Obwohl ich seit 23 Jahren in Deutschland lebe und einen deutschen Pass habe, werde ich manchmal noch mit "Der Russe kommt!" begrüßt. Trotz Zivildienst und Abneigung gegen alles Hochprozentige gelte ich als Experte für Kampfkunst, Waffen, Russen-Mafia und Wodka. Als Diskriminierung oder gar Rassismus empfinde ich das nicht, es ist zu meinem Markenzeichen geworden.

Zwei Erlebnisse haben meine Integration geprägt. An meinem ersten Schultag in Deutschland stand ich im Büro der Schulsekretärin, mit den Händen in den Hosentaschen. Die Sekretärin forderte mich auf, die Hände aus den Taschen zu nehmen, ich sei doch nicht der Direktor!

Und dann war da noch diese Verkäuferin, die mich anblaffte, als ich mit Akzent Fragen beim Kauf einer Jacke stellte. Ein Jahr später, ich hatte mein Deutsch inzwischen perfektioniert, ging ich zu derselben Verkäuferin und wurde höflich behandelt. Ich verstand: Sprache und Manieren würden darüber entscheiden, ob ich als Deutscher wahrgenommen werde.

Als Jugendlicher fiel es mir schwer, die Russen-Klischees wegzustecken. In meinen Augen bin ich Deutscher, Nachkomme von deutschen Familien, die im 19. Jahrhundert in Russland Kolonien gegründet hatten. Jetzt bin ich zurückgekommen. Warum akzeptierten mich die Menschen hier nicht als einen von ihnen? Ein Deutscher ist für viele anscheinend nur der, der in Deutschland geboren wurde.

Russlanddeutsche – vor einigen Jahren noch war das in Deutschland der Inbegriff für misslungene Integration. Dann erschien 2009 die Studie Ungenutzte Potenziale, die deutschstämmigen Aussiedlern aus Ländern der ehemaligen UdSSR Spitzenwerte bei der Integration bescheinigte.

Vielleicht sind es die Erinnerungen an die Diskriminierung in Russland, die uns Aussiedlern bei der Integration geholfen haben. Besonders die Generation meiner Großeltern musste Schreckliches durchstehen. Als Deutsche und Christen erlebten sie Verfolgung, Leiden und Tod in den Gulag-Konzentrationslagern. Mein Großvater überlebte wie durch ein Wunder zwei Lageraufenthalte. Auch die Generation meiner Eltern hat deutlich zu spüren bekommen, dass sie Deutsche waren: Bestimmte Berufe und Karrieren waren ihnen verschlossen.

Russlanddeutsche wie ich halten es für selbstverständlich, sich in Deutschland zu integrieren, wir sind in Deutschland doch endlich wieder zu Hause. Und dass wir ab und zu als "Russe" begrüßt werden – ach, geschenkt.