Immigration : Mit dem Bus von Kabul nach München

Hippies, Drogenkuriere und Studenten: Unser Leser E. Feroz schildert, wie sein Vater vor knapp dreißig Jahren von Kabul nach München reiste, um in Europa zu studieren.

Yaqub machte Halt, bevor er in den Bus einstieg, und ließ sich noch ein letztes Mal den kalten Septemberwind Kabuls ins Gesicht wehen. Der Herbst hat in Afghanistan immer etwas Mystisches an sich. Er überlegte, wann er diesen Herbst wohl wieder erleben werde.

Der Bus war voll. Es war kein Menschenhändler, der Flüchtlinge für mehrere Tausend Dollar aus dem Land bringen wollte, sondern eine 95 Dollar teure Bustour nach München. Viele Hippies saßen schon auf ihren Plätzen. Der Bus startete. Es war das Jahr 1978 und die Straßen Kabuls waren schön anzusehen, keine Kriegsspuren. Der Darul-Aman-Palast, den einst König Amanullah Khan erbaute hatte, stand noch. 

In Kabul hatte Yaqub erfolgreich sein Abitur an der deutschen Nejat-Oberrealschule bestanden. Sein Vater, ein ranghoher Diplomat, hatte ihm ein paar Hundert Dollar gegeben. Er sollte die Lage in Europa auskundschaften, also eine geeignete Universität finden, um dort zu studieren. Außerdem sollte sein zweitältester Sohn selbstständiger werden und die Welt kennenlernen. Warum dafür ausgerechnet eine 30-tägige Busfahrt nötig war, verstand Yaqub trotzdem nicht.

Der erste Halt war Teheran, dort stiegen ein paar Iraner ein, die ebenfalls eine Europa-Visite machen wollten. Manche von ihnen sind wahrscheinlich nie zurückgekehrt, denn im Jahr darauf, 1979, brach im Iran die Islamische Revolution aus.

Von Teheran ging es weiter nach Istanbul. Dort machte der Bus einen Tag Pause, bevor es weiterging. An der türkisch-bulgarischen Grenze wurden ein paar Iraner bis auf die Unterhose von türkischen Polizisten durchsucht. Ein Polizist erklärte, dass sich ab und zu Drogenschmuggler unter den Reisenden befänden.

Anschließend prahlte ein junger Iraner vor Yaqub damit, nicht erwischt worden zu sein. Er habe die Drogen schon zuvor in einem Klo in Istanbul verschwinden lassen.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

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Ich möchte die in Deutschland einzigartige migration-audio-archiv.de empfehlen (http://www.migration-audi...). Ich finde, es ragt heraus.

Wir sind in Deutschland sehr schwach in der Oral History. Komplette Menschengruppen sind völlig aus der Geschichtsschreibung ausgeklammert, dabei sind sie interessante mündliche Quellen für gesellschaftliche Umbrüche wie die iranische Revolution, dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens etc.

Geschichtsschreibung über andere Regionen muss mehr sein als ein nützliches Narrativ für "nation building", und sie soll mehr sein als die Lobpreisungen grosser Persönlichkeiten oder eine reine interdisziplinäre Übung zwischen Ökonomie, Sozialwissenschaft und Literatur.

Wenn man das Ziel erreichen will, alle Verhältnisse umzuwälzen, in der der Mensch ein elendes, verächtliches Wesen ist, dann brauchen wir die Inklusion marginalisierter Perspektiven. Denn sie sind ein Korrektiv für das, was wir für wirklich vorgefallen halten.

Erinnerungen

Das Tagebuch wäre vor allem deshalb interessant gewesen, weil der Autor sicher nicht die ganzen dreissig Tage im Bus gesessen ist. Im September 1978 stand übrigens die Revolution im Iran bereits in den Startlöchern. Es gab bereits Demonstrationen, so am 8. September 178 mit 64 Todesopfern (lt. Wikipedia). In Teheran gabs ab 21:00 Abends ein Ausgangsverbot für die gesamte Bevölkerung. An den wichtigeren Strassenkreuzungen stand schwerbewaffnetes Militär. Kabul wirkte übrigens damals friedlicher aber auch dort kündigte sich bereits unheilvolles an. Der kommunistische Putsch, der in der Folge zum Einmarsch der Sowjets führte, hatte erst wenige Monate davor stattgefunden. Ein Ausgangsverbot existierte zu dieser Zeit in Kabul ab 23:00. Überlandbusse auf der Strecke Kabul-Kandaher-Herat wurden mitten in der Nacht angehalten und die Reisenden kontrolliert. Ich machte damals diese Reise schon zum zweiten Mal und war ein naiver Hippie, der allerdings weniger an drogenindizierten Erweckungserlebnissen interessiert war, sondern mehr an den Ländern, die ich bereiste. Schließlich wäre eine solche Reise für mich und meine Möglichkeiten nur 8 Jahre früher völlig utopisch gewesen. Bis heute kann ich mich erinnern, daß ich, weil ich die Lage als bedrückend empfand, mich sehr mit der Heimreise beeilte, und mitsamt Pausen von New-Delhi bis Wien, nicht mehr als 20 Tage benötigte. Beim ersten Mal hatte ich den ganzen Weg inklusiver der Pausen in über zwei Monaten absolviert.