Zwischen Idyll und Hass liegen in dem vorpommerischen Dörfchen Viereck nur wenige Meter. Besucher verfallen in Urlaubsstimmung angesichts vorgartengesäumter Häuschen und rustikaler Buckelpflasterstraßen. Aus weiß beflocktem Himmel wärmt die Augustsonne. Doch auf einem Wiesengrundstück am Ortseingang herrscht das Grauen: Lautstark breitet dort der Schweriner NPD-Landtagsfraktionschef Udo Pastörs am Mikrofon seine Verschwörungstheorien aus. Neben einem ehemaligen Schweinestall feiern dort etwa 1.000 Rechtsextremisten das jährliche Pressefest der NPD-Parteizeitung.

Vor wenigen Tagen brannte der Schweinestall aus. Die NPD vermutet Autonome als Brandstifter. Das hektargroße Gelände – im Besitz des örtlichen NPD-Ratsmitglieds – ist mit weißen Planen blickdicht eingezäunt. Sonnenbebrillte Ordner mit Kurzhaarfrisuren weisen mit regloser Miene den Weg zu Festzelt und Bühne, vorbei an Infozelten und Verkaufsständen mit "T-Hemden", wie es hier heißt. Auf dem Parkplatz stehen Pkws aus ganz Deutschland, auf einem Schweizer Fahrzeug steckt eine Reichsflagge. Es gelten harte Auflagen: Wer Fahnen aufs Festgelände mitbringt, den schicken Ordner zurück. Einzelne Neonazis haben Klebeband oder Mullbinden um die Glieder gewickelt, um verbotene Tätowierungen abzudecken.

Die NPD-Parteizeitung veranstaltet ihr Pressefest seit 2001, in fast jährlichem Rhythmus, meistens in Ostdeutschland. Nur 2002 trafen sich die Rechtsextremisten im niedersächsischen Königslutter. Stets bietet die Partei die gängigen Funktionäre als Redner auf, stets heizen danach einschlägige Szenebands den Besuchern ein.

Programm zusammengekürzt

Ins sächsische Mücka kamen 2004 fast 7.000 NPD-Anhänger, seither sinkt das Interesse. Mehrere Treffen fielen aus, weil sich kein Vermieter fand. Für Viereck musste Eckart Bräuniger vom Deutsche Stimme Verlag das Programm mangels Übernachtungsmöglichkeiten auf einen Tag zusammenstreichen – er hatte übersehen, dass in Mecklenburg-Vorpommern Zelten landesgesetzlich verboten ist. In das abgelegene Viereck kamen nur 1.000 Leute.

Das diesjährige Treffen ist auch Abschluss einer NPD-Deutschlandtour, bei der Parteifunktionäre vor weitgehend publikumsleeren Straßen ihre Propaganda referierten – oder vor den Gegendemonstranten.

Den einzigen Zufahrtsweg nach Viereck haben Neonazi-Gegner mit Plakaten gespickt: "Kein Ort für Nazis" prangt dutzendfach in schwarzen Lettern auf gelbem Grund. Parteien, Gewerkschaften, Stiftungen und Kirchen haben auf der "Meile der Demokratie" Infostände aufgereiht und in der Region Pasewalk kräftig für den Protest mobilisiert. Entlang der bunt geschmückten Straße reichen sich am Sonntagnachmittag knapp 1.000 Menschen die Hände. Auch wenn an einigen Stellen Löcher klaffen, wird die Menschenkette zur Kernbotschaft des Tages : Zusammenstehen gegen Neonazis.

Hexe Ragnar muss warten

Im Festzelt in Viereck geht zeitgleich die diplomierte Schauspielerin Sigrid Schüßler ans Mikrofon, Chefin der NPD-Frauenorganisation und im Kinderprogramm des Pressefestes als Hexe Ragnar angekündigt. Am Rednerpult verunglimpft sie den Pasewalker Bürgermeister Rainer Dambach, einen Mitorganisator des Protestes, lautstark als "Dummbach", die Kameradschaftler auf den Bierbänken johlen.

NPD-Bundeschef Holger Apfel ist es gelungen, den Auftritt der Hexe Ragnar nach hinten zu verschieben. Er muss weg und will vor ihr ans Mikrofon. Hetzte Apfel 2004 im sächsischen Mücka noch , nicht eher zu ruhen, "bis deutsche Umerziehungsstätten wie das Holocaust-Mahnmal dem Erdboden gleich gemacht sind", blieb er diesmal weitgehend moderat. Abseits des üblichen Themenkreises Ausländer ("Überfremdung" droht), Euro-Krise ("Transferknechtschaft verhindern") Meinungsfreiheit (wird unterdrückt wie in der DDR) und Frauen (müssen für deutschen Nachwuchs sorgen) sprach Apfel vom "Staatsterrorismus der Geheimdienste", die die Mörder der Terrorgruppe NSU missbrauchten, um "Nationale zu kriminalisieren".