Leserartikel

ImmigrationMit dem Bus von Kabul nach München

Hippies, Drogenkuriere und Studenten: Unser Leser E. Feroz schildert, wie sein Vater vor knapp dreißig Jahren von Kabul nach München reiste, um in Europa zu studieren. von 

Yaqub machte Halt, bevor er in den Bus einstieg, und ließ sich noch ein letztes Mal den kalten Septemberwind Kabuls ins Gesicht wehen. Der Herbst hat in Afghanistan immer etwas Mystisches an sich. Er überlegte, wann er diesen Herbst wohl wieder erleben werde.

Der Bus war voll. Es war kein Menschenhändler, der Flüchtlinge für mehrere Tausend Dollar aus dem Land bringen wollte, sondern eine 95 Dollar teure Bustour nach München. Viele Hippies saßen schon auf ihren Plätzen. Der Bus startete. Es war das Jahr 1978 und die Straßen Kabuls waren schön anzusehen, keine Kriegsspuren. Der Darul-Aman-Palast, den einst König Amanullah Khan erbaute hatte, stand noch. 

Anzeige
Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

In Kabul hatte Yaqub erfolgreich sein Abitur an der deutschen Nejat-Oberrealschule bestanden. Sein Vater, ein ranghoher Diplomat, hatte ihm ein paar Hundert Dollar gegeben. Er sollte die Lage in Europa auskundschaften, also eine geeignete Universität finden, um dort zu studieren. Außerdem sollte sein zweitältester Sohn selbstständiger werden und die Welt kennenlernen. Warum dafür ausgerechnet eine 30-tägige Busfahrt nötig war, verstand Yaqub trotzdem nicht.

Der erste Halt war Teheran, dort stiegen ein paar Iraner ein, die ebenfalls eine Europa-Visite machen wollten. Manche von ihnen sind wahrscheinlich nie zurückgekehrt, denn im Jahr darauf, 1979, brach im Iran die Islamische Revolution aus.

Von Teheran ging es weiter nach Istanbul. Dort machte der Bus einen Tag Pause, bevor es weiterging. An der türkisch-bulgarischen Grenze wurden ein paar Iraner bis auf die Unterhose von türkischen Polizisten durchsucht. Ein Polizist erklärte, dass sich ab und zu Drogenschmuggler unter den Reisenden befänden.

Anschließend prahlte ein junger Iraner vor Yaqub damit, nicht erwischt worden zu sein. Er habe die Drogen schon zuvor in einem Klo in Istanbul verschwinden lassen.

Leserkommentare
  1. Eine entscheidende Episode und ein Wendepunkt im Leben des Vaters, beschrieben und bewahrt durch den Sohn und ein Schlaglicht auf weltgeschichtliche Ereignisse, die bis heute nachwirken in so einer Kürze!

    Sehr schöner Leserartikel!

    k.

  2. Iraner sind Drogenschmuggler.

    Das muss so sein, wenn das ein Afghaner sagt...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    1. Heißt das Wort "Afghane".

    2. Hatte ich das in keinster Weise in Betracht gezogen, sondern nur eine Geschichte, die so stattgefunden hat, erzählt.

    den man erwähnt, hinzufügen, dass Menschen aus allen Nationen Drogen schmuggeln? Wohl eher nicht - das wissen die Leser/innen auch so.

    Nette Geschichte, danke fürs Aufschreiben.

    ich fand den Artikel sehr lebendig geschrieben. Er vermittelt ein gutes Gefühl für die damalige Situation dort unten und veranlasst einen darüber nachzudenken, was dort und auf den Stationen dieser langen Busreise inzwischen alles passiert ist.

  3. 3. HA HA

    1. Heißt das Wort "Afghane".

    2. Hatte ich das in keinster Weise in Betracht gezogen, sondern nur eine Geschichte, die so stattgefunden hat, erzählt.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Fazit der Story:"
  4. den man erwähnt, hinzufügen, dass Menschen aus allen Nationen Drogen schmuggeln? Wohl eher nicht - das wissen die Leser/innen auch so.

    Nette Geschichte, danke fürs Aufschreiben.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Fazit der Story:"
  5. ich fand den Artikel sehr lebendig geschrieben. Er vermittelt ein gutes Gefühl für die damalige Situation dort unten und veranlasst einen darüber nachzudenken, was dort und auf den Stationen dieser langen Busreise inzwischen alles passiert ist.

    Antwort auf "Fazit der Story:"
  6. Ich möchte die in Deutschland einzigartige migration-audio-archiv.de empfehlen (http://www.migration-audi...). Ich finde, es ragt heraus.

    Wir sind in Deutschland sehr schwach in der Oral History. Komplette Menschengruppen sind völlig aus der Geschichtsschreibung ausgeklammert, dabei sind sie interessante mündliche Quellen für gesellschaftliche Umbrüche wie die iranische Revolution, dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens etc.

    Geschichtsschreibung über andere Regionen muss mehr sein als ein nützliches Narrativ für "nation building", und sie soll mehr sein als die Lobpreisungen grosser Persönlichkeiten oder eine reine interdisziplinäre Übung zwischen Ökonomie, Sozialwissenschaft und Literatur.

    Wenn man das Ziel erreichen will, alle Verhältnisse umzuwälzen, in der der Mensch ein elendes, verächtliches Wesen ist, dann brauchen wir die Inklusion marginalisierter Perspektiven. Denn sie sind ein Korrektiv für das, was wir für wirklich vorgefallen halten.

  7. Schade, dass der Papa kein Tagebuch geführt hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist richtig, Maunz!
    Hätte mich auch interessiert, wie er die ganzen Eindrücke verarbeitet hat.

  8. Das ist richtig, Maunz!
    Hätte mich auch interessiert, wie er die ganzen Eindrücke verarbeitet hat.

    Antwort auf "30 Tage im Bus"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dojon
    • 06. August 2012 11:48 Uhr

    Das Tagebuch wäre vor allem deshalb interessant gewesen, weil der Autor sicher nicht die ganzen dreissig Tage im Bus gesessen ist. Im September 1978 stand übrigens die Revolution im Iran bereits in den Startlöchern. Es gab bereits Demonstrationen, so am 8. September 178 mit 64 Todesopfern (lt. Wikipedia). In Teheran gabs ab 21:00 Abends ein Ausgangsverbot für die gesamte Bevölkerung. An den wichtigeren Strassenkreuzungen stand schwerbewaffnetes Militär. Kabul wirkte übrigens damals friedlicher aber auch dort kündigte sich bereits unheilvolles an. Der kommunistische Putsch, der in der Folge zum Einmarsch der Sowjets führte, hatte erst wenige Monate davor stattgefunden. Ein Ausgangsverbot existierte zu dieser Zeit in Kabul ab 23:00. Überlandbusse auf der Strecke Kabul-Kandaher-Herat wurden mitten in der Nacht angehalten und die Reisenden kontrolliert. Ich machte damals diese Reise schon zum zweiten Mal und war ein naiver Hippie, der allerdings weniger an drogenindizierten Erweckungserlebnissen interessiert war, sondern mehr an den Ländern, die ich bereiste. Schließlich wäre eine solche Reise für mich und meine Möglichkeiten nur 8 Jahre früher völlig utopisch gewesen. Bis heute kann ich mich erinnern, daß ich, weil ich die Lage als bedrückend empfand, mich sehr mit der Heimreise beeilte, und mitsamt Pausen von New-Delhi bis Wien, nicht mehr als 20 Tage benötigte. Beim ersten Mal hatte ich den ganzen Weg inklusiver der Pausen in über zwei Monaten absolviert.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service