen UdSSR Spitzenwerte bei der Integration bescheinigte.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

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Der ZEIT-ONLINE-Wald

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Vielleicht sind es die Erinnerungen an die Diskriminierung in Russland, die uns Aussiedlern bei der Integration geholfen haben. Besonders die Generation meiner Großeltern musste Schreckliches durchstehen. Als Deutsche und Christen erlebten sie Verfolgung, Leiden und Tod in den Gulag-Konzentrationslagern. Mein Großvater überlebte wie durch ein Wunder zwei Lageraufenthalte. Auch die Generation meiner Eltern hat deutlich zu spüren bekommen, dass sie Deutsche waren: Bestimmte Berufe und Karrieren waren ihnen verschlossen.

Russlanddeutsche wie ich halten es für selbstverständlich, sich in Deutschland zu integrieren, wir sind in Deutschland doch endlich wieder zu Hause. Und dass wir ab und zu als "Russe" begrüßt werden – ach, geschenkt.

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Leserkommentare
  1. Ums mal zu sagen: Willkommen daheim! Über Sie und Ihren Großvater würde ich übrigens gern mehr lesen.

    Eine Leserempfehlung
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    HI Viktor ich bin selbst Russlanddeutscher und seit 15 Jahren hier in Deutschland. Die ersten 10 in Russland.

    Ich glaube du stimmst mir zu wenn ich dir sage, dass ich dieses Land liebe und das wir beide in Russland nicht die Chancen hätten die wir hier haben. Ich persönlich habe aus meinem Migrationshintergrund nur Vorteile gezogen. EGal ob in der Schule oder als ich mich um mein Stipendium beworben habe, überall hiess es, oh Migrationshintergrund und gut integriert. das müssen wir fördern!

    Mir sind die Menschen alle freundlich begegnet und ich habe mit Rassismus keine Erfahrungen gemacht. Ich denke das liegt vor allem daran, dass ich deutscher bin als manch ein anderer Deutscher und voll assimilliert bin. Vor allem aber drücke ich nie auf die Tränendrüse bei diesem Thema, manche Menschen mit Migrahintergrund betreiben darin ein Volkssport, sich vorauseilend als Opfer zu geben. Das nervt viele total ab. Mich auch. Ich bin Deutscher und wenn mir einer kommt und sagt hey ich mag keine Russen, sag ich einfach ich auch nicht :D Das Leben ist schön :)

  2. ganz nachzuvollziehen-wir leben inmitten einer Mehrheit von ehemals in Russland lebenden inmitten Westberlins und diese Mitbürger machen nicht den Eindruck, das sie Probleme haben oder sich falsch verstanden fühlen-eher das Gegenteil

  3. , dass man hier geboren wurde. Viele Menschen werden in Deutschland geboren und trotz guten Sprachkenntnissen werden sie als nicht zugehörig wahrgenommen und entspechend diskriminiert.

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    • Peip
    • 26. Mai 2012 17:36 Uhr
    4. Locker

    ich mecker ja auch gern mal: aber das finde ich ganz Klasse, dass auch eine relaxtere Story auftaucht.

    Kann ich so als halber Pole nur bestätigen - obwohl meine Bindung - weil hier geboren - wohl noch grösser ist und ich von Polen Null Ahnung habe.

    Bei meinen Großeltern gab es auch keinen Heimatkult - die fanden eigentlich alles in Polen ziemlich schei... Die hätte vermutlich der Schlag gerührt, wenn jemand auf die Idee gekommen wäre, dorthin zu fahren

  4. "Trotz Zivildienst und Abneigung gegen alles Hochprozentige gelte ich als Experte für Kampfkunst, Waffen, Russen-Mafia und Wodka."

    Wie bezeichnen Sie ihre "deutschen" Freunde? Ob die auch bei bestimmten Beispielen so relaxed sind?
    Ich glaube eher nicht.

  5. Meine Erfahrungen mit russischen Arbeitskollegen waren durchwegs gut. Privat kann ich mit Russen gelassen feiern, ohne dass ständig Befindlichkeiten geäussert werden, weil vor einigen hundert Jahren ein Bärtiger dies und jenes verboten hat. Also Russen, lasst uns zusammen arbeiten und feiern.

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    Auch ich habe keine Probleme mit Russen.

    Seit ich vor kurzem das schockierende Interview mit Mark Steyn gesehen habe ( http://www.youtube.com/wa... ), ist bei mir jeder Russe in Deutschland herzlich willkommen.

  6. Alles halb so schlimm!, als ich als Kind aus Pommern 1950 nach Stuttgart ging es mir nicht anders.Mann ist lange Zeit der Exot.Alles was ein nicht umbringt macht ein stark.

  7. HI Viktor ich bin selbst Russlanddeutscher und seit 15 Jahren hier in Deutschland. Die ersten 10 in Russland.

    Ich glaube du stimmst mir zu wenn ich dir sage, dass ich dieses Land liebe und das wir beide in Russland nicht die Chancen hätten die wir hier haben. Ich persönlich habe aus meinem Migrationshintergrund nur Vorteile gezogen. EGal ob in der Schule oder als ich mich um mein Stipendium beworben habe, überall hiess es, oh Migrationshintergrund und gut integriert. das müssen wir fördern!

    Mir sind die Menschen alle freundlich begegnet und ich habe mit Rassismus keine Erfahrungen gemacht. Ich denke das liegt vor allem daran, dass ich deutscher bin als manch ein anderer Deutscher und voll assimilliert bin. Vor allem aber drücke ich nie auf die Tränendrüse bei diesem Thema, manche Menschen mit Migrahintergrund betreiben darin ein Volkssport, sich vorauseilend als Opfer zu geben. Das nervt viele total ab. Mich auch. Ich bin Deutscher und wenn mir einer kommt und sagt hey ich mag keine Russen, sag ich einfach ich auch nicht :D Das Leben ist schön :)

    Antwort auf "ERSTER!"
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    Als Ihnen die Förderung aufgrund ihres Migrationshintergrundes angeboten wurde, hätte Sie mit der Begründung, "Nein danke, ich bin assimiliert und andere brauchen es dringender" ablehnen müssen.

    • tecnyc
    • 27. Mai 2012 0:20 Uhr

    Bitte beteiligen Sie sich mit Äußerungen zum Artikelthema und verzichten Sie in diesen auf Diskriminierungen. Danke, die Redaktion/fk.

    "Vor allem aber drücke ich nie auf die Tränendrüse bei diesem Thema"

    Wieso denn nicht? Jammern die Deutschen denn nicht ständig und fühlen sie sich nicht als Opfer? Seltsamerweise sind die aber genervt, wenn jemand, den sie als Ausländer betrachten, jammert. Wenn Integration immer nur bedeutet, in die Rolle zu schlüpfen, die die Mehrheit uns vorschreibt, und alles zu vermeiden, was denen auf die Nerven gehen könnte, dann ziehe ich vor, nicht integriert zu sein.

    Sie tun mir leid. Also, Sie stimmen dem Rassismus gegen Russen zu, um sich zu asimilieren?

    Hey, Sie haben das Missverstanden. Jammern ist ein Zeichen für gelungene Integration. Wir leben hier auf einem der höchsten Wohlstandslevel der Welt, aber wenn man das alltägliche Gejammer hört, könnte man meinen wir wären irgendwo zwischen Hungersnot und Krieg.

    Wenn Sie also jammern, dann zeiegen Sie damit dass Sie eine sehr deutsche Eigenschaft angenommen haben :-)

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