GlaubenskongregationKatholische Kirche ermahnt reformfreudige Priester

Der von Papst Benedikt ernannte Chef der Glaubenskongregation hat Reformpriester zum Gehorsam aufgefordert. Die Kirche dürfte nicht dem Zeitgeist folgen, warnt Müller. von afp

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller (Archiv)

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller im Vatikan (Archiv)  |  © Tony Gentile/Reuters

Der neue Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan, Kurienerzbischof Gerhard Ludwig Müller , hat reformorientierte katholische Priester zum Gehorsam gegenüber der Kirche ermahnt. Ein Kirchenbild, "das davon ausgeht, dass die Menschen sich selber ihre Kirche schaffen, nach eigenem Geschmack und jeweiligem Zeitgeist" sei "mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinbaren", sagte Müller der Süddeutschen Zeitung .

Er bezog sich dabei auf Initiativen von deutschen und österreichischen Priestern, die sich über das kirchliche Verbot des Kommunionempfangs für Geschiedene hinwegsetzen wollen. Nach katholischem Kirchenrecht dürfen wiederverheiratete Geschiedene nicht am Abendmahl teilnehmen.

Müller schlug in dem Interview zwar auch versöhnliche Töne an. Er sehe es nicht als seine Hauptaufgabe, "Bischöfe und Theologen zu kontrollieren", sondern "vom Positiven des Glaubens" zu reden, sagte der bisherige Bischof von Regensburg . Außerdem brauche die katholische Kirche durchaus "unterschiedliche Denkrichtungen".

Eine solche Freiheit dürfe aber nicht missverstanden werden als die Erlaubnis, "tun zu können, was man will". In der Frage der Zulassung von Geschiedenen zur Kommunion könne er sich allerdings Einzelfalllösungen vorstellen.

Zweites Vatikanisches Konzil verbindlich

Der Präfekt kritisierte in dem Interview auch die traditionalistische Priesterbruderschaft Pius X. Diese lehnen etliche Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab. Müller sagte, wenn die Bruderschaft die Trennung vom Vatikan überwinden wolle, müsse sie "akzeptieren, dass das Zweite Vatikanische Konzil verbindlich ist". Die Erklärungen "zum Judentum, zur Religionsfreiheit, zu den Menschenrechten" könne sie "nicht ablehnen, ohne den katholischen Glauben zu beeinträchtigen".

Papst Benedikt XVI. hatte Müller am 2. Juli zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt – eines der höchsten Ämter im Vatikan. Er löste damit den US-Kardinal William Levada ab, der aus Altersgründen zurückgetreten war. Bis zu seiner Wahl zum Papst stand Joseph Ratzinger selbst von 1981 bis 2005 an der Spitze der Glaubenskongregation.

Müller wird in Deutschland dem konservativen Flügel der Bischofskonferenz zugerechnet. Auf Kritik stieß der bisherige Bischof von Regensburg unter anderem, als er 2005 die Mitwirkungsrechte der Laien in den Kirchengemeinden seines Bistums drastisch einschränkte. Es wird erwartet, dass der Papst den 64-Jährigen demnächst auch zum Kardinal ernennen wird.

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Leserkommentare
  1. Sie machen es sich sehr einfach. Sie verklären Jesus zum Statthalter des (kirchlichen oder weltlichen) Establishments.

    Sie gehen noch einen Schritt weiter und ernennen (indirekt) die von Bischof Müller kritisierten reformorietierten Geistlichen zu „Pharisäern des Zeitgeistes“.

    Schön, dass Sie Ihre Welt so gut in Schwarz und Weiß einteilen können. Ich kann es nicht, und die reformorientierten Kräfte innerhalb der Katholischen Kirche können es wohl auch nicht.

    Was verstehen Sie eigentlich unter einem „totalitärem Anspruch“ mit dem „sie Zugriff auf jedermanns Gewissen“ fordern?

    • star
    • 22. Juli 2012 11:55 Uhr

    Müller will offensichtlich das Gedankengut von Reformkatholiken nicht verstehen. Es geht doch nicht darum, „dass die Menschen sich selber ihre Kirche schaffen“.

    Es geht einzig und allein darum, dass die Amtskirche und damit auch Müller verinnerlichen sollten, dass die Reformkräfte innerhalb der katholischen Kirche das Konzept umgesetzt sehen möchten, das von Papst Johannes XXIII. als „aggiornamento“ und von den Mitgliedern des 2. Vatikanums als „ecclesia semper reformanda“ formuliert worden ist.

    Müller und die Vertreter der Kirchenhierarchie widersetzen sich jedoch jeder Art von Reform – und damit auch dem Grundanliegen der jesuanischen Botschaft, nämlich den Menschen in der Geste von Barmherzigkeit, Vergebungsbereitschaft, Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe gegenüberzutreten; das gilt sowohl insbesondere für die Behandlung von wiederverheiratet Geschiedenen, den konfessionsverbundenen Ehepaaren, dem Priesteramt für Frauen als auch für die Abschaffung des Pflicht- (!!)zölibats.

    Müller und seine Entourage schaffen sie es jedoch immer wieder durch ihre ausgrenzenden Verhaltensweisen , aus „Mut-Katholiken“ „Wut-Katholiken“ zu machen.

    Die Vertreter der Amtskirche sollten endlich verinnerlichen, dass bei der Basis die Botschaft von der „Freiheit eines Christenmenschen“ unwiderrufbar angekommen ist und auch entsprechend praktiziert wird; dazu gehört auch der offene Ungehorsam!!!

    Paul Haverkamp, Lingen

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    ..."barmherzig, vergebungsbereit, menschenfreundlich und voller Nächstenliebe" - wäre sogar mir sympathisch.

    Allerdings befürchte ich, es handelt sich hierbei um nicht mehr als einen Wunschgedanken, denn der Mensch als solcher ist leider anders - wie wir lernen mußten. Und da nehme ich keine Glaubensgemeinschaft aus...

    • outis
    • 22. Juli 2012 13:38 Uhr

    ich halte es für eine sehr gewagte These, dass Johannes XXIII
    die Abschaffung des Ehesakramentes unter Aggiornamento verstand. Und ob er wohl Ungehorsam gut geheißen hätte?
    Da tut man wohl doch dem armen Mann Gewalt an, wenn man ihn zum Kronzeugen für jedwede Beliebigkeit ernennt.

    • kyon
    • 22. Juli 2012 12:26 Uhr

    "Auch wenn es zeitgeistig ist, ihn zum menschenfreundlichen Revolutionär gegen das Establishment umzuinterpretieren, der eine zwanglose Habt-Euch-Alle-Lieb-Religion verkündete: in Wahrheit liegt in der Botschaft Jesu eine radikale Verschärfung der Ansprüche, die ein Mensch zu erfüllen hat, um vor Gott als rechtschaffen gelten zu können." (outis)

    Es ging dem Mann aus Nazareth nicht darum, den Menschen noch schärfer mit Ansprüchen unter Druck zu setzen, etwa um vor Gott bestehen zu können, sondern darum, dass die Menschen ihren inneren(!) Seelenfrieden finden (das Himmelreich ist inwendig in euch) und sich dadurch frei(!) machen sollten von äußeren Zwängen, dass sie das Verhältnis zu ihren Mitmenschen im sozialen Umfeld zu humanisieren und sie ihre materiellen Bedürfnisse zu reduzieren lernten.

    Antwort auf "Hat er nicht!?"
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    • 2b
    • 22. Juli 2012 13:13 Uhr

    kann man sich das vorstellen?
    Können Sie sich Herrn Müller mit Gießkanne am Blumenbeet vorstellen?

    Die Brückenbauer wollen doch eher die "minderen Brüder" sein _ vielleicht auch, weil für die "focussierte" Kirche etlicher Handlungsspielraum über die Goldwaage führt???

    Heraklit & Nichts ist so beständig wie der Wandel. Auch wenn das als Sentenz? dazu führt, Ehen, welche die "Hochzeit" nur noch als PressZwang von aussen für sich erleben, weil sich die Partner unterschiedlich im "Zeitgeist" zurechtfinden, weiterzuentwickeln oder "vorsicht"iger zu verbinden"???

  2. noch nicht einmal von vielen und schon gar nicht von allen. Sie werfen mir hier etwas vor, daß ich nicht getan habe. Lesen Sie doch bitte etwas aufmerksamer.

    Manche Priester sehen die Dinge anders als die Mehrzahl der Priester weltweit.Das können sie natürlich, jeder möge letztlich seinem Gewissen folgen.
    Auch diese Priester haben aber an ihrem Weihetag den Gehorsam gelobt, daran werden sie von Erzbischof Müller erinnert. Mehr nicht.

    Wenn Sie dies nun zynisch nennen wollen und mir hartherzige Ignoranz vorwerfen möchten, dann denke ich, aus Ihnen spricht ein sehr persönlich be- und getroffener Mensch und deshalb nehme ich es Ihnen nicht übel.

    Gottes Segen.

    • 2b
    • 22. Juli 2012 13:13 Uhr

    kann man sich das vorstellen?
    Können Sie sich Herrn Müller mit Gießkanne am Blumenbeet vorstellen?

    Die Brückenbauer wollen doch eher die "minderen Brüder" sein _ vielleicht auch, weil für die "focussierte" Kirche etlicher Handlungsspielraum über die Goldwaage führt???

    Heraklit & Nichts ist so beständig wie der Wandel. Auch wenn das als Sentenz? dazu führt, Ehen, welche die "Hochzeit" nur noch als PressZwang von aussen für sich erleben, weil sich die Partner unterschiedlich im "Zeitgeist" zurechtfinden, weiterzuentwickeln oder "vorsicht"iger zu verbinden"???

  3. 94. Antwort

    Sie haben Recht, jeder Vergleich hinkt ein bisschen. Für sie formuliere ich es um:
    So wie man Deutschlands Anstrengungen bezüglich Vergangenheitsbewältigung anerkennen sollte, sollte man auch die Klarstellung und Distanzierung der RKK bezüglich der Verbrechen im Mittelalter anerkennen.

    Für die zweite Frage warte ich immer noch auf einen konkreten Vorwurf bezüglich Kardinal Ratzingers Amtszeit als Pfäfekt der Glaubenskongregation. Wenn sie da etwas stört, sprechen sie es an, nebulöse Andeutungen sind etwas wenig.

    Antwort auf "Kein Vergleich?"
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    daß Weiteres nicht Artikelthema ist? - Sollte es Artikelthema werden (was es auch schon war, nicht nur in DIE ZEIT), dann kann ein Austausch stattfinden, ganz ohne Nebel. -

  4. ..."barmherzig, vergebungsbereit, menschenfreundlich und voller Nächstenliebe" - wäre sogar mir sympathisch.

    Allerdings befürchte ich, es handelt sich hierbei um nicht mehr als einen Wunschgedanken, denn der Mensch als solcher ist leider anders - wie wir lernen mußten. Und da nehme ich keine Glaubensgemeinschaft aus...

  5. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit differenzierten Argumenten an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/sh

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das waren alles Fakten, wenn auch etwas drastisch formuliert. Ich wollte lediglich ausdrücken wer eigentlich einen „totalitärem Anspruch“ erhebt, der "Zugriff auf jedermanns Gewissen“ fordert.

    • outis
    • 22. Juli 2012 13:54 Uhr

    In den spießigen fünfziger Jahren wurde wohl jeder verlacht, der Homosexualität nicht als Krankheit betrachtete. Heute hat man den Spieß umgedreht: es gilt als krank und wird mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft, wer der Ansicht ist, zwei Männer/Frauen könnten nicht heiraten. Aber am Ende des Spießes ist immer ein Spießer. Und unsere Zeit ist voll von solchem Spießertum: wer auch immer eine Meinung äußert, die auch nur einen Fingerbreit von dem abweicht, was heute als gesellschaftlicher Konsens gilt, wird aufgespießt. Das war gemeint.
    Zur Aidsproblematik und der pöhsen Sexualmoral: Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich einen äußerst skrupulösen Katholiken vor, der von Gewissensbissen gepeinigt wird, wenn es darum geht sich selbst vor tödlichen Krankheiten durch nen Überzieher zu schützen, weil es die Kirche so sagt, der aber wild durch die Gegend *****, obwohl es die Kirche verbietet. Klingt logisch, nicht wahr? Das Land mit dem höchsten Katholikenanteil im südl. Afrika ist übrigens Angola, gleichzeit. das Land mit der niedrigsten HIV-Prävalenz weit und breit. Es bleibt eine dreiste Propagandalüge.
    Wir können gerne eine Debatte führen, wie Pflegepersonal bezahlt werden sollte. Das ist allerdings kein Kirchenthema, sondern es geht um die gesetzliche Krankenversicherung und wie hoch die Beiträge zur solchen sein können. Das ist allerdings Off-Topic, und es ist daher ein ziemlicher Popanz, den Sie da aufbauen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte Kirche | Joseph Ratzinger | Katholische Kirche | Bischof | Bischofskonferenz | Bistum
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