Leben mit Rassismus : Der Russe kommt!

Als Russlanddeutscher begegnet Leser Viktor Boschmann vielen Vorurteilen. Das sieht er inzwischen gelassen: Er hat sie zu seinem Markenzeichen gemacht.

Obwohl ich seit 23 Jahren in Deutschland lebe und einen deutschen Pass habe, werde ich manchmal noch mit "Der Russe kommt!" begrüßt. Trotz Zivildienst und Abneigung gegen alles Hochprozentige gelte ich als Experte für Kampfkunst, Waffen, Russen-Mafia und Wodka. Als Diskriminierung oder gar Rassismus empfinde ich das nicht, es ist zu meinem Markenzeichen geworden.

Zwei Erlebnisse haben meine Integration geprägt. An meinem ersten Schultag in Deutschland stand ich im Büro der Schulsekretärin, mit den Händen in den Hosentaschen. Die Sekretärin forderte mich auf, die Hände aus den Taschen zu nehmen, ich sei doch nicht der Direktor!

Und dann war da noch diese Verkäuferin, die mich anblaffte, als ich mit Akzent Fragen beim Kauf einer Jacke stellte. Ein Jahr später, ich hatte mein Deutsch inzwischen perfektioniert, ging ich zu derselben Verkäuferin und wurde höflich behandelt. Ich verstand: Sprache und Manieren würden darüber entscheiden, ob ich als Deutscher wahrgenommen werde.

Als Jugendlicher fiel es mir schwer, die Russen-Klischees wegzustecken. In meinen Augen bin ich Deutscher, Nachkomme von deutschen Familien, die im 19. Jahrhundert in Russland Kolonien gegründet hatten. Jetzt bin ich zurückgekommen. Warum akzeptierten mich die Menschen hier nicht als einen von ihnen? Ein Deutscher ist für viele anscheinend nur der, der in Deutschland geboren wurde.

Russlanddeutsche – vor einigen Jahren noch war das in Deutschland der Inbegriff für misslungene Integration. Dann erschien 2009 die Studie Ungenutzte Potenziale, die deutschstämmigen Aussiedlern aus Ländern der ehemaligen UdSSR Spitzenwerte bei der Integration bescheinigte.

Vielleicht sind es die Erinnerungen an die Diskriminierung in Russland, die uns Aussiedlern bei der Integration geholfen haben. Besonders die Generation meiner Großeltern musste Schreckliches durchstehen. Als Deutsche und Christen erlebten sie Verfolgung, Leiden und Tod in den Gulag-Konzentrationslagern. Mein Großvater überlebte wie durch ein Wunder zwei Lageraufenthalte. Auch die Generation meiner Eltern hat deutlich zu spüren bekommen, dass sie Deutsche waren: Bestimmte Berufe und Karrieren waren ihnen verschlossen.

Russlanddeutsche wie ich halten es für selbstverständlich, sich in Deutschland zu integrieren, wir sind in Deutschland doch endlich wieder zu Hause. Und dass wir ab und zu als "Russe" begrüßt werden – ach, geschenkt.

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Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Keine Tränendrüsen und vorauseilende Opferrolle

HI Viktor ich bin selbst Russlanddeutscher und seit 15 Jahren hier in Deutschland. Die ersten 10 in Russland.

Ich glaube du stimmst mir zu wenn ich dir sage, dass ich dieses Land liebe und das wir beide in Russland nicht die Chancen hätten die wir hier haben. Ich persönlich habe aus meinem Migrationshintergrund nur Vorteile gezogen. EGal ob in der Schule oder als ich mich um mein Stipendium beworben habe, überall hiess es, oh Migrationshintergrund und gut integriert. das müssen wir fördern!

Mir sind die Menschen alle freundlich begegnet und ich habe mit Rassismus keine Erfahrungen gemacht. Ich denke das liegt vor allem daran, dass ich deutscher bin als manch ein anderer Deutscher und voll assimilliert bin. Vor allem aber drücke ich nie auf die Tränendrüse bei diesem Thema, manche Menschen mit Migrahintergrund betreiben darin ein Volkssport, sich vorauseilend als Opfer zu geben. Das nervt viele total ab. Mich auch. Ich bin Deutscher und wenn mir einer kommt und sagt hey ich mag keine Russen, sag ich einfach ich auch nicht :D Das Leben ist schön :)

Wieso sollte man nicht klagen?

"Vor allem aber drücke ich nie auf die Tränendrüse bei diesem Thema"

Wieso denn nicht? Jammern die Deutschen denn nicht ständig und fühlen sie sich nicht als Opfer? Seltsamerweise sind die aber genervt, wenn jemand, den sie als Ausländer betrachten, jammert. Wenn Integration immer nur bedeutet, in die Rolle zu schlüpfen, die die Mehrheit uns vorschreibt, und alles zu vermeiden, was denen auf die Nerven gehen könnte, dann ziehe ich vor, nicht integriert zu sein.

Alles bestens

Ich schlüpfe nicht in die Rolle, die die Mehrheit vorschreibt. Oder vielleicht doch, aber dann gehts mir nicht so schlecht in dieser rolle^^ Ich genieße nur die Freiheiten die es in diesem Land gibt und weiss sie auch zu schätzen. Ich bin assimilliert, ja, mein Gott ist halt so passiertr, weil ich nur deutsche Freunde habe. Das ist für mich kein Beinbruch, es ist ok. Wie gesagt ich bin in dieses Land gekommen, habe gemerkt was es mir bietet und ich koste das aus ;)

Das würde ich so nicht unterschreiben...

Zwar hat man als Russlanddeutscher aufgrund des russischen Bildungssystems gute Chancen, Akademiker als Eltern zu haben, jedoch bedeutet es nicht zeitgleich, dass diese einen auch unterstützen können. Integriert zu sein bedeutet nicht, dass man sich auch in den gleichen Kreisen bewegt, wie die deutsche "Bildungselite". Das schafft man (mit viel Einsatz und einer großen Portion Glück) vielleicht noch in der zweiten Generation. Ich kenne sehr viele russische Akademiker, die aufgrund von nicht anerkannten Abschlüssen oder dem Fehlen von bestimmten Schlüsselqualifikationen (z.B. CAD bei Ingenieuren) im Niedriglohnsektor arbeiten.

Locker

ich mecker ja auch gern mal: aber das finde ich ganz Klasse, dass auch eine relaxtere Story auftaucht.

Kann ich so als halber Pole nur bestätigen - obwohl meine Bindung - weil hier geboren - wohl noch grösser ist und ich von Polen Null Ahnung habe.

Bei meinen Großeltern gab es auch keinen Heimatkult - die fanden eigentlich alles in Polen ziemlich schei... Die hätte vermutlich der Schlag gerührt, wenn jemand auf die Idee gekommen wäre, dorthin zu fahren