Mein Vater war Chef einer Behörde, hatte Ansehen, Macht und Geld. Seine Rente betrug 3.750 Euro. Ich habe eine Erwerbsunfähigkeitsrente, die gerade mal ein Zehntel dessen ausmacht. Menschen verachten mich, weil ich es nicht geschafft habe. Weil ich Angst habe, ständig. 

Die hat er mir vermacht, mein lieber Vater. Indem er mich missbraucht hat. Angst vor Gewalt und Folter. Angst, ewig gequält zu werden und dass es niemals Erbarmen für mich gibt.

Als ich studierte, dachte ich, jetzt fängt das richtige Leben an. Vergessen, dass ich eine Zeit obdachlos war, während ich für das Abi lernte. Dass ich jeden Tag in einer Kneipe meine Hausaufgaben erledigte und dann fremde Menschen fragte, ob ich bei ihnen übernachten könne. Damals dachte ich noch: Jetzt wird alles gut. Ich werde einen super Job und eine große Wohnung haben und einen netten Mann und eine Heimat.

Weil mein Vater Karriere machte, zogen wir ständig um. Ich hatte damals keine Heimat und habe heute noch immer keine. Dabei könnte es eine neue Heimat für mich geben – in einem Land, das ich mir erobert habe.

Aber ich darf diese neue Heimat nicht besitzen. Weil ich zu arm bin, um mich selbst finanzieren zu können. Solche wie mich wollen sie nicht haben. Auch wenn man theoretisch das Recht hat, überall in der EU zu wohnen, gilt es nicht für mich.

Ich habe all die Fähigkeiten, die mein Vater auch hatte. Führungsqualität, Klarheit, Struktur, Wissen – eben alles, was es brauchte. Ihn haben die Leute geachtet, vielleicht sogar verehrt.

Als ich 40 war, musste ich feststellen, dass ich den Missbrauch, den ich als Kind erlebt hatte, doch nicht so gut verdrängen konnte, wie ich das gedacht hatte. Ich war Journalistin und sollte über die Wormser Prozesse informieren. Ich musste dem Chef sagen, dass ich das nicht kann. Weil ich Worte wie "Missbrauch" nicht lesen kann. Weil ich sie ausblende, wenn sie in der Zeitung stehen. Und weil ich darüber hinweg singe, wenn ich sie im Radio oder TV hören muss.

Also musste ich eine Therapie machen. Der Mist musste "aufgeräumt" werden. War ja meine Schuld. Immer meine Schuld. Alles.

Und dann musste ich verstehen, dass das nicht "aufzuräumen" geht. Dass die Todesangst bleibt, dass die Gewaltangst bleibt, dass die Angst, grausam gefoltert zu werden ohne Gnade, dass das alles bleibt! Und ich deshalb nicht arbeiten kann, weil alles nur noch mit Gewalt assoziiert ist und dich allein schon das Geräusch eines Stempels dekompensieren lassen kann. Alles ist falsch zusammengesetzt in mir.

Seit über acht Jahren läuft mein Antrag auf Opferentschädigung. Sechs Jahre lang hat mir ein Sachbearbeiter die Möglichkeit verweigert, selbst zu den Vorfällen auszusagen. Weil ich ja zu krank sei. Man könne nicht feststellen, ob ich die Wahrheit sage oder nur fantasiere. 

Es brauchte erst einen Beschluss des Landessozialgerichts, bis mir endlich das Recht zugestanden wurde, selbst auszusagen. Doch dann sandte mich der Richter zu einem Gutachter, der nicht qualifiziert war. Mehrere Stunden habe ich von den Vorfällen berichtet. Mühsamste Seelenarbeit. Das Gutachten sprach für mich. Es wurde dann entwertet von dem Richter, da es nicht den gängigen Standards entsprach. Jetzt folgt als nächstes eine "Glaubhaftigkeitsbegutachtung nach Aktenlage" – wieder wird jemand, der nie mit mir gesprochen hat, darüber urteilen, ob ich die Wahrheit sage oder nicht.

Mein Vater liegt auf einem schönen Friedhof begraben. Sein Grab ist sehr würdevoll. Hier liegt ein braver Bürger, ein bedeutender Mann. Er hat all seinen Kindern das Leben zur Hölle gemacht. Und er durfte das. Ungestraft.

Dieser Artikel wurde unter einem Pseudonym veröffentlicht.