Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Diskriminiert worden bin ich nie; jedenfalls nicht so, dass ich es bemerkt hätte. Die Passkontrolle dauert immer ein wenig länger, denn die Zollbeamten fragen bei mir immer noch einmal nach – vorsichtshalber. Aber Vergleichbares passiert mir auch andernorts, und über eine unfreundliche Behandlung kann ich mich nicht ernsthaft beklagen.

In der Schule gab es keine Probleme, auch nicht in der Gemeinde oder beim Sport. Selbst bei Ausflügen ins Nachtleben wurde mir nie der Zutritt verwehrt. Jedenfalls nicht wegen meiner Hautfarbe.

Trotzdem bin ich anders. Ich bin das Ergebnis einer bi-nationalen Ehe und sehe südländisch aus: schwarze Haare, braune Haut, seit Kurzem trage ich einen dunklen Bart. In meiner Jugend ähnelten mir meine Mitschüler selten und der Großteil meiner Freunde sieht anders aus als ich. Sie haben die peinlichen Momente nicht erlebt, die entstanden, wenn sich Lehrer oder Stadionsprecher an meinem Namen versuchten. Auch der kurze Augenblick, der immer folgt, wenn ich erkläre, dass ich Deutscher bin, bleibt ihnen erspart.

Manche Dinge sind suspekt

Sie können nicht verstehen, warum mir Schützenvereine und Burschenschaften suspekt sind. Fahnen in den Vor- und Schrebergärten nehmen sie ebenso unaufgeregt zur Kenntnis wie Pitbull Pullover oder einen gelegentlichen Türkenwitz. Sie hören es nicht, wenn von "den Migranten" gesprochen wird, und sie begreifen nicht, warum es mich Überwindung kostet, nach Magdeburg, Halle oder Aachen zu fahren.

Meine Sensibilität gegenüber Dingen wir diesen unterscheidet mich von meinen Freunden, nicht meine Hautfarbe. Sie verbindet mich auch mit jenen Menschen, die ebenfalls irgendwie anders sind; selbst wenn ich sonst wenig mit ihnen gemein habe.

Vieles hat sich seit meiner Jugend verändert: Zollbeamte sehen jetzt manchmal aus wie ich, und sogar die Fans der deutschen Nationalmannschaft sind geübter im Umgang mit schwierigen Namen. Trotzdem beunruhigen mich die Ressentiments im Stammtisch-Milieu immer noch. Meiner Meinung nach gibt es zu viele Menschen, die meinen, manche Dinge müsse man mal sagen dürfen.

Man sieht diesen Menschen ihre Haltung nicht an und man bekommt sie nur zu hören, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Sie wissen, was sich gehört und wählen normalerweise auch nicht die NPD. Wenn man jedoch anonym fragt, sind es sogar knapp 30 Prozent, die finden, Deutschland sei "in einem gefährlichen Maß überfremdet". Anders ausgedrückt heißt das, dass mich jeder Dritte auf der Straße oder beim Einkaufen für eine Bedrohung hält.

Ich frage mich oft, was passieren würde, wenn sich die anderen zwei Drittel nicht so sehr dafür einsetzen würden, auch das alltägliche braune Gedankengut mit dem notwendigen Stigma zu versehen. Was, wenn wir die Geschichte vergäßen und sich das eine Drittel plötzlich ganz offen zu sagen traute, was es denkt? Könnte ich mich dann noch auf jeden von denen verlassen, die mich bisher nicht diskriminiert haben? Ich bin mir da – leider – unsicher.