Yaqub machte Halt, bevor er in den Bus einstieg, und ließ sich noch ein letztes Mal den kalten Septemberwind Kabuls ins Gesicht wehen. Der Herbst hat in Afghanistan immer etwas Mystisches an sich. Er überlegte, wann er diesen Herbst wohl wieder erleben werde.

Der Bus war voll. Es war kein Menschenhändler, der Flüchtlinge für mehrere Tausend Dollar aus dem Land bringen wollte, sondern eine 95 Dollar teure Bustour nach München. Viele Hippies saßen schon auf ihren Plätzen. Der Bus startete. Es war das Jahr 1978 und die Straßen Kabuls waren schön anzusehen, keine Kriegsspuren. Der Darul-Aman-Palast, den einst König Amanullah Khan erbaute hatte, stand noch. 

In Kabul hatte Yaqub erfolgreich sein Abitur an der deutschen Nejat-Oberrealschule bestanden. Sein Vater, ein ranghoher Diplomat, hatte ihm ein paar Hundert Dollar gegeben. Er sollte die Lage in Europa auskundschaften, also eine geeignete Universität finden, um dort zu studieren. Außerdem sollte sein zweitältester Sohn selbstständiger werden und die Welt kennenlernen. Warum dafür ausgerechnet eine 30-tägige Busfahrt nötig war, verstand Yaqub trotzdem nicht.

Der erste Halt war Teheran, dort stiegen ein paar Iraner ein, die ebenfalls eine Europa-Visite machen wollten. Manche von ihnen sind wahrscheinlich nie zurückgekehrt, denn im Jahr darauf, 1979, brach im Iran die Islamische Revolution aus.

Von Teheran ging es weiter nach Istanbul. Dort machte der Bus einen Tag Pause, bevor es weiterging. An der türkisch-bulgarischen Grenze wurden ein paar Iraner bis auf die Unterhose von türkischen Polizisten durchsucht. Ein Polizist erklärte, dass sich ab und zu Drogenschmuggler unter den Reisenden befänden.

Anschließend prahlte ein junger Iraner vor Yaqub damit, nicht erwischt worden zu sein. Er habe die Drogen schon zuvor in einem Klo in Istanbul verschwinden lassen.