LaiengerichteKairos Gesetz der Straße

Wem im Chaos von Kairo Unrecht geschieht, der kann auf Polizei und Justiz lange warten. Recht spricht in solchen Fällen, wer gerade in der Nähe ist.

Der Taxifahrer geht uns wahnsinnig auf die Nerven. Ein Freund und ich haben eine Verabredung auf der anderen Seite der Stadt. Nach einem Jahr in Ägypten kenne ich das Verkehrs-Tohuwabohu von Kairo. Ich hatte dem Fahrer gesagt, welchen Weg er nehmen solle. Er kümmerte sich nicht darum und fuhr stattdessen mitten durchs Zentrum. Nach einer halben Stunde sind wir nicht weiter gekommen, als wir es in der sommerlichen Gluthitze zu Fuß geschafft hätten. Wir springen verärgert aus dem Wagen und gehen zu Fuß weiter.

Der Fahrer uns hinterher, sein Auto lässt er mitten auf der Straße stehen. Er holt uns auf dem Bürgersteig ein und beschuldigt uns lautstark, ihn betrogen zu haben. Ich entgegne, er habe uns hinters Licht geführt und wollte ein unnötig hohes Fahrgeld schinden. Passanten bleiben stehen, Männer stehen von ihren Stühlen in Straßencafés auf. Sie formen einen Zirkel um uns. Ich werde zum Gegenstand einer ägyptischen Institution – der Straßengerichtsbarkeit.

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Hunderte Male formieren sich auf Kairos Straßen täglich solche Laiengerichte. Sie fällen Urteile über Karambolagen, mutwillige oder versehentliche Sachbeschädigung, Diebstahl, Beleidigung, Nötigung – über mehr oder weniger jede Rechtsverletzung und jeden Disput. In unserem Fall geht es um ganze zehn Pfund, umgerechnet sind das gerade 1,30 Euro. Für den Taxifahrer ist das immerhin der Lohn einer halben Stunde Arbeit.

Erst wenn jemand stirbt, ruft man die Polizei

Sobald Stimmen über den normalen Geräuschpegel ansteigen, lässt jedermann im näheren Umkreis stehen und liegen, womit er gerade beschäftigt ist, und umringt die Kontrahenten. Innerhalb von Sekunden befinden die sich inmitten eines Gedränges von zwanzig oder dreißig Männern jeden Alters und aller möglichen Herkunft. Ältere und gesetztere Teilnehmer halten die Situation unter Kontrolle, wenn hitzköpfige Junge die Fassung verlieren und die Fäuste ballen.

An Spannungsherden mangelt es in Kairos durchgängigem Chaos nie. Autos stehen in kilometerlangen Schlangen vor Tankstellen an, um etwas Benzin zu ergattern. Menschen kommen in Tumulten an Ausgabestellen von staatlich subventioniertem Brot ums Leben. Erst, wenn jemand stirbt, schaltet sich die Polizei ein. Sonst ruft sie niemand.

Die Polizei hat nicht das geringste Interesse, sich in weniger ernste Konfrontationen einzumischen. Das ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass kleine Rechtsbrüche so häufig vorkommen, dass die Staatsgewalt gar nicht in der Lage wäre, sich mit ihnen zu beschäftigen. Vor allem aber sieht sie ihre Rolle darin, den Staat zu schützen, nicht die Bürger.

Leser-Kommentare
  1. Das klingt ja eher wie ein Bericht aus Neukölln als aus Ägypten. Allerdings ist es ja üblich für südländische Länder, Konflikte direkt zu klären. Ob es nun in Deutschland besser ist, wo jeder Pups zu lasten des Steuerzahlers vor Gericht vorgetragen wird? Man wagt es zu bezweifeln. Gerecht war die Sache im Artikel jedenfalls.

    2 Leser-Empfehlungen
  2. ich bin ja sehr regelmäßig in Neukölln aber solche Verhaltensweisen kenne ich von dort gar nicht. Wenn mich dort ein Taxifahrer betrügen will, wird mit Sicherheit kein Straßengericht erscheinen und spontan "Recht" sprechen wollen.

    8 Leser-Empfehlungen
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    Na ja, aber in manche Ecken zu manchen Zeiten traut sich auch schon kein Polizist mehr ohne größeres Aufgebot.

    Na ja, aber in manche Ecken zu manchen Zeiten traut sich auch schon kein Polizist mehr ohne größeres Aufgebot.

    • bRi4n
    • 03.07.2012 um 16:41 Uhr

    Diese Art Straßengericht ist mir dort auch aufgefallen, nur das ich auch schon mitbekommen habe das Fäuste geflogen sind, das war Mohammed farid nicht weit vom Tahrir Platz entfernt. Es ging um eine gestollene Zeitung glaube ich. Viel erstaunlicher fand ich das dies alles vor den Augen der Polizei stattfand (also diese weiß gekleideten Polizisten) und die keinen Finger krümmten.
    Zu den Taxifahrern muss ich sagen, dass die mich vermutlich alle ausgenommen haben. Das Taxi jedoch immer glücklich verlassen habe, weil ich im Vergleich zu Deutschland so wenig bezahlt habe

  3. ...aber in einem Land mit korrupter Polizei und Politik, halte ich es für keine schlechte Idee.
    Interesantes Konzept: Das bloße Gerechtigkeitsgefühl der Masse bestimmt das gesellschaftliche Zusammenleben - besser als Anomie allemal.

    Eine Leser-Empfehlung
    • xauvq
    • 03.07.2012 um 16:57 Uhr

    Das Wort südländisch/Südländer etc. kenne ich seit maximal einem Jahr. Kann es sein das es zuvor nie verwendet wurde oder nur in speziellen Kreisen? Kenne die Wortherkunft nicht, jedoch empfinde ich die Verwendung immer in einem negativen Zusammenhang.

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    • scoty
    • 03.07.2012 um 18:10 Uhr

    Wenn negative Nachrichten über Ausländer erscheinen sehe ich dieses Wort öfters und mit Ausländer meine ich alle Länder ab Jugoslawien runter bis hin zur Türkei aber Ägypten hatte ich bisher noch nicht gehört.

    Natürlich werden in sehr vielen Ländern Touristen von Taxifahrern überm Tisch gezogen, auch hier in Europa.

    Ich erkundige mich vorher bei Einheimischen was die Fahrt von A nach B kosten könnte oder frage den Taxifahrer bevor ich einsteige was es kostet und wenn es zu teuer ist frage ich ein anderen Taxifahrer und wenn dieser z.B. 20 sagt sage ich 10 und wir treffen uns in der Mitte.

    Für 1,30 Euro hätte mann sich diesen Ärger ersparen können.

    Anderes Land andere Gesetze.

    • scoty
    • 03.07.2012 um 18:10 Uhr

    Wenn negative Nachrichten über Ausländer erscheinen sehe ich dieses Wort öfters und mit Ausländer meine ich alle Länder ab Jugoslawien runter bis hin zur Türkei aber Ägypten hatte ich bisher noch nicht gehört.

    Natürlich werden in sehr vielen Ländern Touristen von Taxifahrern überm Tisch gezogen, auch hier in Europa.

    Ich erkundige mich vorher bei Einheimischen was die Fahrt von A nach B kosten könnte oder frage den Taxifahrer bevor ich einsteige was es kostet und wenn es zu teuer ist frage ich ein anderen Taxifahrer und wenn dieser z.B. 20 sagt sage ich 10 und wir treffen uns in der Mitte.

    Für 1,30 Euro hätte mann sich diesen Ärger ersparen können.

    Anderes Land andere Gesetze.

  4. ....die amuesante Geschichte.
    Es gibt noch viele Geschichten und Beispiele, die den Kulturunterschied zeigen koennten. Ich haette dem armen Aegypter die 1.3 Euro gegeben und waere trotzdem weiter zu Fuss mein Ziel entgegen gelaufen.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Das macht man einmal, oder zweimal, aber irgendwann wird auch dem Geduldigsten die Ausländerabzockerei in arabischen Staaten zuviel. Dann geht es nicht mehr um einen Euro, sondern um die Selbstachtung.

    Ihre Selbstachtung kann, objektiv gesehen, doch nicht angetastet sein, weil man Ihnen einen Euro zuviel abkassiert hat. Die Menschen dort sind eben bettel arm daher uebrigens auch bestechlich. Sie koennen vom Glueck reden, dass Sie dort nicht die Dienste einer Behoerden oder eines Grenzoffiziers in Anspruch haben nehmen muessen. Da haetten Sie sehr wahrscheinlich blechen muessen und zwar nicht einen Euro, sondern wesentlich mehr. So ist es nun mal.

    Das macht man einmal, oder zweimal, aber irgendwann wird auch dem Geduldigsten die Ausländerabzockerei in arabischen Staaten zuviel. Dann geht es nicht mehr um einen Euro, sondern um die Selbstachtung.

    Ihre Selbstachtung kann, objektiv gesehen, doch nicht angetastet sein, weil man Ihnen einen Euro zuviel abkassiert hat. Die Menschen dort sind eben bettel arm daher uebrigens auch bestechlich. Sie koennen vom Glueck reden, dass Sie dort nicht die Dienste einer Behoerden oder eines Grenzoffiziers in Anspruch haben nehmen muessen. Da haetten Sie sehr wahrscheinlich blechen muessen und zwar nicht einen Euro, sondern wesentlich mehr. So ist es nun mal.

  5. Na ja, aber in manche Ecken zu manchen Zeiten traut sich auch schon kein Polizist mehr ohne größeres Aufgebot.

    Antwort auf "Komisch,"
    • scoty
    • 03.07.2012 um 18:10 Uhr

    Wenn negative Nachrichten über Ausländer erscheinen sehe ich dieses Wort öfters und mit Ausländer meine ich alle Länder ab Jugoslawien runter bis hin zur Türkei aber Ägypten hatte ich bisher noch nicht gehört.

    Natürlich werden in sehr vielen Ländern Touristen von Taxifahrern überm Tisch gezogen, auch hier in Europa.

    Ich erkundige mich vorher bei Einheimischen was die Fahrt von A nach B kosten könnte oder frage den Taxifahrer bevor ich einsteige was es kostet und wenn es zu teuer ist frage ich ein anderen Taxifahrer und wenn dieser z.B. 20 sagt sage ich 10 und wir treffen uns in der Mitte.

    Für 1,30 Euro hätte mann sich diesen Ärger ersparen können.

    Anderes Land andere Gesetze.

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    Ab Jugoslawien?!? Welches Land meinen Sie denn bitte??? Jugoslawien existiert nicht mehr.

    Ab Jugoslawien?!? Welches Land meinen Sie denn bitte??? Jugoslawien existiert nicht mehr.

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