Leben mit RassismusErfolg ist, den Nazis den Boden zu entziehen

Brandstiftung, Wahlergebnisse oder Aufmärsche - Rechtsextremismus zeigt sich in vielen Formen. Ob er sich verdrängen lässt, hängt von vielen Faktoren ab. von 

Als die Feuerwehr in Zossen eintraf, schlugen die Flammen schon über das Dach. Die Baracke neben der alten Platane war nicht zu retten, am Morgen des 23. Januar 2010 beschien die Wintersonne über der brandenburgischen Kleinstadt nur noch verkohlte Trümmer. Zerstört waren nicht nur der frisch verlegte Boden und die neu eingebaute Heizung, sondern auch der Plan der Bürgerinitiative Zossen zeigt Gesicht , ein Haus der Demokratie zu eröffnen. Die Zossener Nazis hatten ihr Ziel erreicht: Ein Begegnungszentrum für Demokraten würde es hier vorerst nicht geben.

Leben mit Rassismus

Viele Migranten in Deutschland erleben Vorurteile und Rassismus. Wie gehen sie damit um? Mit diesen Blicken, Worten, Rangeleien oder sogar Gewalttaten? In unserer Themenwoche Leben mit Rassismus berichten ganz unterschiedliche Menschen, welche Rolle Rassismus in ihrem Leben in Deutschland spielt – und wie sie sich dagegen wappnen. Ihre Erfahrungen und ihre Sichten auf die Deutschen sind so individuell wie sie selbst.

Wir entwickeln keine neuen Theorien und hantieren nicht mit abstrakten Begriffen. Wir zeigen keine Prototypen – weder Opfer noch Täter. Stattdessen lassen wir Individuen zu Wort kommen.

Auch Ihre Berichte können Teil der Woche werden: Wie leben Sie mit Rassismus in Deutschland? Schreiben Sie einen Leserartikel.

Die Beiträge zur Themenwoche

Migranten – Trotzdem zu Hause

Bayrischer Wald – Der bayerische Inder

Sachsen-Anhalt – Angekommen in Stendal

Rassismus in Sachsen-Anhalt – "Wer aus dem Senegal kommt, wird als Neger beschimpft"

Berlin – Bouba Kabas Weg aus der Wut

Berlin – Fotos von Tatorten von Sabine Schründer

Brandenburg – Ich war schon immer da. Zwei türkischstämmige Berlinerinnen studieren in Frankfurt/Oder

Brandenburg – Herrn Chans Kampf in Cottbus

Thüringen – Zeca Schall: "Wir dulden keinen Rechtsextremismus mehr"

Leben mit Rassismus – Was ist ein Erfolg gegen Rechts?

Leserartikel – Beunruhigende Sprüche am Stammtisch

Leserartikel – Der Russe kommt

Leserartikel - Überfall an der Bushaltestelle

Bilanz - Hochachtung vor menschlicher Größe

Bis heute ist die Baracke nicht eröffnet worden. Aber das liegt nicht mehr an den Nazis. Denn die Bürgerinitiative um Jörg Wanke hat Zossen von ihnen befreit. Vorbei ist die Zeit, da Nazis grölend aufmaschierten, Häuserfassaden mit Hakenkreuzen und Morddrohungen überzogen und Stolpersteine schändeten – Erinnerungssteine an ermordete Juden. Der frühere Treffpunkt der Rechtsradikalen, wo auch der holocaustleugnende Rechtsextremist Horst Mahler zu Gast war, ist mit Spanplatten vernagelt. Der hauptverantwortliche Brandstifter ist verurteilt. In Zossen war der Kampf gegen Rechts ein Erfolg.

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So wie in Zossen engagieren sich überall in Deutschland Tausende gegen Neonazis, Ausländerhass und Rassismus – vom Einzelkämpfer bis zur professionell geführten Organisation: Aufmerksame Bürger organisieren Familienfeste oder stellen sich Neonazis als Gegendemonstranten entgegen. Beratungsbüros helfen Ausländern und Opfern von Rassismus. Netzwerke und Aktionsbündnisse stimmen ihr Engagement ab und versuchen, politischen Rückhalt zu gewinnen. Die Antifa-Bewegung überkleistert NPD-Wahlplakate, dokumentiert braune Umtriebe penibel – und attackiert Nazis mit teilweise radikalen Mitteln.

All das sind Erfolge im Kampf gegen Rechtsextremismus. Doch wie ist dieser Erfolg zu messen?

Bislang lässt sich der Fortschritt im Kampf gegen den Rechtsextremismus nur fühlen, bestenfalls beobachten oder einschätzen. In aussagekräftige Zahlen gefasst hat ihn noch niemand. "Wenn man Studien über Werteinstellungen in der Bevölkerung anschaut, hat unser Engagement kein messbares Ergebnis", sagt Jonas Frykman vom Aktionsbündnis Brandenburg. Im Gegenteil: Die Rate der ausländerfeindlich motivierten Gewalttaten stieg 2011 sogar deutlich an.

So bleiben lediglich Anhaltspunkte. Als beispielsweise die Friedrich-Ebert-Stiftung 2010 die Wirksamkeit des Engagements gegen Rechtsextremismus untersuchte , erwies es sich als besonders erfolgreich, Straftäter ihre Sozialstunden etwa in KZ-Gedenkstätten ableisten zu lassen. Die Forscher empfahlen zudem Unternehmen, Mitarbeiter zu feuern, die offen rassistisch auftreten. Ein weiterer Rat lautete, der Staat sollte Aussteigerprogramme stärker unterstützen.

Einen Keim für Zivilcourage bilden

"Es kommt darauf an, die Wirkung der Rechtsextremisten auf die Gesellschaft zu beschränken", erläutert Frykman das Ziel, das alle Neonazi-Gegner eint. Den Anfang dafür macht meist eine lokale Elite: Gemeinderatsvertreter, der Ortspfarrer, Unternehmer, die an den Runden Tisch rufen oder zur Gründungsversammlung einer Initiative laden. Sie bilden den Keim, aus dem Zivilcourage wachsen kann.

Erfolgreich ist diese Elite aber nur, wenn sie auch jene erreicht und aktiviert, auf die die Neonazis mit ihren Ressentiments zielen: Menschen, die nicht von sich aus aktiv werden. Sie lesen in der Lokalzeitung über Initiativen ihrer Mitbürger oder stoßen morgens beim Bäcker auf eine Unterschriftenliste gegen Rechtsradikale – und unterschreiben. Sie lesen einen Demonstrationsaufruf im Schaufenster – und kommen vielleicht zur Kundgebung.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beziehen Sie Ihre Kommentare auf das Artikelthema. Die Redaktion/ds

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    Ja, und was hat das jetzt mit den Rechtsradikalen zu tun? Klar, Linksradikale sind auch antidemokratisch, kriminell usw. und gehören bekämpft. Aber hier geht es nunmal um die Rechtsradikalen. Mit Ihrem Hinweis auf die bösen Linken können Sie nicht davon ablenken, dass Neonazis ein ernstes Problem sind, das man nicht ignorieren darf, wenn das Land nicht den Bach runtergehen soll.

    Anmerkung: Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/ds

  2. es stimmt auch linksextreme verüben terroranschläge, dass heist aber nicht, dass nazis toleriert werden sollten. nazis haben auch geschichtich das miteinander der menschen vergiftet und weitaus mehr schaden zugefügt als linksextremisten.

    solingen, mölln, hoyerswerder, nsu etc. sind ereignisse aus der nahen geschichte, die nicht vergessen sind.

    Anmerkung: Der Beitrag, auf den Sie in Ihrem Kommentar Bezug nehmen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/ds

    3 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte kehren Sie zum Artikelthema zurück. Danke, die Redaktion/jz

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    denn die RAF gehört genauso so jüngeren Geschichte, wie das massive Ansteigen des Linksextremismus. Beide Tatsachen widerlegen Ihre Behauptung, und gehören daher zum Thema.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

  3. ("Ob er sich verdrängen lässt, hängt von vielen Faktoren ab.")

    Probleme zu verdrängen, was nutzt denn das?

    Wer meint, das sei ein blöder Witz ... Ist das mit dem Verdrängen denn ernst gemeint? Wohin soll er denn verdrängt werden?

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    Natürlich soll der Rechtsextremismus verdrängt werden, nicht seine Existenz. Dass Rechtsextremismus ein Problem ist, ist unbestreitbar, und außer ein paar Lokalpolitikern, die das aus Sorge um den Ruf ihres Ortes kleinreden, wird das wohl auch weithin anerkannt. Die Zeit tut ihrerseits gerade einiges dafür, das öffentliche Bewusstsein für das Problem zu schärfen und Lösungsansätze zu zeigen.

    Allenfalls die Formulierung mit "verdrängen" ist ungeschickt, vielleicht wäre "zurückdrängen" besser gewesen.

    Redaktion

    Sehr geehrter Herr Gartenschläger, verdrängen lässt sich in diesem Zusammenhang tatsächlich als missverständliches Verb sehen. Im Zuge der Recherche wurde aber deutlich (und das lässt sich durch lokale Erfahrung sicher auch bestätigen), dass Rechtsextremisten ihre Gesinnung nicht zwangsläufig aufgeben, wenn Demokraten offen Widerstand zeigen, sondern auch abwandern und abtauchen. Die Zossener Initiative etwa räumt durchaus ein, dass die örtlichen Neonazis ins Umland verdrängt wurden. Das ist durchaus ein Erfolg, wenngleich das Beseitigen von Rechtsextremismus und seiner Ursachen stets vorzuziehen ist.

    Viele Grüße, Tilman Steffen/ZEIT ONLINE

    • joG
    • 25. Mai 2012 17:35 Uhr

    ....sammeln sie sich aO. Dort sind sie dann stärker. Beseitigt man nicht den Nährboden der Entstehung der Gesinnung, so bringt eine Verdrängung nur noch größeren Ärger.

    Es wäre also wichtig Xenophobie zu bekämpfen. Dabei ist man aber ungemein unerfolgreich, wenn man bedenkt, dass 20%+ der Bevölkerung noch immer etwas gegen Juden hat. Ähnliches gilt in der Einstellung zu anderen Gruppen. Gegen Rassismus geht man mit Verboten und Propaganda vor, bekanntlich sehr stumpfe Waffen im Kampf um Wahrheit.

  4. Ich bin irritiert: Gehört es also zur Demokratie, Wahlplakate anderer Parteien zu überkleistern und sie mit "teilweise radikalen Mitteln" zu attackieren? Wie ich hörte, sind auch andere strafbare Handlungen mit im Spiel, wie z.B. das Hacken von Internetseiten und ähnliches. Das erinnert mich eher an Methoden der Weimarer Zeit. Demokratie scheint also von jedem unterschiedlich ausgelegt zu werden, doch die Methoden des Extremisten sind immer gleich, oder?

    9 Leserempfehlungen
  5. 5. [...]

    Entfernt. Bitte kehren Sie zum Artikelthema zurück. Danke, die Redaktion/jz

  6. Natürlich soll der Rechtsextremismus verdrängt werden, nicht seine Existenz. Dass Rechtsextremismus ein Problem ist, ist unbestreitbar, und außer ein paar Lokalpolitikern, die das aus Sorge um den Ruf ihres Ortes kleinreden, wird das wohl auch weithin anerkannt. Die Zeit tut ihrerseits gerade einiges dafür, das öffentliche Bewusstsein für das Problem zu schärfen und Lösungsansätze zu zeigen.

    Allenfalls die Formulierung mit "verdrängen" ist ungeschickt, vielleicht wäre "zurückdrängen" besser gewesen.

    Antwort auf "Verdrängen"
  7. 7. [...]

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  8. Ja, und was hat das jetzt mit den Rechtsradikalen zu tun? Klar, Linksradikale sind auch antidemokratisch, kriminell usw. und gehören bekämpft. Aber hier geht es nunmal um die Rechtsradikalen. Mit Ihrem Hinweis auf die bösen Linken können Sie nicht davon ablenken, dass Neonazis ein ernstes Problem sind, das man nicht ignorieren darf, wenn das Land nicht den Bach runtergehen soll.

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