Das Schweigen der Freundinnen ist unüberhörbar. Und es ist härter für Anne-Marie Slaughter als vieles, was sie in Kommentaren aus Brasilien, Norwegen , Israel oder Korea während der letzten Tage über sich gelesen hat. 1,2 Millionen Menschen haben den Text aufgerufen, den die frühere Planungsstabschefin von Hillary Clinton vor Kurzem im Magazin The Atlantic veröffentlicht hat. Hunderte haben Mails geschrieben, 176.000 haben mit "Gefällt mir"-Klicks auf Facebook reagiert. Von den Freundinnen: Nichts.

Anne-Marie Slaughter sitzt in einer Berliner Hotelbar, es ist kurz nach 22 Uhr, das Licht ist gedämpft. Slaughters Agentin hat diesen späten Termin für ein Interview angeboten, sorry, die einzige Möglichkeit, Anne-Marie zu sprechen, aber sie freut sich schon. Vorher hält sie einen Vortrag bei einer großen deutschen Stiftung, am nächsten Tag sitzt sie mit der Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde auf einem Podium in Florenz . Trotzdem steht am nächsten Tag auf der Titelseite einer deutschen Tageszeitung, Slaughter kehre "zurück an den Herd". Dabei kann sie nicht einmal kochen.

Die 53-jährige Anne-Marie Slaughter,  Mutter von zwei Söhnen, war im Frühjahr vergangenen Jahres von einem anspruchsvollen, einflussreichen und hochbezahlten Posten in Washington auf einen nicht ganz so einflussreichen, aber ebenfalls sehr anspruchsvollen und hochbezahlten Posten in der Nähe ihrer Familie gewechselt, der Kinder wegen. 18 Monate war sie eine der engsten Mitstreiterinnen von Hillary Clinton im Außenministerium, die erste Frau im Amt des Planungsstabschefs. Es war "der absolute Traumjob, den ich immer wollte", wie sie sagt. Jetzt ist sie Professorin für Politikwissenschaft an der Elite-Universität Princeton .

Den Rücktritt selbst haben ihr die Freundinnen damals übrigens nicht übel genommen, auch nicht die amerikanischen Feministinnen, die jetzt Slaughters Essay als Verrat empfinden und sie öffentlich kritisieren. Slaughters Deutung war heikler als der Rückzug selbst. Man kann ihren Text so verstehen, als wollten Frauen keine Macht, jedenfalls wollten sie sie nicht so sehr wie Männer. Im Zweifel entschieden sich Frauen für die Familie zu Lasten der Karriere. Bei Männern sei es umgekehrt, schreibt Slaughter. Bei Frauen sei der Mutter-Instinkt nun einmal stärker.

Man kann daraus ableiten, dass abwegig ist, was viele Feministinnen immer wollten: Die Hälfte der Macht, mindestens. Die Hälfte der Vorstandsposten, die Hälfte der Ministerämter, der wichtigen Professuren. Spitzenämter wie das des Planungsstabschefs seien mit einem intensiven Familienleben nicht vereinbar, sagt Slaughter und lacht: "Man kann den Ägyptern schlecht sagen, hey, macht bitte keine Revolution, meine Kinder sind gerade krank." Was aber bedeutet es, wenn Slaughter recht hat und Frauen tatsächlich lieber selbst Fieber messen statt in internationalen Konferenzen zu verhandeln? Bedeutet es, dass Frauen "nicht alles haben können", wie es in der Überschrift des Essays heißt? Dass es also auch falsch ist, "alles", Kinder und Karriere zu wollen und zu fordern? Man kann Slaughter so verstehen. Man muss es aber nicht. Sie fände es falsch.

"Mein Mann hat das alles kommen sehen, er hat mich gewarnt", sagt Anne-Marie Slaughter und lacht. Sie trägt an diesem Abend einen langen, hellen Blazer, er sieht fast wie ein Mantel aus, eine Schutzhülle, wie man sie von Hillary Clinton kennt. Schwerer teurer Stoff, mit dem Slaughter auch in der Oper richtig angezogen wäre, darunter eine schwarze Korsage mit tiefem Ausschnitt, schwarze Hose, hohe Schuhe. Sie sieht nach Macht aus und gleichzeitig feminin, eine Kombination, die Amerikanerinnen und Französinnen besser gelingt als deutschen Politikerinnen und Managerinnen.

Erst der Kampf um Posten, jetzt der Kampf ums Glück

Am Abend, beim Empfang der Robert-Bosch-Stiftung , haben sich die Zuhörer noch zugeraunt, wenn Frau Slaughter schreibe, Kinder und Karriere seien nicht wirklich vereinbar, sei das für die Amerikaner ungefähr so, als wenn das in Deutschland Ursula von der Leyen behaupte. Auf sie haben viele geschaut, die immer schon zweifelten, ob engagierte Mütter wichtige Ämter übernehmen könnten. Jetzt fühlen sie sich im Recht. Und Slaughters Freundinnen sind sauer. Mit einer, erzählt Slaughter, habe sie regelmäßig Glückwünsche ausgetauscht, nach dem Motto: Uns bringt nichts von unserem Weg ab, wir spielen ganz oben mit.

"Dabei bin ich nur eine optimistischere Feministin als sie", sagt Slaughter. "Ich glaube, Frauen brauchen inzwischen nicht mehr zu beweisen, dass sie gut sind, dass sie hart sind, dass sie eigentlich alle wichtigen Positionen übernehmen können. Es ist an der Zeit, darüber zu reden, welchen Preis wir dafür zahlen." Vor allem die Gespräche mit Studentinnen haben sie bei dieser Sicht bestärkt: "Die jungen Frauen wollen diesen Preis oft nicht zahlen. Wir werden sie nicht überzeugen, wenn wir nicht ehrlich sind." 

Erst gab es den Kampf um Posten, jetzt kommt der Kampf ums Glück: So würde Slaughter ihren Essay selbst zusammenfassen. Sie sieht die amerikanische Gesellschaft in einer ähnlichen Phase wie in den fünfziger und sechziger Jahren. Damals war es eine Arbeitsgesellschaft mit vielerlei Zwängen, die abgelöst wurde durch die siebziger Jahre mit ihren sinnsuchenden, konsumverweigernden Hippies. Seriöse amerikanische Glücksforscher hätten in mehreren Studien gezeigt, dass die Frauen im den Vereinigten Staaten weniger glücklich seien als früher und Slaughter kann viele Geschichten erzählen von Frauen, die sich selbst kasteien.