Leserartikel

Pflegende AngehörigeWas mich meine demenzkranke Mutter lehrte

Leserin Hanni Alberts hat ihre Mutter, die unter Demenz litt, bis zu ihrem Tod gepflegt. Eine schwierige Zeit, in der sie an Grenzen stieß und ihren Alltag neu überdachte.

Ich habe meine demenzkranke Mutter gepflegt, erst ein Jahr zu Hause und dann bis zu ihrem Tod in einem Pflegeheim. So habe ich den oft zermürbenden Pflegealltag mit seinen Tiefen und wenigen Höhen kennengelernt. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Momente der Verzweiflung. Ich spüre noch immer Wut über die Tatsache, dass meine Mutter unheilbar geistig verwirrt war.

Doch diese harte Zeit hat mich auch vieles gelehrt, was mein Leben grundlegend verändert hat. Aus heutiger Perspektive war die Pflege meiner Mutter ein Meilenstein meiner persönlichen Entwicklung. Ich war damals 45 Jahre alt, beruflich erfolgreich, und glaubte, mein Leben im Griff zu haben. Ich ging davon aus, dass alles so weiter laufen würde wie bisher. Damit war ich zufrieden. Ich fühlte mich erwachsen, körperlich und geistig. Größere Schwächen konnte ich, bis auf meine Ungeduld, nicht an mir entdecken. Ich sah keinen Grund, mein Denken und Handeln infrage zu stellen.

Erst die Demenzerkrankung meiner Mutter öffnete mir die Augen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Während ich sie pflegte, habe ich gelernt, mehr im Hier und Jetzt zu leben. Wenn meine Mutter einen ihrer klaren Momente hatte, war ich ganz aufmerksam und habe ihn ganz bewusst wahrgenommen. Im nächsten Moment konnte schon wieder alles vorbei sein. Ihre Gefühlslage konnte sich ändern oder ein weiterer Krankheitsschub abrupt einsetzen, der ihr Verhalten komplett änderte.

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Früher war ich gedanklich meist mit Problemen von gestern oder mit Vorhaben von morgen beschäftigt. In der Gegenwart verweilte ich nur kurz. Diese Schwäche wurde mir erst während der Krankheit meiner Mutter bewusst. Sie lebte nur für den Moment und gab sich ihm völlig hin. Sie kannte kein Gestern und Morgen, nur das Jetzt zählte. Ich habe von ihr gelernt, meine Aufmerksamkeit mehr den Dingen zu widmen, die gerade geschehen, und achtsam mit meiner Zeit umzugehen. Heute lebe ich viel präsenter in meinem Alltag und gehe bewusster mit meinen Mitmenschen um.

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Leserkommentare
  1. Das Leid von morgen trage ich morgen.
    Diese Zeilen hatte meine Mutter viele Jahre auf ihre Kühlschranktüre geheftet.

    Sie hat in den vergangenen 4 Jahren zwei Töchter -ich Schwestern- in den Tod begleitet.

    Nun sind wir wieder beim Leid angekommen. Sie wird bald 90 und es geht auf das Ende zu. Leider seit 2 Monaten auch in einer Pflegeeinrichtung. Ich bin 900 km entfernt, aber fahre alle drei Wochen für eine Woche hin.
    Genutzt haben wir allerdings die letzten 35 Jahre hatten wir viele tolle Zeiten miteinander.

    Intensive Auseinandersetzung mit allen Hochs + Tiefs, welche das Leben zu bieten hat.

    Schade, dass Frau Alberts erst über die Demenz-Erkrankung ihrer Mutter auf eine schlichte Formel gekommen ist:

    Carpe diem.

    Eine Leserempfehlung
    • Hagmar
    • 11.06.2012 um 21:10 Uhr

    Darin könnte z.B. stehen: "Sollte ich auf Grund von Unfall oder Krankheit, z.B. schwere Demenz, nicht mehr urteilsfähig und auf Dauer pflegebedürftig werden, so will ich in einer gesundheitlichen Krise (z.B. Lungenentzündung) nicht mehr kurativ behandelt werden. Dann soll man mich mit palliativer Pflege sterben lassen. Auch belastende Untersuchungen und Abklärungen haben dann zu unterbleiben."
    Das kann JEDER, der heute im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, verfügen. Damit wäre für Patienten und Angehörige viel gewonnen. Alle haben Angst vor Demenz, vor dem Verlust der Persönlichkeit, vor dem Allein- und Verwirrtsein mit Angstzuständen, Unruhe, Orientierungslosigkeit.
    Dass die Pflege kranker Menschen ein Gewinn an Menschlichkeit, an Bewusstwerdung sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Aber dafür sollte niemand dement werden müssen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Es gibt keinen Ausweg"
  2. 19. Nur...

    "Besonders hart treffen wird es die Kinderlosen, denn wenn ein halbwegs gutes Verhältnis zwischen den Generationen herrscht, hat man in der eigenen Familie wenigstens jemanden, der sich für einen einsetzt"

    ...wenn die Kinder noch in der Nähe wohnen und finanziell dazu in der Lage sind. Da die Regierung aber lieber auf Arbeitsmigration und Niedriglohn statt ausreichen notfalls staatlich geschaffene Jobs setzt, ist das oft nicht mehr gegeben.

    Meine Eltern haben 4 Kinder, die nächsten wohnen 300km entfernt und leben mehr oder weniger von der Hand in den Mund. Der einzige mit einem kleinen Haus bin ich, und ich wohne 500km entfernt. Das ist schon ausreichend lästig mit den Enkeln, wie das mit der Pflege laufen soll, ist mir noch vollkommen unklar. Schon einfache Behördengänge sind auf diese Entfernung eine Zumutung.

    Nicht zu erwähnen, dass meine Eltern nie viel Geld verdienten, eine großartige Absicherung oder ein dickes Konto: Fehlanzeige. Selbst das Erbe, als Belohnung für evtl. jahrelangen Einkommensverzicht bei Pflege, dürfte eher übersichtlich sein. Glück im Unglück ist allein, dass sie noch relativ jung sind und unsere Kinder dann wenigstens aus dem Haus sein dürften.

    Wir Kinder erwirtschaften hingegen die dicken Umlagerenten für die kinderlosen Karrieretypen, die davon dann ihre osteuropäischen Pflegekräfte finanzieren. D Altersicherung ist so ziemlich das ungerechteste was es gibt und findet abseits der Öffentlichkeit statt, kein Zweifel: es wird noch viel härter!

    6 Leserempfehlungen
  3. Hart zusehen zu muessen, wie sich ein geliebter Mensch durch diese Krankheit aufloest und nur eine Huelle, ein Schatten uebrigbleibt. Wie hart tatsaechlich, weiss man erst, wenn es einem selbst passiert. Die Ungerechtigkeit der Situation, die Ohnmacht gegenueber der Gewissheit, dass es nur noch weniger und weniger wird. Konfrontation auch mit der eigenen Vergaenglichkeit, der eigenen menschlichen Begrenztheit. Bewundernswert, dass Sie aus dieser schweren Situation etwas Positives ziehen konnten. Sicher ein Schritt auf dem Weg Frieden damit zu schliessen. Ich finde das sehr beeindruckend.

    3 Leserempfehlungen
  4. Ich finde diesen Unterton (Kinderlose sind karrieregeile Egoisten, die mit 45 die banalsten Dinge des Lebens lernen müssen) ziemlich ungut. Es gibt viele Gründe, keine Kinder zu haben - die in den meisten Fällen nichts mit Egoismus zu tun haben. Freuen Sie sich doch einfach, dass Sie schon früher diese Lebensweisheit hatten.

    Ich finde es übrigens interessant, derartige Anfeindungen gerade bei diesem Thema zu lesen - dabei ist doch die Angst, alleine zu Altern für viele ein Hauptgrund, überhaupt eine Familie zu gründen. Auch eine Art von Egoismus...

    An die Autorin: Besten Dank für den Artikel! Ich bin noch ziemlich jung, aber er hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken, wie es wohl mal sein wird, wenn ich meine Eltern pflegen muss/darf. Und dass ich es schätzen sollte, dass sie sich derzeit noch bester Gesundheit erfreuen...

    7 Leserempfehlungen
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    "Ich bin noch ziemlich jung, aber er hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken, wie es wohl mal sein wird, wenn ich meine Eltern pflegen muss/darf."

    Längst nicht alle Eltern werden pflegebedürftig. Längst nicht alle Eltern werden dement. Längst nicht alle Eltern, die pflegebedürftig oder dement werden, werden von ihren Kindern gepflegt.

    Wozu also sich über ein Ereignis sorgen, das mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht eintritt?

    -*-*-*-

    "Es gibt viele Gründe, keine Kinder zu haben"

    Es gibt genau so viele Gründe, seine Eltern nicht selbst zu pflegen! Und es werden zum großen Teil die gleichen sein.

    Im Artikel ging es um die Frage, was wichtig ist im Leben.

    Von einem entfernteren Standpunkt aus, der mehrere Generationen überblickt, müsste man sogar sagen: Die Pflege von alten Menschen, die ihr Leben schon gelebt haben, ist Luxus. Jedenfalls verglichen mit der Pflege von jungen Menschen, die von einem solchen Standpunkt aus absolut notwendig ist.

    Der Sinn des Lebens besteht nun mal nicht darin, nach hinten zu blicken. Darauf wollte ich aufmerksam machen.
    Nennen Sie es meinetwegen Bashing.

    Wie Sie es auch zu drehen und zu umzudeuten versuchen: Sie werden es nicht hinkriegen, Kinderlosigkeit mit Selbstlosigkeit in Übereinstimmung zu kriegen.

    Und Eltern vorzuwerfen, sie hätten ihre Kinder aus Egoismus bekommen, wie klingt denn das?:

    "Hallo Mama, ich pflege Dich jetzt, denn ich weiss ja, dass Du mich extra deswegen großgezogen hast."

    "Ich bin noch ziemlich jung, aber er hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken, wie es wohl mal sein wird, wenn ich meine Eltern pflegen muss/darf."

    Längst nicht alle Eltern werden pflegebedürftig. Längst nicht alle Eltern werden dement. Längst nicht alle Eltern, die pflegebedürftig oder dement werden, werden von ihren Kindern gepflegt.

    Wozu also sich über ein Ereignis sorgen, das mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht eintritt?

    -*-*-*-

    "Es gibt viele Gründe, keine Kinder zu haben"

    Es gibt genau so viele Gründe, seine Eltern nicht selbst zu pflegen! Und es werden zum großen Teil die gleichen sein.

    Im Artikel ging es um die Frage, was wichtig ist im Leben.

    Von einem entfernteren Standpunkt aus, der mehrere Generationen überblickt, müsste man sogar sagen: Die Pflege von alten Menschen, die ihr Leben schon gelebt haben, ist Luxus. Jedenfalls verglichen mit der Pflege von jungen Menschen, die von einem solchen Standpunkt aus absolut notwendig ist.

    Der Sinn des Lebens besteht nun mal nicht darin, nach hinten zu blicken. Darauf wollte ich aufmerksam machen.
    Nennen Sie es meinetwegen Bashing.

    Wie Sie es auch zu drehen und zu umzudeuten versuchen: Sie werden es nicht hinkriegen, Kinderlosigkeit mit Selbstlosigkeit in Übereinstimmung zu kriegen.

    Und Eltern vorzuwerfen, sie hätten ihre Kinder aus Egoismus bekommen, wie klingt denn das?:

    "Hallo Mama, ich pflege Dich jetzt, denn ich weiss ja, dass Du mich extra deswegen großgezogen hast."

  5. erst Mal, werte Autorin, vielen Dank für die Mit-teilung ihrer sehr wertvollen Erfahrung.

    Die einen lernen es über ihre Kinder, wie ich hier einigen arroganten Kommentaren entnehme (was will die olle Artikelschreiberin bloß - Schnee von gestern, - hab ich schon längst durch meine "Kleinen" intus gekriegt (auf-die Schulter-klopf),

    die andern, wie Sie z.B. lernen es eben durch den Umgang mit einer demenzkranken Mutter.
    Ich persönlich empfinde Hochachtung vor ihrer Mit-teilung.

    Besonders, da viele, die noch nie mit Demenz konfrontiert waren, gerne Mal aus dem Glashäuschen sich ein Urteil drüber bilden. Demenz ist etwas sehr Anstrengendes. Und ich finde es wundervoll, wie das Gold-Nugget ihrer Mutter ausgegraben haben, vorbei an allen Äusserlichkeiten. Mitten in's Zentrum des Hier-und-Jetzt und mitten in's Herz rein.
    Und dabei auch noch durch eine tiefe Selbstreflexion gegangen sind.

    ein aufrichtiges Dankeschön für ihren Artikel!

    3 Leserempfehlungen
  6. Ich würde gerne interessierten Lesern noch etwas aus der ayurvedischen Medizin mitteilen:

    Im Ayurveda geht man davon aus, dass jahrzehntelanger regelmäßiger Input von Coffein und Teein (Sprich: Kaffee und Schwarztee-Trinken) den menschlichen Stoffwechsel und die Veränderung seiner Prozesse im Alter geradezu für Demenz und Alzheimer prädestiniert.

    Vielleicht wundert es dann auch weniger, dass in den durch die Bank weg Kaffee- oder Schwarztee trinkenden westlichen Industrienationen Demenz und Alzheimer ganz besonders auf dem Vormarsch sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    denn in den Gegenden, die traditionell mit Ayurveda zu tun haben, werden die meisten Menschen nicht so alt wie die Masse hier mittlerweile.

    Und wäre das Koffein der Auslöser, hätten wir in Gegenden Afrikas, die traditionell die koffeinhaltige Kolanuss konsumieren wie auch in Gegenden Amerikas, wo traditionell die koffeinhaltigen Mateblätter in Mengen konsumiert werden und noch einiges mehr, wo man sich mit Koffein seit Jahrhunderten pushte, Demenzprobleme.

    Fakt ist aber, dass in all den Koffeingegenden wie auch in anderen Menschen nie so lange so gesund alterten und nun da die anderen Momente des Erkrankens und Sterbens uns treffen, die vor Zeiten auch schon alte Menschen bekamen, die nicht vorher starben auch wenn sie keinen Kontakt zu Koffein jemals hatten.

    Tut mir leid, aber das ist ein netter Holzweg.

    denn in den Gegenden, die traditionell mit Ayurveda zu tun haben, werden die meisten Menschen nicht so alt wie die Masse hier mittlerweile.

    Und wäre das Koffein der Auslöser, hätten wir in Gegenden Afrikas, die traditionell die koffeinhaltige Kolanuss konsumieren wie auch in Gegenden Amerikas, wo traditionell die koffeinhaltigen Mateblätter in Mengen konsumiert werden und noch einiges mehr, wo man sich mit Koffein seit Jahrhunderten pushte, Demenzprobleme.

    Fakt ist aber, dass in all den Koffeingegenden wie auch in anderen Menschen nie so lange so gesund alterten und nun da die anderen Momente des Erkrankens und Sterbens uns treffen, die vor Zeiten auch schon alte Menschen bekamen, die nicht vorher starben auch wenn sie keinen Kontakt zu Koffein jemals hatten.

    Tut mir leid, aber das ist ein netter Holzweg.

  7. Zum Thema "Kinder oder Demenzpatienten - was vermittelt mehr Lebensweisheit?" (überspitzt gesagt)

    Klar, mit Kindern kann man nicht immer planen, ja, mit Kindern muss man sich noch mal ganz anders auf ein anderes Wesen mit anderem Zeitgefühl usw. einlassen. Been there, done that, have the T-shirt.

    Ich finde, mein Kind beim Wachsen und Lernen zu begleiten war gar nicht zu vergleichen mit der Begleitung meiner Großmutter beim Abbau bis hin zum Tod. Da verliert ein geliebter Mensch, der immer da war, nach und nach fast alles, was ihn einmal ausgemacht hat, und man kann fast nichts machen. Alles, alles ging ihr verloren - die Namen, die persönliche Geschichte, die Kontrolle über das eigene Denken und Handeln. Irgendwann dann noch das bisschen Leben selbst.
    Da zusehen zu müssen, das ist etwas ganz anderes als das freudig-wehmütige Dabeisein, wenn ein Kind lernt und sich entwickelt und hinausgeht ins Leben.

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