Im Frühjahr 1989 muss Sabines Familie die DDR verlassen. Sabines Vater, ein Rockgitarrist, hat Ärger mit dem Regime. Die Zehnjährige aus Stollberg im Erzgebirge lernt in einer Mannheimer Grundschule weiter. Als nur Monate später die Mauer fällt, sitzt der vier Jahre ältere Hagen in Hamburg vor dem Fernseher. Dem Jungen prägen sich Bilder von jubelnden Menschen ein, die in seltsam knatternden Autos die geöffneten Schlagbäume passieren. Für den  zehnjährigen Michael in Hoyerswerda gehören die Trabbis zum Stadtbild, sie fahren täglich an seinem Elternhaus vorbei. Auch er schaut sich die Bilder der jubelnden Ossis an – allerdings etwas später, als auch das DDR-Fernsehen sie in die nordsächsische Stadt überträgt.

23 Jahre später laufen Sabine, Hagen und Michael durch Schwerin . Sie gehören zum Netzwerk 3te Generation Ost – gegründet von ostdeutschen Mittdreißigern, die den deutsch-deutschen Umbruch als Kinder oder Jugendliche erlebten und sich darüber mit westdeutschen Altersgenossen austauschen. Auf dem buckelgepflasterten Markt der Landeshauptstadt haben sie  einen Tisch aufgestellt – zwischen den Räucheraalen der Fischerei Piel, einem  Uhrenverkäufer und einem Kerzenhändler. Steine sichern Stapel mit bedrucktem Papier gegen die Frühsommerbrise. Die Ware der drei ist das Gespräch. Die Kundschaft zahlt mit der Bereitschaft, etwas von sich zu erzählen.

Fast zwei Wochen ist die 3te Generation in ostdeutschen Städten unterwegs : Schwedt, Potsdam, Jena, Halle , Zossen, Löbau, Bautzen . Sie sprechen auf den Straßen und Plätzen Passanten an, essen und reden mit Politikern, Ökonomen, Künstlern und auch Schülern. "35-Jährige sollen Träger von Entwicklungen sein. Wenn die fehlen, machen andere die Politik", erläutert Michael, heute Sozialwissenschaftler beim Netzwerk Europäische Bewegung in Deutschland. Sie wollen herausfinden, was die um 1980 herum geborenen DDR-Kinder heute zu bieten haben – welche besonderen Kompetenzen, Erfahrungen und Stärken.

Auf dem Marktplatz in Schwerin ist jedes Gespräch hart erarbeitet. An den Tisch kommt vor allem die zweite DDR-Generation: Menschen, denen die Wiedervereinigung als Alternative zur Dauerarbeitslosigkeit einen Berufswechsel aufzwang. "Mit Älteren ist es allgemein leichter, ins Gespräch zu kommen", schildert Hagen seine Erfahrungen. Mittdreißiger sind in Schwerin heute knapp.

Nach Lübeck für das Begrüßungsgeld

Eine Frau lässt sich ansprechen. Sie ist Physiotherapeutin und Jahrgang 1964, nicht die eigentliche Zielgruppe, aber nah genug dran. Von der Zeit des Mauerfalls ist ihr die erste Reise nach Lübeck in Erinnerung, "um das Begrüßungsgeld zu holen" – 100 Mark, die die Kohl-Regierung jedem DDR-Bürger schenkte. Die Wesenszüge der DDR-Wende-Generation beschreibt sie mit Krisenerfahrung, Improvisationstalent, Zurückhaltung, Kooperationsfähigkeit und Wertschätzung. "Wir sind in den Mangel hinein geboren, während die heutige junge Generation im Überfluss aufwächst." Ihre Tochter etwa, die als Krankengymnastin nach Hamburg zog – dorthin, wo es viele Patienten gibt.

Aus dem Seglerheim am Yachthafen bietet sich ein Blick auf den Schweriner See: grüner Rasen, das Wasser glitzert in der Mittagssonne, der Wind zauselt die Weiden am Ufer. Drinnen sitzen Hagen, Michael und Sabine mit etwa 30 Altersgenossen beim Brunch. Die drei Akademiker versuchen zu erklären, was die dritte Generation ausmacht und was sie erreichen könnte.

Der Westen könnte vom Osten lernen

Das Gespräch dreht sich um Michaels WG-Zeit in Leipzig , wo er mit den West-Bewohnern erstmals über die eigene Herkunft sprach . Hagen, der in Hamburg geborene Politikberater, erklärt ein Imageproblem der Ossis: "Erst Revolution machen und dann jammern", laute die Kritik vieler im Westen. Sabine, die Tochter des Ost-Gitarristen aus Stollberg, sagt, die gemeinsamen Erfahrungen hätten die Ostkinder geprägt: "Wir sind es gewohnt, uns nicht ins gemachte Nest zu setzen, und haben keine Angst vor Veränderungen."

Wie soll Gesamtdeutschland davon profitieren? Henrik klinkt sich ins Gespräch ein. "Der Westen wird bald Entwicklungen durchleben, die der Osten schon hinter sich hat", sagt der in Worms geborene Politologe. Dass der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft weitgehend gelungen ist, das "sollten sich die Ostler anrechnen". Der Westen könne vom Osten lernen.

Die Ministerin, deren Berufsausbildung der Mauerfall stoppte

Eine blonde Mittdreißigerin im schwarzweißen Ringelshirt erzählt den Gästen im Seglerheim, wie der Mauerfall ihre gerade begonnene Ausbildung zur Erzieherin stoppte. Wie sie das Abi nachholte, Steuerrecht studierte und in die SPD eintrat, "obwohl Parteien damals sehr verpönt waren". Gleichzeitig ging auch ihr Vater zur Umschulung, weil er als Schlosser nicht mehr gebraucht wurde.

Ost-Marotte am Buffet

Die blonde Frau heißt Manuela Schwesig , sie ist SPD-Bundesvize und Sozialministerin in Schwerin. Sie erklärt, was die dritte Generation von anderen Ostlern unterscheidet: "Wir haben erlebt, dass unsere Eltern durch den Mauerfall genauso verunsichert waren wie wir selbst, eigentlich noch unsicherer." Der Mauerfall betraf zwar beide Generationen, aber die Kinder konnten flexibler reagieren, ihnen stand die Welt offen.

Worin sich die Ost-Kompetenz der Mittdreißiger konkret zeigt, bleibt schwer greifbar. Denn die 3te Generation Ost versucht, auf den Marktplätzen und in den Gesprächsrunden ihrer Tour etwas zu vermitteln, was sie selbst noch sucht. Vielleicht zeigt sich diese Kompetenz in ihrer Wirkung: Vermutlich wäre der Mittelstand in Ostdeutschland schwächer, wenn es dort nicht Menschen mit besonderem Improvisationstalent und Krisenerfahrung gäbe. Und in der weiterhin hohen Abwanderung zeigt sich eine Art von Flexibilität.

Auf die Gespräche folgen Workshops : über die Ziele der Revolutionäre der Wendezeit, über die Biografien der Wendekinder und zur Zukunft Mecklenburg-Vorpommerns. Übrig geblieben sind Sauerbraten, Kartoffelpuffern und Lachs, denn beim Reden blieb kaum Zeit zum Essen. "Schade drum, kann man sich da nichts mitnehmen?", fragt einer. "Noch so eine Ost-Marotte", entgegnet ein anderer und schmunzelt. "Ja nichts umkommen lassen..."