Leserartikel

SeniorenSatt, aber vernachlässigt

Pflegebedürftige Erwachsene dürfen nicht nur formell versorgt werden, schreibt Leserin Christina Menge. Sie brauchen ebenso viel Zuneigung wie unsere Kinder. von 

Regelmäßig besuche ich meine Großmutter im Seniorenzentrum. Dort sehe ich Demenzkranke, die wegen des Personalmangels niemanden haben, der sie fordert und fördert. Ich spreche mit Bettlägerigen, die zwar körperlich gut versorgt sind, aber vereinsamen. Ich treffe viele vitale Senioren, für die zwar Ausflüge organisiert werden, deren Sorgen aber niemanden interessieren.

Die Zahl der Menschen, die in Pflege- oder Seniorenheimen leben, ist derzeit noch relativ gering. Zwei Drittel der knapp 2,3 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Doch das könnte sich bald ändern: Wir werden nicht nur immer älter, wir bekommen auch immer weniger Kinder, die uns später zu Hause versorgen könnten. Deshalb müssen wir uns endlich Gedanken über die Zustände in Pflegeheimen machen. Vor allem darüber, wie wir angemessen mit den Menschen umgehen, die vor wenigen Jahren noch das gesellschaftliche Leben geprägt haben.

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Vieles ist in Heimen nicht so, wie es sein sollte. Manche Probleme sind in der Gesellschaft bekannt, etwa der Personalmangel. Die alltäglichen Sorgen und Schwierigkeiten, mit denen die Senioren zu kämpfen haben, sind hingegen selten ein Thema.

Wie fühlt es sich zum Beispiel an, zu stürzen und zu hoffen, dass es schnell jemand bemerkt, weil das Pflegepersonal erst in zwei Stunden die nächste Medikamentenrunde macht? Wie fühlt es sich an, wenn das Radio keinen Sender mehr empfängt, man aber nicht aufstehen kann, um das Rauschen abzustellen? Wie ist es, sich zu fragen, ob die Kinder beim nächsten Besuch die Enkelkinder mitbringen oder ob sie ihnen den traurigen Anblick ersparen wollen?

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Das sind alltägliche Ängste und Gefühle von Senioren in Pflegeheimen. Würden wir unsere Kinder in solchen Zuständen allein lassen, würde uns Vernachlässigung und Lieblosigkeit vorgeworfen. Niemand ließe einen Säugling tagelang in einem Zimmer allein und käme nur, um ihn zu waschen, zu wenden und zu füttern.

Wir können nur solange die Augen vor dem Leid der pflegebedürftigen Senioren schließen, bis wir selbst ins Pflegeheim ziehen müssen. Und wenn wir unseren Kindern weiterhin vorleben, dass einsame Senioren normal sind, werden auch sie kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie einst mit uns so verfahren.

Fortschritt ist nicht nur technischer oder medizinischer Natur. Er bedeutet vor allem die Entwicklung unseres Miteinanders. Was unseren Umgang mit Senioren in Pflegeheimen angeht, ist unser Land nicht fortschrittlich.

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Leserkommentare
  1. nicht wenige Menschen werden zu Hause nicht annähernd so gut gepflegt wie es die Profis tun können, was man bei Akutpatienten in Kliniken immer wieder sehen kann.

    Und ein Aspekt sollte nicht übersehen werden: es gibt nicht allzu selten in Familien Gewalt gegen Pflegebedürftige, die oftmals auch nur über einen ungeplanten Klinikaufenthalt heraus kommt.

    Ich denke, dass man sehr viel Glück haben muss, wenn man Pflege benötigt.

    Eine Versorgung, die auch die emotionalen Bedürfnisse einbezieht, dürfte kaum machbar sein.

  2. dahin können die gehen, die sich miteinander unterhalten wollen.
    Es gibt durchaus Bewohner, die nett sind und auch Kontakt haben.
    Die Mehrzahl mag sich aber gegenseitig nicht, oder die anderen sind nicht gut genug,
    das ist ein ziemlich typisch deutsches Verhalten.
    Wenn also jemand leidet, dann leiden die Deutschen halt unter deutschem Verhalten.
    Da können die besten Pflegekräfte nichts dagegen tun, die leiden nur oft genug unter den gegenseitigen Angiftungen der Bewohner.

  3. Hallo, Ricardicus :-D

    Man kann nur jemandem helfen, der auch will, dass ihm geholfen wird. Viele alte Menschen haben ihr Leben wie Jahresringe um sich gelegt und wollen gar nicht, dass sich da einer durchbohrt, um alte Traumata und unaufgearbeitete Geschichten vorm Tod noch schnell zu lösen. Viele alte Menschen interessieren sich auch null für andere Menschen, sondern bloß für sich selber und erzählen endlos immer nur von sich und ihren tausend Krankheiten.

    Wenn alte Menschen hingegen Frieden mit sich, Gott und der Welt gemacht haben, hält man sich gern in ihrer Nähe auf, weil sie was Besonderes ausstrahlen. Das funktioniert sogar bei Alzheimer-Patienten, der IQ oder räumliche und zeitliche Orientierung ist überhaupt nicht so wichtig, wie immer getan wird.

    Wenn von den alten Menschen nichts kommt, kann man auch nichts erzwingen. So zu tun, als könnte man auch in einem solchen Fall permanent Verständnis und Liebe aufbringen, dient doch nur dem eigenen Selbstbild, und das kann man gerade so gut lassen, oder etwa nicht?

    Viele Grüße von
    Bulldogge

    • xpeten
    • 21. Juni 2012 18:18 Uhr

    Bitte verzichten Sie auf herabwürdigende Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

  4. In Ihrem Satz:
    Lieber sterben als Dank aussprechen zu müssen.
    klingt stolz, trotzig, ein wenig verbittert, und verzeihen Sie auch ein wenig überheblich - was eigentlich nicht Ihre Art ist - meine ich zu wissen.

    Niemand wünscht sich pflege - bzw. hilfsbedürftig zu werden, ich auch nicht. Aber wir bestimmen unser Schicksal nicht, das mag deutlich sein.

    Sollte ich jemals eine entsprechende Hilfe in Anspruch nehmen, hätte ich keine Mühe dafür zu danken, denn wir sollten mitmenschliche Hinwendung nicht als "Bringeschuld" nach dem Leistungs-Preis-Tausch-Marktverhältnis auffassen, sondern als eine Hilfe die aus einer sozialen persönlichen Verantwortung heraus geschieht, einer ethischen Überzeugung und Haltung unseren Mitmenschen gegenüber.

    Diese marktgesteurte allgemeine soziale Entfremdung ist das Problem, die Ihnen Ihre Aussage entlockte, denke ich. Und da frage ich mich in der Tat, wo eine öffentliche breit angelegte Ethik-Diskussion bezüglich der Gesundheitssorge bleibt - insofern kann man der Autorin für Ihren Beitrag nur danken.

    Freundliche Grüße

    Antwort auf "Senioren"
    • Kalixa
    • 21. Juni 2012 22:42 Uhr

    Viele hier vorgebrachte Aspekte sind absolut richtig, so z. B. die Eigenverantwortung eines Bewohners, denn es durchaus nicht alle dement oder senil. Inmitten von Pflegereformen fällt mir nur auf, dass der Verwaltungsaufwand immer größer wird! Immer neue Formulare, immer aufwendigere Pflegeplanungen lassen die Aktenberge steigen.
    Wo ist der Bewohner? Es geht doch dem Medizinischen Dienst, der letztlich die Kontrollfunktion über den Pflegebereich ausübt, nur um die Vollständigkeit der Akten! Alles muss vermerkt sein, alles notiert und dokumentiert! Man betrachte doch nur das Benotungssystem. Und wie so vieles in diesem, unserem Lande, am Menschen vorbei.

  5. Früher, ja da wo meine Urgroßmutter wohnte, hatte es 2! Wohungen auf der Eage. In dem Haus sind es heute 4!! Das sagt alles. Da ist für Oma, Opa kein Platz vorgesehen.....es ginge schon. Auf dem Land da geht es heute noch oft

  6. Alles, aber auch wirklich alles was in Deutschland aufgebaut wurde, ist mit Schulden finanziert worden.
    Und die Truemmer des Krieges wurden weitgehend von denen weggeschafft die selbst fuer den totalen Krieg gejubelt hatten.
    Das ist nichtmal als Vorwurf zu verstehen, vielmehr einfach als historisches Faktum.

    Daher aber ich lehne es vehement ab fuer Errungenschaften dankbar zu sein, die allesamt noch unbezahlt sind.

    Dies hat jedoch wiederum nichts direkt mit unserem Pflegenotstand zu tun. Wir sollten ja nicht alles a la Tit-for-Tat sehen. Indirekt, aber wiederum schon, denn all das Geld welches in Zinstilgung floss, fliesst und fliessen wird, ist weg.

    Antwort auf "Senioren"

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  • Schlagworte Natur | Radio | Sender
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