Der britische Premierminister David Cameron © Olivia Harris/Reuters

David Cameron musste fünf Stunden lang im Gerichtssaal 73 des Royal Court of Justice Rede und Antwort stehen. Er sagte unter Eid aus, wie in den Tagen zuvor seine Vorgänger im Amt des Premiers, Tony Blair , Gordon Brown und John Major . Eigentlich ist Cameron als geschickter Rhetoriker bekannt, der die freie Rede ebenso beherrscht wie die Fähigkeit, unangenehmen Fragen auszuweichen. Doch bei seinem Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss von Lordrichter Brian Leveson wirkte er erstaunlich unsicher.

Körpersprache und teils stockende Antworten signalisierten, dass Cameron nicht wohl war in seiner Haut. Der Premier antwortete zögernd und ausweichend, berief sich manches Mal auf mangelndes Erinnerungsvermögen – "wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal auf einem Fahrrad sitzt und jederzeit umfallen könnte", spottete ein Kolumnist der Daily Mail .

Dabei förderte die Befragung des Premiers in der Sache nichts zutage , was ihn politisch ernsthaft beschädigen würde. Es wurde keine smoking gun (rauchender Colt) entdeckt, keine Information enthüllt, die auf eine geheime Absprache zwischen den britischen Konservativen und dem Medienunternehmen News Corporation von Rupert Murdoch über die letztlich gescheiterte Übernahme des Satelliten-Fernsehsenders BskyB deuten würde. Genau das hatte der frühere Labour-Regierungschef Gordon Brown bei seiner Befragung behauptet. Doch Brown, dunkel von einer Verschwörung der Tories mit dem Murdoch-Imperium raunend, wirkte so verbittert, beinah paranoid und dermaßen unglaubwürdig, dass selbst seine Anhänger es vorzogen, zu schweigen. Niemand fand sich bereit, Brown und seine Verschwörungstheorien öffentlich zu verteidigen.

Cameron wollte die Untersuchung

Warum hatte Cameron dann bei seiner Anhörung so offensichtliche Probleme? Die Antwort hatte der Premier bereits vor etwa einem Jahr gegeben: "Wir alle in der Politik haben ein viel zu enges Verhältnis mit den Medien entwickelt", sagte Cameron damals und traf eine folgenreiche Entscheidung. Der Regierungschef setzte die bislang wohl umfangreichste Untersuchung über Arbeitsweise, Wirkung und Macht der Medien in einer modernen Demokratie ein und gab Leveson und seinem Ausschuss einen dreifachen Auftrag: Er sollte zum einen journalistische Exzesse untersuchen, wie etwa das Abhören von Handys, und dafür schärfere Formen der Regulierung vorschlagen als die bisherige Selbstregulierung. Zum Zweiten sollte Leveson das Verhältnis von Polizei und Journalisten unter die Lupe nehmen, eine Aufgabe, die in anderen Ländern noch bevorsteht. Der dritte Auftrag lautet, die Beziehung zwischen Politik und Medien zu untersuchen.

Mit anderen Worten: Cameron selbst ist also verantwortlich für eine Entscheidung, die ihm jetzt äußerst unangenehme Momente bescherte. Denn die von Leveson geleitete Untersuchung hat sich zu einem monströsen Konstrukt entwickelt, das allen voran einer Armee von Anwälten zugute kommt, während die Öffentlichkeit sich zunehmend desinteressiert und irritiert abwendet.

Tausende von privaten E-Mails und SMS zwischen Politikern und Medienmanagern wurden ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gebracht und enthüllten dabei enge, teils freundschaftliche Beziehungen. Etwa die zwischen David Cameron und Rebekkah Brooks, der ehemaligen Chefin von Murdochs Zeitungskonzern News International, die Cameron mit Lobeshymnen wie "Yes you cam(!)" nach einer Rede 2009 beglückwünschte und die er in seinen vielen Kurznachrichten mit "Lots of Love" bedachte. Keineswegs illegal, aber sehr, sehr eng und vor allem peinlich, zumal Brooks sich in einem Prozess verantworten muss , der mit einer längeren Gefängnisstrafe enden könnte: Der Anklage zufolge hat sie versucht, belastende E-Mails und Computerdaten verschwinden zu lassen, die Beweise dafür liefern könnten, dass sie Kenntnis hatte von den illegalen Abhörpraktiken mancher ihrer Boulevardjournalisten.

Beschädigter Regierungschef

Cameron muss als Konsequenz aus dieser Nähe damit leben, dass zumindest sein Urteilsvermögen hinterfragt wird. Das gilt gerade auch für seine Entscheidung, Andy Coulson, den früheren Chefredakteur von News of the World als Kommunikationsdirektor in die Downing Street zu holen, obwohl 2010 bereits feststand, dass Murdochs Boulevardblatt besonders verwickelt war in den sogenannten Hacking-Skandal. Hat der Regierungschef Coulson vor seiner Einstellung gründlich genug geprüft? Wahrscheinlich nicht, muss die Antwort lauten. Das Bild eines fahrigen, ungenauen Politikers, der Entscheidungen nicht sorgfältig abwägt, beginnt sich herauszukristallisieren.

Cameron war zu Beginn seiner Amtszeit vor allem daran interessiert, einen Spindoktor an seiner Seite zu haben, der weiß, wie das Volk tickt und der seiner Regierung zu einer effektiven Medienstrategie verhelfen würde. Der konservative Premier ließ sich von den gleichen Interessen leiten wie seine Vorgänger Brown und Blair.