"Wir wollen keine türkische Schülersprecherin an einer deutschen Schule!" Das waren die Worte einiger Mitschüler nach meinem unerwarteten Sieg bei der Schülersprecherwahl. Ich war entsetzt und zutiefst enttäuscht.

Gemeinsam mit meinem Großvater kam mein Vater im Alter von 15 Jahren nach Deutschland, besuchte die Hauptschule und machte danach eine Umschulung zum Schweißer. Ich, das älteste von drei Kindern, bin 1995 in Unna geboren und in Bönen aufgewachsen. Dort habe ich die Realschule besucht. Ich war immer eine gute und engagierte Schülerin und habe mich bis zur zehnten Klasse nie fremd in Deutschland gefühlt. Im Gegenteil: Deutschland hieß für mich Heimat. Nach zwei Wochen Türkeiurlaub begannen meine Geschwister und ich zu jammern: "Wir wollen zurück nach Hause!"

Die Anfeindungen nach der Schülersprecherwahl ließen mein Selbstbewusstsein sinken. Warum mochten meine Mitschüler mich nicht mehr? Wir gingen doch in dieselbe Klasse und verstanden uns gut. Hatte ich ihnen etwas getan?

Ich bemerkte, wie sich meine Haltung zu ihnen und meinen anderen Mitmenschen veränderte. Auf der Straße hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich hatte Angst, die Menschen würden denken, ich sei gar nicht deutsch, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich begann darüber nachzudenken, was ich eigentlich bin: türkisch oder deutsch? Beides gleichzeitig oder keines von beidem?

Währenddessen sammelten meine Mitschüler in der Schule eifrig Unterschriften für eine neue Wahl. Ich fühlte mich immer unwohler. Auch den Unterricht fand ich immer unerträglicher. Bei jeder Wortmeldung wurde ich angestarrt. Ich hatte das Gefühl, alle würden darauf warten, dass ich etwas Falsches sage, um sich darüber zu amüsieren.

Meine wirklichen Freunde fanden das überhaupt nicht lustig. Sie ärgerten sich über die Provokationen der anderen, waren von Tag zu Tag aufgebrachter und wollten mich gegen diese ekelhaften Worte verteidigen. Andere hingegen, die ich bisher für meine Freunde gehalten hatte, unterschrieben die Liste für die Neuwahl. Das verletzte mich so sehr, dass ich keine Lust und auch keine Kraft mehr hatte, gegen die rassistische Haltung meiner Mitschüler anzukämpfen.

Schließlich bekam die Schulleitung von den Vorfällen mit. Am letzten Schultag vor den Herbstferien wurde ich vom Unterricht befreit. Die Schulleiterin und der Konrektor gingen durch die Klassen und beendeten das Ganze. Davon berichtete mir später mein Freundeskreis. Es war ein tolles Gefühl, unterstützt zu werden, zu wissen, dass es Leute gibt, die Interesse daran hatten, mir zu helfen.

Während des Schülergottesdienstes durfte ich die Schüler vertreten und einen Vers aus dem Koran vortragen. Derzeit freue ich mich darauf, das Abitur zu machen und bald studieren zu dürfen.