Demonstranten protestieren in New York vor dem deutschen Generalkonsulat für ein deutsches Gerichtsurteil, das die Beschneidung infrage stellt. © Chris Melzer/dpa

Der Deutsche Ethikrat hat nach kontroverser Debatte eine Tendenz zur Erlaubnis der Beschneidung kleiner Jungen aus religiösen Gründen erkennen lassen. Eine solche Erlaubnis sei allerdings nur unter Vorbehalten denkbar: Notwendig sei eine umfassende Aufklärung über mögliche Risiken ebenso wie die fachgerechte medizinische Ausführung des Rituals. Mindeststandards seien außerdem eine qualifizierte Schmerzbehandlung und die Anerkennung eines entwicklungsabhängigen Vetorechts der betroffenen Jungen, hieß es in einer Mitteilung des Ethikrats.

Der Ethikrat wolle mit seiner öffentlichen Debatte zur Versachlichung des Diskurses beitragen, sagte die Vorsitzende Christiane Woopen. In der Anhörung waren unterschiedliche Positionen der Experten deutlich geworden.

Die Debatte über die bei Juden und Muslimen übliche Beschneidung von männlichen Neugeborenen oder Kindern war durch ein Urteil des Landgerichts Köln im Juni ausgelöst worden. Das Gericht hatte die Beschneidung als "rechtswidrige Körperverletzung" und damit als grundsätzlich strafbar bewertet. Der Bundestag hatte daraufhin in einer Resolution die Straffreiheit gefordert. Im Herbst soll eine gesetzliche Regelung gefunden werden.

Deutliche Bedenken äußerte der Hamburger Strafrechtler Reinhard Merkel. "Der Gesetzgeber ist in einer Art rechtspolitischem Notstand", sagte er. Er hob das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die Priorität des Kindeswohls hervor. Nur eine Art "Sonderrecht" könne die Beschneidung gegen alle strafrechtlichen Einwände für rechtmäßig erklären. Allerdings gebe es wegen des deutschen Massenmordes an den Juden eine "Pflicht zur besonderen Sensibilität".

"Eine Art rechtspolitischer Notstand"

Der jüdische Mediziner Leo Latasch wies die Ansicht zurück, wonach die Beschneidung von Jungen mit einer Genitalverstümmelung bei Mädchen zu vergleichen sei. Medizinische Komplikationen gebe es in weniger als 0,2 Prozent der Fälle. Auch der Vorwurf, starke Schmerzen bei dem Eingriff bei Neugeborenen hätten relativ oft traumatische Folgen, sei nicht zu belegen.

Der muslimische Medizinethiker Ilhan Ilkılıç warb für eine "Versachlichung" der Debatte. Er warnte vor Operationen in Hinterzimmern und einem "Beschneidungstourismus", falls der Gesetzgeber nicht auf das Urteil des Kölner Gerichts reagiere.

Peres bittet Gauck um Hilfe

Unterdessen bat Israels Präsident Schimon Peres Bundespräsident Joachim Gauck , sich für das Recht auf Beschneidungen aus religiösen Gründen einzusetzen. "Die Brit Milah (Beschneidung) ist ein jüdisches Ritual, das seit Tausenden von Jahren zentral für die jüdische Identität ist und einen Juden ausmacht", schrieb Peres in einem Brief an Gauck.

Peres sagte zugleich, dass die Reaktion der deutschen Regierung und des Parlaments ein gutes Zeichen dafür seien, dass eine gesetzgeberische Lösung für das Recht auf Beschneidung gefunden werde. "Ich bin deshalb zuversichtlich, Herr Bundespräsident, dass Deutschland gemäß seiner Grundwerte daran festhalten wird, dass Juden ihre religiösen Traditionen in Freiheit bewahren können", schrieb Peres.

Zuvor hatte der israelische Innenminister Eli Jischai Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, sich für das Recht auf Beschneidungen einzusetzen. Juden in Deutschland dürften nicht gezwungen werden, sich zwischen der Einhaltung nationaler oder göttlicher Gesetze entscheiden zu müssen, sagte der Vorsitzende der strengreligiösen Schas-Partei nach Angaben der Zeitung Jediot Achronot .