UrteilKein Weg aus dem Dilemma Beschneidung

Ein Gericht urteilt: Beschneidung ist Körperverletzung. Aber was ist mit der Religionsfreiheit? Beide Seiten haben recht – und auch wieder nicht.

Natürlich Köln. In der heiligen Stadt am Rhein wird gerade ein Stück nachgespielt, das schon zweitausend Jahre alt ist. Es geht um die Beschneidung von Jungen. Darf man das? Muss man es sogar, um der Religion zu dienen? Oder ist der Schnitt am Gemächt nicht vielmehr ein tiefer Eingriff in die Freiheit und die Selbstbestimmung des Individuums?

Eine Antwort auf diese Fragen lässt sich im Neuen Testament nachlesen, genauer in den Paulus-Briefen. Dort scheint der Streit, ob ein (männlicher!) Christ nun beschnitten sein muss oder nicht, immer wieder auf. Die Antwort des Apostels lautet: Nicht die sture Einhaltung des Gesetzes, sondern alleine der Glaube macht gerecht. Einfacher ausgedrückt heißt das: Es ist egal. Seither gibt es unbeschnittene Christen wie in Mitteleuropa und solche, die die Vorhäute ihrer Knaben entfernen wie in vielen anderen Erdteilen.

Anzeige

Leider ist Paulus ein Religionsstifter und deshalb in dem Streit, den das Landgericht Köln auslöste, ein schwieriger Kronzeuge. Das Gericht hatte darüber zu urteilen, ob ein muslimischer Arzt, der einen vier Jahre alten Jungen auf Wunsch von dessen Eltern beschnitten hatte, eine Körperverletzung beging. Das Urteil: Ja, es war eine Körperverletzung, das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit steht über dem Recht der Eltern und der Freiheit der Religionsausübung. Der Arzt wurde dennoch freigesprochen. Er konnte vor seiner Tat nicht wissen, dass dies verboten war. Jetzt aber, so wird es nun interpretiert, wisse künftig jeder Arzt, was er tut, wenn er bei einem Jungen das Messer ansetzt.

In Wahrheit geht es nicht um einen Schnitt

Man kann das Urteil verteidigen, wie es beispielsweise Georg Hefty in der Frankfurter Allgemeinen tut, weil der Rechtsstaat zwar Religionsfreiheit gewähre, aber Religion keine Staatlichkeit begründe: Wäre der Junge mündig genug gewesen und hätte sich selbst für die Beschneidung entschieden, wäre alles gut. Dass aber seine Eltern dies tun und dabei sein Körper ohne seine Einwilligung unwiederbringlich verändert wird, ist nicht gerecht. Das Kind könne sich schließlich nicht dagegen wehren.

Karsten Polke-Majewski
Karsten Polke-Majewski

Karsten Polke-Majewski ist stellvertretender Chefredakteur von ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Ähnlich argumentiert der Passauer Staatsrechtler Holm Putzke, auf dessen Gutachten sich das Gericht stützt. Muslime und Juden, die sich nun empören, weil das Urteil tief in ihr religiöses Selbstverständnis eingreife, könnten die Beschneidung doch einfach zeitlich verschieben und es bei einem symbolischen Ritus belassen, beispielsweise einem kleinen Stich.

Der Streit, der hier ausgefochten wird, hat wenig mit dem konkreten Fall zu tun. Die Entfernung der männlichen Vorhaut ist keine große Sache (im Gegensatz zur weiblichen Beschneidung, bei der es sich allgemein anerkannt um eine Menschenrechtsverletzung handelt). Viele Millionen Männer leben ohne Vorhaut, in den USA wohl drei Viertel aller männlichen Einwohner. Durch die Beschneidung entsteht kein medizinischer oder körperlicher Nachteil und auch keine Stigmatisierung: An der Beschneidung allein ist nicht erkennbar, weshalb sie vorgenommen wurde. Eine Religionszugehörigkeit wird damit hierzulande nur innerhalb der jüdischen oder muslimischen Gemeinschaft definiert, nicht aber in der Allgemeinheit. Denn wegen krankhafter Vorhautverengung verlieren auch andere Jungen dieses Stück Haut.

Hier stehen vielmehr zwei Weltanschauungen gegeneinander. Die Richter folgten der rechtspositivistischen Tradition, nach der als Grundlage ihrer Entscheidung nur dasjenige Recht gelten kann, das der Staat gesetzt hat. Darin wird der Schnitt mit dem Skalpel ohne medizinische Indikation zur Körperverletzung. Dem steht eine Jahrtausende alte gesellschaftliche Tradition gegenüber, nach der eben dieser Schnitt einen Jungen zum Teil einer religiösen Gemeinschaft macht und ihm damit, je nach Glauben, erst das Seelenheil verschafft.

Leserkommentare
    • Thor36
    • 28.06.2012 um 11:03 Uhr

    Ich verstehe nicht weshalb es so schwer für Sie zu akzeptieren ist, dass eine Beschneidung ein Infektionsrisiko verringert.

    Ich verstehe auch nicht, das Sie nicht verstehen das eine Beschneidung in Deutschland quasi risikolos und schmerzlos ist.

    Eine HPV Epidemie kann wenn Sie, erst einmal sich potenziert nicht aufgehalten werden. Die Kosten müsste die ganze Gesellschaft tragen.

    Also wenn eine Studie sagt, dass es keinen Zusammenhang gibt, dann sagen 100 andere Studien, das Uteruskarzinom sehr wohl auf HPV zurück zu führen ist.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Eine HPV Epidemie kann wenn Sie, erst einmal sich potenziert nicht aufgehalten werden."

    Das humane Papillomavirus (HPV) ist ein kleines DNA-Virus von dem mehr als 100 humanpathogene Subtypen bekannt sind. Die Durchseuchung der Bevölkerung ist sehr hoch, ungefähr 80-90% aller Menschen haben zumindest einmal während ihres Lebens eine HPV-Infektion durchgemacht.

    Panik vor einer "HPV-Epidemie".. süß ;)

    "Eine HPV Epidemie kann wenn Sie, erst einmal sich potenziert nicht aufgehalten werden."

    Das humane Papillomavirus (HPV) ist ein kleines DNA-Virus von dem mehr als 100 humanpathogene Subtypen bekannt sind. Die Durchseuchung der Bevölkerung ist sehr hoch, ungefähr 80-90% aller Menschen haben zumindest einmal während ihres Lebens eine HPV-Infektion durchgemacht.

    Panik vor einer "HPV-Epidemie".. süß ;)

  1. "Für Genitalhygiene brauche ich keine Dusche"

    dazu eine gewisse Strömmungsdichte, das ganze mindesten dreimal am Tag - und auch dann haben Sie immer noch bereits nach etlichen Stunden ein Bakterienbiotop, wie es ein trockener Körperteil nicht aufweist.

    Wie gesagt - befragen Sie Ihre Altvorderen über die Nachkriegszeit.

    Eine Leserempfehlung
  2. "Tatsache einer praktischen HPV-Freiheit eines nicht feuchten Körperteils, wie im Falle des beschnittenen Glieds"

    Beschnittene Glieder sind weder faktisch noch praktisch "HPV-frei". Die Studie von der Uni Washington gab sogar vor, dass es keinen Unterschied zwischen dem HPV-Befall von beschnittenend und unbeschnittenen Männern gibt.

    Auch Studien sind Behauptungen. Und wie Sie sehen, widersprechen sich Studien auch immer wieder. Das sollte Ihnen zu denken geben und vielleicht gehen Sie in Zukunft kritischer mit Studien um..

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Die Studie von der Uni Washington gab sogar vor, dass es keinen Unterschied zwischen dem HPV-Befall von beschnittenend und unbeschnittenen Männern gibt."

    da genau dass dort nicht steht - mal abgesehen davon, dass die Studie widerlegt ist im lancet, worauf Sie freilich tunlichst verneiden einzugehen.

    "Auch Studien sind Behauptungen."

    Nö, Studien sind ehemalige Behauptungen, die bewisen wurden und nunmehr Studienegebnisse, bzw. nachprüfbare Feststellungen sind.

    "Und wie Sie sehen, widersprechen sich Studien auch immer wieder. "
    Eigentlich nicht. Die Ergebnisse hinsichtlich der gesundheitlichen Vorteile der Zirkumzision, etwa bei der Gefahr der HPV-Infektion, sind von der überwiegenden Mehrheit der Forscher anerkannt und gesichert. Daher auch die Empfehlung der WHO.
    Ihre fragwürdige, zudem eindeutig bias-abhängige Provinzstudie hat da keinerlei Aussagewert.

    Im Übrigen kann man die Ergebnisse von Studien methodologisch nachvollziehen und sich auf diese Weise vergewissern. Ihre Äusserung, dass "sich Studien auch immer wieder widersprechen" ist letzthin aussagelos und bezeugt nicht gerade das eigenständige Denken, welches Sie zu thematisieren versuchten.

    "Die Studie von der Uni Washington gab sogar vor, dass es keinen Unterschied zwischen dem HPV-Befall von beschnittenend und unbeschnittenen Männern gibt."

    da genau dass dort nicht steht - mal abgesehen davon, dass die Studie widerlegt ist im lancet, worauf Sie freilich tunlichst verneiden einzugehen.

    "Auch Studien sind Behauptungen."

    Nö, Studien sind ehemalige Behauptungen, die bewisen wurden und nunmehr Studienegebnisse, bzw. nachprüfbare Feststellungen sind.

    "Und wie Sie sehen, widersprechen sich Studien auch immer wieder. "
    Eigentlich nicht. Die Ergebnisse hinsichtlich der gesundheitlichen Vorteile der Zirkumzision, etwa bei der Gefahr der HPV-Infektion, sind von der überwiegenden Mehrheit der Forscher anerkannt und gesichert. Daher auch die Empfehlung der WHO.
    Ihre fragwürdige, zudem eindeutig bias-abhängige Provinzstudie hat da keinerlei Aussagewert.

    Im Übrigen kann man die Ergebnisse von Studien methodologisch nachvollziehen und sich auf diese Weise vergewissern. Ihre Äusserung, dass "sich Studien auch immer wieder widersprechen" ist letzthin aussagelos und bezeugt nicht gerade das eigenständige Denken, welches Sie zu thematisieren versuchten.

  3. Herr Polke-Majewski, Sie schreiben:
    "Anders ist es im Judentum, wo die Beschneidung erst die Mitgliedschaft in der eigenen Kultgemeinschaft ermöglicht. Dort müssten unbeschnittene Jungen jahrelang von der Gemeinde ausgeschlossen werden."

    Das ist so nicht richtig. Dies würde nur für Jungen zutreffen, deren Mütter nicht jüdisch sind.
    Richtig wäre zu schreiben: "Dort müssten unbeschnittene Jungen, deren Mütter nicht jüdisch sind, jahrelang von der Gemeinde ausgeschlossen werden." Und auch hier stellt sich noch die Frage, warum ein symbolischer Nadelstich, wo etwas Blut hervortritt, nicht ausreichen würde, bis das Kind selbst religionsmündig wird. Symbolische Stiche sind üblich bei männlichen Kindern, die bereits beschnitten (aber nicht jüdisch) sind.

    Hier nachzulesen:
    http://www.payer.de/juden...

    Und hier in einer englischen Buchausgabe:
    Questioning Circumcision: A Jewish Perspective
    von Ronald Goldman

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Äbwägung"
  4. Kommentator bereits erwähnt/verlinkt.

    Wenn Sie "Circumcision Death Rate USA" googlen,
    werden Sie pfündig.

    Hier einer der zahlreichen Links:
    http://www.circumstitions...

    In den USA hat man sich auch intensiv mit dem traumatischen
    Erleben der Babies bei Beschneidung beschäftigt.

    Wer sich locker-flockig äußert "ist nicht schlimm", der
    sollte sich dieses Video (Ausschnitt aus einer Awarded
    Documentation) anschauen....

    http://www.youtube.com/wa...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die amerikanische Gesellschaft für Kinderheilkunde hat eine sehr ausgewogene Stellungnahme auf ihrer webseite:
    http://pediatrics.aappubl...

    und Ihre Links zu recherchieren.
    Wenn Sie die Aussage, dass in den USA täglich 100 Babys an der Zirkumzision sterben, irgendwo entnommen haben, dann zitieren sie diese bitte wörtlich mit link oder präziser Quellenangabe.

    Die amerikanische Gesellschaft für Kinderheilkunde hat eine sehr ausgewogene Stellungnahme auf ihrer webseite:
    http://pediatrics.aappubl...

    und Ihre Links zu recherchieren.
    Wenn Sie die Aussage, dass in den USA täglich 100 Babys an der Zirkumzision sterben, irgendwo entnommen haben, dann zitieren sie diese bitte wörtlich mit link oder präziser Quellenangabe.

  5. "Eine HPV Epidemie kann wenn Sie, erst einmal sich potenziert nicht aufgehalten werden."

    Das humane Papillomavirus (HPV) ist ein kleines DNA-Virus von dem mehr als 100 humanpathogene Subtypen bekannt sind. Die Durchseuchung der Bevölkerung ist sehr hoch, ungefähr 80-90% aller Menschen haben zumindest einmal während ihres Lebens eine HPV-Infektion durchgemacht.

    Panik vor einer "HPV-Epidemie".. süß ;)

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@momento_mori"
  6. Die amerikanische Gesellschaft für Kinderheilkunde hat eine sehr ausgewogene Stellungnahme auf ihrer webseite:
    http://pediatrics.aappubl...

  7. und Ihre Links zu recherchieren.
    Wenn Sie die Aussage, dass in den USA täglich 100 Babys an der Zirkumzision sterben, irgendwo entnommen haben, dann zitieren sie diese bitte wörtlich mit link oder präziser Quellenangabe.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "sterben jährlich"....um jetzt falsch zu zitieren
    "sterben täglich"?

    Ihren aggressiven Unterton empfinde ich als der
    Ernsthaftigkeit dieses Themas unangemessen.

    Wenn Sie in einer Diskussion nicht in der Lage sind,
    korrekt zu zitieren, bzw Links zu lesen, dann
    erübrigt sich ein weiteres Eingehen meinerseits
    auf Ihre Beiträge hier.

    Anmerkung: Bitte legen Sie beide Ihre persönliche Auseinandersetzung an dieser Stelle bei und kehren Sie zu einer sachlichen Diskussion zurück. Danke, die Redaktion/ds

    Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie schon mehrfach aufgefordert, bitte genauer zu lesen, offensichtlich liegt Ihnen das nicht.

    noPrincess schreibt in ihrem Kommentar 100 "jährlich" nicht "täglich" wie Sie es Ihr unterstellen.

    "sterben jährlich"....um jetzt falsch zu zitieren
    "sterben täglich"?

    Ihren aggressiven Unterton empfinde ich als der
    Ernsthaftigkeit dieses Themas unangemessen.

    Wenn Sie in einer Diskussion nicht in der Lage sind,
    korrekt zu zitieren, bzw Links zu lesen, dann
    erübrigt sich ein weiteres Eingehen meinerseits
    auf Ihre Beiträge hier.

    Anmerkung: Bitte legen Sie beide Ihre persönliche Auseinandersetzung an dieser Stelle bei und kehren Sie zu einer sachlichen Diskussion zurück. Danke, die Redaktion/ds

    Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie schon mehrfach aufgefordert, bitte genauer zu lesen, offensichtlich liegt Ihnen das nicht.

    noPrincess schreibt in ihrem Kommentar 100 "jährlich" nicht "täglich" wie Sie es Ihr unterstellen.

Service