FeminismusWenn Frauen auf die große Macht verzichten

Anne-Marie Slaughter ist als Mitarbeiterin von Hillary Clinton zurückgetreten, der Kinder wegen. Feministinnen empfinden ihre Begründung als Verrat. Jetzt wehrt sie sich. von 

Anne-Marie Slaughter

Anne-Marie Slaughter im Mai 2011  |  © Alex Wong/Getty Images

Das Schweigen der Freundinnen ist unüberhörbar. Und es ist härter für Anne-Marie Slaughter als vieles, was sie in Kommentaren aus Brasilien, Norwegen , Israel oder Korea während der letzten Tage über sich gelesen hat. 1,2 Millionen Menschen haben den Text aufgerufen, den die frühere Planungsstabschefin von Hillary Clinton vor Kurzem im Magazin The Atlantic veröffentlicht hat. Hunderte haben Mails geschrieben, 176.000 haben mit "Gefällt mir"-Klicks auf Facebook reagiert. Von den Freundinnen: Nichts.

Anne-Marie Slaughter sitzt in einer Berliner Hotelbar, es ist kurz nach 22 Uhr, das Licht ist gedämpft. Slaughters Agentin hat diesen späten Termin für ein Interview angeboten, sorry, die einzige Möglichkeit, Anne-Marie zu sprechen, aber sie freut sich schon. Vorher hält sie einen Vortrag bei einer großen deutschen Stiftung, am nächsten Tag sitzt sie mit der Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde auf einem Podium in Florenz . Trotzdem steht am nächsten Tag auf der Titelseite einer deutschen Tageszeitung, Slaughter kehre "zurück an den Herd". Dabei kann sie nicht einmal kochen.

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Die 53-jährige Anne-Marie Slaughter,  Mutter von zwei Söhnen, war im Frühjahr vergangenen Jahres von einem anspruchsvollen, einflussreichen und hochbezahlten Posten in Washington auf einen nicht ganz so einflussreichen, aber ebenfalls sehr anspruchsvollen und hochbezahlten Posten in der Nähe ihrer Familie gewechselt, der Kinder wegen. 18 Monate war sie eine der engsten Mitstreiterinnen von Hillary Clinton im Außenministerium, die erste Frau im Amt des Planungsstabschefs. Es war "der absolute Traumjob, den ich immer wollte", wie sie sagt. Jetzt ist sie Professorin für Politikwissenschaft an der Elite-Universität Princeton .

Den Rücktritt selbst haben ihr die Freundinnen damals übrigens nicht übel genommen, auch nicht die amerikanischen Feministinnen, die jetzt Slaughters Essay als Verrat empfinden und sie öffentlich kritisieren. Slaughters Deutung war heikler als der Rückzug selbst. Man kann ihren Text so verstehen, als wollten Frauen keine Macht, jedenfalls wollten sie sie nicht so sehr wie Männer. Im Zweifel entschieden sich Frauen für die Familie zu Lasten der Karriere. Bei Männern sei es umgekehrt, schreibt Slaughter. Bei Frauen sei der Mutter-Instinkt nun einmal stärker.

Man kann daraus ableiten, dass abwegig ist, was viele Feministinnen immer wollten: Die Hälfte der Macht, mindestens. Die Hälfte der Vorstandsposten, die Hälfte der Ministerämter, der wichtigen Professuren. Spitzenämter wie das des Planungsstabschefs seien mit einem intensiven Familienleben nicht vereinbar, sagt Slaughter und lacht: "Man kann den Ägyptern schlecht sagen, hey, macht bitte keine Revolution, meine Kinder sind gerade krank." Was aber bedeutet es, wenn Slaughter recht hat und Frauen tatsächlich lieber selbst Fieber messen statt in internationalen Konferenzen zu verhandeln? Bedeutet es, dass Frauen "nicht alles haben können", wie es in der Überschrift des Essays heißt? Dass es also auch falsch ist, "alles", Kinder und Karriere zu wollen und zu fordern? Man kann Slaughter so verstehen. Man muss es aber nicht. Sie fände es falsch.

"Mein Mann hat das alles kommen sehen, er hat mich gewarnt", sagt Anne-Marie Slaughter und lacht. Sie trägt an diesem Abend einen langen, hellen Blazer, er sieht fast wie ein Mantel aus, eine Schutzhülle, wie man sie von Hillary Clinton kennt. Schwerer teurer Stoff, mit dem Slaughter auch in der Oper richtig angezogen wäre, darunter eine schwarze Korsage mit tiefem Ausschnitt, schwarze Hose, hohe Schuhe. Sie sieht nach Macht aus und gleichzeitig feminin, eine Kombination, die Amerikanerinnen und Französinnen besser gelingt als deutschen Politikerinnen und Managerinnen.

Erst der Kampf um Posten, jetzt der Kampf ums Glück

Am Abend, beim Empfang der Robert-Bosch-Stiftung , haben sich die Zuhörer noch zugeraunt, wenn Frau Slaughter schreibe, Kinder und Karriere seien nicht wirklich vereinbar, sei das für die Amerikaner ungefähr so, als wenn das in Deutschland Ursula von der Leyen behaupte. Auf sie haben viele geschaut, die immer schon zweifelten, ob engagierte Mütter wichtige Ämter übernehmen könnten. Jetzt fühlen sie sich im Recht. Und Slaughters Freundinnen sind sauer. Mit einer, erzählt Slaughter, habe sie regelmäßig Glückwünsche ausgetauscht, nach dem Motto: Uns bringt nichts von unserem Weg ab, wir spielen ganz oben mit.

"Dabei bin ich nur eine optimistischere Feministin als sie", sagt Slaughter. "Ich glaube, Frauen brauchen inzwischen nicht mehr zu beweisen, dass sie gut sind, dass sie hart sind, dass sie eigentlich alle wichtigen Positionen übernehmen können. Es ist an der Zeit, darüber zu reden, welchen Preis wir dafür zahlen." Vor allem die Gespräche mit Studentinnen haben sie bei dieser Sicht bestärkt: "Die jungen Frauen wollen diesen Preis oft nicht zahlen. Wir werden sie nicht überzeugen, wenn wir nicht ehrlich sind." 

Erst gab es den Kampf um Posten, jetzt kommt der Kampf ums Glück: So würde Slaughter ihren Essay selbst zusammenfassen. Sie sieht die amerikanische Gesellschaft in einer ähnlichen Phase wie in den fünfziger und sechziger Jahren. Damals war es eine Arbeitsgesellschaft mit vielerlei Zwängen, die abgelöst wurde durch die siebziger Jahre mit ihren sinnsuchenden, konsumverweigernden Hippies. Seriöse amerikanische Glücksforscher hätten in mehreren Studien gezeigt, dass die Frauen im den Vereinigten Staaten weniger glücklich seien als früher und Slaughter kann viele Geschichten erzählen von Frauen, die sich selbst kasteien.

Leserkommentare
    • pnk
    • 05. Juli 2012 16:38 Uhr
    1. Danke.

    ""Feminismus bedeutet für mich, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer, nicht, dass sie dann auch die gleichen Entscheidungen fällen", sagt Slaughter."

    Und nun erklären Sie dass mal Frau von der Leyen.

    Eine Leserempfehlung
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    Zwecklos....erklären

    • ngw16
    • 05. Juli 2012 18:42 Uhr

    Ganz am Schluß des Artikels wird diese Frage gestellt.
    Und keine Antwort darauf gegeben, sondern ausgewichen.

    Selbst Feministinnen erkennen, immer öfter, die Antwort wäre: Nein.

    • gorgo
    • 05. Juli 2012 19:30 Uhr

    "Es ist an der Zeit, darüber zu reden, welchen Preis wir dafür zahlen." Vor allem die Gespräche mit Studentinnen haben sie bei dieser Sicht bestärkt: "Die jungen Frauen wollen diesen Preis oft nicht zahlen. Wir werden sie nicht überzeugen, wenn wir nicht ehrlich sind."
    Wer sagt, dass die Frage nach dem Preis "weiblich" sei, hat nicht verstanden, dass Männer diese Frage sehr oft ebenfalls zugunsten von Familie, Freizeit und "Glück" entscheiden. Sie tun dies z.T. mehr oder weniger unbewusst: Das sehr wirkungsvolle Männlichkeitsideal sieht das nicht vor - während Frauen immer auf Zustimmung rechnen können, wenn Sie Familie sagen. Folglich passen sich die Argumentationen geschlechtsspezifisch an: Jede/r das gesellschaftlich akzeptable. Für Männer ist der Druck ungleich höher, im Beruf zu bleiben und dort nach oben, nie nach unten zu kommen. Das ist aber nicht "Natur", sondern gesellschaftliche Erwartung.

    Frauen haben mehr Alternativen und könnten daher eigentlich vormachen, dass der Tunnelblick auf Beruf nicht alles ist - außer, man interpretiert das als "Frauensache", wie Slaughter offenbar.

    Lediglich eine sehr kleine Minderheit von Männern lebt ein Leben, in dem Arbeit alles und Karriere der wesentliche Antrieb ist. Leider lässt sich der Rest - Männer und Frauen - von diesen gerne lenken und oft auch: übers Ohr hauen. Und ein paar Frauen mehr sind in dieser Riege natürlich auch dabei...

    • fegalo
    • 05. Juli 2012 23:52 Uhr

    “ "Feminismus bedeutet für mich, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer, nicht, dass sie dann auch die gleichen Entscheidungen fällen", sagt Slaughter."

    Der Satz ist Blödsinn.

    Richtig muss es schlicht heißen:

    Gleichberechtigung ist, dass Frauen die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer, nicht, dass sie dann auch die gleichen Entscheidungen fällen.

    Feministinnen sind dagegen meist auf einem ganz anderen Dampfer.

  1. Emanzipiert ist, wer sich frei entscheidet. Das hat sie getan. Sich anders zu entscheiden, weil die Gesellschaft/Feministinnen es erforderern DAS ist rückständig.

    Sie legt mehr Wert darauf die Zeit noch mit ihren Söhnen zu nutzen als karrieremäßig unterwegs zu sein. Das ist doch schön. Darum muss sich doch eine Feministin nicht verraten fühlen.

    2 Leserempfehlungen
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    • joG
    • 05. Juli 2012 16:45 Uhr

    ....Aber es ist nun einmal so, dass Personen in sichtbaren Ämtern eine Art Leitfunktion haben. Es vermittelt sich schon ein Verhaltensmuster, wenn ein Politiker Kinderurlaub nimmt, ein Kanzler kinderlos ist oder ein Außenminister seinen Ehemann mitnimmt auf Staatsbesuch oder die fünfte Frau hat. Das agt nicht nur aus, wie die Gesellschaft ist und sein will. Es signalisiert den Bürgern, wie sich Erfolgreiche Verhalten und -das ist natürlich cargokultig- verhalten sollten um erfolgreich zu sein.

    • joG
    • 05. Juli 2012 16:40 Uhr

    ....gefördert werden, ist genau diese Art von Entscheidung. Wer diese Erfahrung machte, ist sehr viel vorsichtiger, wenn er wichtige Stellen besetzt. Das gilt in großen Firmen, wo ein Team seinen Erfolg durch so etwas verlieren kann. In kleineren Unternehmen kann die ganze Firma scheitern.

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    • cornus
    • 05. Juli 2012 19:01 Uhr

    sollte man sich fragen, warum das so ist. Warum nicht ermöglicht wird, dass auch qualifizierte Frauen Kinder bekommen wollen und nicht erst in späteren Jahren. Warum wird nicht an flexibleren Arbeitszeiten gearbeitet? Warum werden die Möglichkeiten von zu Hause aus zuarbeiten nicht genutzt? Ausbau der Kitas - gut und schön und unbedingt notwenig, der Stress für die Frauen und Kinder (manchmal auch Männer) bleibt trotzdem und ändert erst einmal wenig an der Haltung unserer Gesellschaft gegenüber der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

    Schaut man mal nach Skandinavien, wie jung dort in der Regel die Eltern sind und wie -vergleichsweise- entspannt, bekommt man eine Ahnung, wie es sein könnte. Wir hingegen sind eine alternde Gesellschaft, die Kinder vielfach als Belastung empfindet.

    Ich kann ein Lied davon singen, wie auch Arbeitgeber der öffentlichen Hand wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse von Müttern -alleinerziehend oder nicht - nehmen. Angeboten wird allenfalls ein Teilzeitjob (die meisten Lehrerinnen, Erzieherinnen etc. arbeiten in diesem Modell). Folge: weniger Geld, weniger Rente und im Job oft schlechtere Bedingungen.
    Die Hälfte der Macht - klingt gut aber die Bedingungen für die Teilhabe müssen ebenfalls gestaltet werden.
    Übrigens: das geringste Verständnis für meine Anliegen als allein erziehende Mutter hatten weibliche Vorgesetzte.

    schlussendlich ist eben diese (leider wahre) aussage nur noch traurig. kinder haben nämlich zwei elternteile, aber offensichtlich sind es immer noch meist die frauen, die beruflich zurückstecken (in deutschland). dass das nur durch biologie zu erklären ist, erscheint mir unglaubwürdig - vielmehr ist davon auszugehen, dass es die vorgelebten rollen sind, die wir brav immer wieder reproduzieren. dieses sagt doch eh schon alles:

    "Deutschland hat Anne-Marie Slaughter als konservatives Land erlebt, als eines, in dem Gesprächspartner hartnäckig ihren Mann ansprachen, wenn sie gemeinsam irgendwo erschienen. Es half nicht viel, wenn ihr Mann darauf hinwies, dass seine Frau Universitätspräsidentin sei, also seine Vorgesetzte."

    • joG
    • 05. Juli 2012 16:45 Uhr

    ....Aber es ist nun einmal so, dass Personen in sichtbaren Ämtern eine Art Leitfunktion haben. Es vermittelt sich schon ein Verhaltensmuster, wenn ein Politiker Kinderurlaub nimmt, ein Kanzler kinderlos ist oder ein Außenminister seinen Ehemann mitnimmt auf Staatsbesuch oder die fünfte Frau hat. Das agt nicht nur aus, wie die Gesellschaft ist und sein will. Es signalisiert den Bürgern, wie sich Erfolgreiche Verhalten und -das ist natürlich cargokultig- verhalten sollten um erfolgreich zu sein.

    Antwort auf "Wo ist der Verrat"
  2. gedacht und formuliert. Man sollte immer aufpassen, dass am Ende der Feminismus nicht die Frau unterdrückt. Ein wirklich positives Beispiel dafür, worum es bei Gleichberechtigung eigentlich gehen sollte. Kollektiv die gleichen Chancen zu haben, jedoch sie individuell nutzen zu können.
    Ausserdem sollte man sich wirklich auch fragen, wie emotional gesund es ist, wenn kleine Kinder in einer Nanny die Bezugsperson erkennen und nicht in den eigenen Eltern.

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    >> Sehr vernünftig gedacht und formuliert. Man sollte immer aufpassen, dass am Ende der Feminismus nicht die Frau unterdrückt. Ein wirklich positives Beispiel dafür, worum es bei Gleichberechtigung eigentlich gehen sollte. Kollektiv die gleichen Chancen zu haben, jedoch sie individuell nutzen zu können. >>

    Das Problem ist hier nicht der eigentliche Feminismus, sondern ein völlig falsches, bzw. verkürztes Verständniss vieler "Feministinnen" voon diesem, dass weibliche Emanzipation letztlich bedeute, derart "gleichberechtigt" zu sein, dass Frauen nach den gleichen patriachaischen Mustern handeln, wie eben Männer.
    Hier quasi die Spitze männlicher Unart kopieren sollen: Die Akkumulation von Macht als Statussymbol.

    Man sollte die "wütenden Emails" derartiger Pseudo-Emanzen also nicht besonders ernst nehmen und damit eine eigentlich großartige Sache in Verruf bringen.

    allerdings muss man sich auch fragen, wo der vater die ganze zeit über war.

  3. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Feministinnen mit ihrer verbohrten Ideologie den Frauen im Allgemeinen mehr schaden als nutzen. Aber Selbsterkenntnis und -kritik ist in den meisten Ideologien ja nun mal nicht vorgesehen...

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    • TDU
    • 05. Juli 2012 17:01 Uhr

    Das würden die Ideologien auch nicht überleben. Aber dann wäre Platz für pragmatische und menschliche Entwürfe auf dem Grund des Ideals.

    Gleichberechtigung in den Möglichkeiten aber kein Zwang zur gleichen Entscheidung wie Männer, wie Slaughter sinngemß sagt. Abe diese Freiheit wird Männern auch ncht zugestanden allerdings von den Ideologen des Kampfes, der Macht und des Geldes.

    • ngw16
    • 05. Juli 2012 18:50 Uhr

    den Frauen, aber auch deren Kindern und den Männern.
    Der Geschlechterkrieg hat eigentlich wie jeder andere Krieg nur Verlierer.

    [...]

    Gekürzt. bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

    • mutant
    • 05. Juli 2012 16:48 Uhr

    sie sollte gezwungen werden weiter zu machen. Wir Frauen fordern Chancengleichheit um jeden Preis!

    • TDU
    • 05. Juli 2012 16:54 Uhr

    "Am meisten Zustimmung käme von älteren Männern, erzählt Slaughter, weil sie die eigenen Kinder zu wenig gesehen hätten. "Wenn ich deren E-Mails lese, weiß ich: Ich habe etwas richtig gemacht.""

    Hoffentlich nervt sie jetzt nicht zu Hause "mam ante portas. Tolle Frau und vermutlich begleitet vom Neid der Mittelmässigen, die nur eine Wahl hatten, nämlich "die gleiche Entscheidung zu treffen wie die Männer".

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