Sie haben Kissen dabei oder Kameras, machen Fotos und sprechen in ihr Handy. So hängen sie aus ihren Fenstern und stehen auf ihren kleinen Balkonen, die Lichtenhagener, lugen hinter Gardinen hervor oder stützen sich auf die Mülltonnen vor ihren Häusern. Hunderte sind es, die von den Plattenbauten her zusehen, wie der Demonstrationszug durch ihr Viertel läuft. Die Demonstranten sind hier, um an das Pogrom zu erinnern, bei dem vor 20 Jahren Rechtsradikale und Anwohner eine Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim von Vietnamesen angriffen . Hier, in Rostock-Lichtenhagen. Doch ausgerechnet diejenigen, die hier wohnen, in diesem traumatisierten und verrufenen Stadtteil, die eigentlich ganz vorne mit dabei sein müssten beim Gedenken – sie stehen an ihren Fenstern, statt auf der Straße.

Von dort schallt ihnen entgegen, was sie als Vorwurf verstehen müssen: "Wo, wo, wo wart Ihr 1992?" skandieren die jungen, schwarz gekleideten Aktivisten, die aus ganz Deutschland angereist sind mit Zügen und Sonderbussen. Rund 5.000 sind es, mittags haben sie in der Rostocker Innenstadt demonstriert, nach der Demo gibt es noch ein Konzert, direkt am Sonnenblumenhaus, dem Ort der Ausschreitungen von damals. Es ist die übliche Demo-Karawane, die mit Parolen wie "Nie wieder Deutschland" oder "Nationalismus raus aus den Köpfen" auf den Lippen überall dort Station macht, wo es einen Anlass gibt. Sie sind heute die Auffälligsten und Lautesten in Rostock , sie sind aber auch die Unwichtigsten. Denn spätestens morgen werden sie wieder weg sein.

Bleiben werden Rainer Fabian und seine Gäste. Der 59-Jährige sitzt in einem niedrigen, bunt angestrichenen Haus zwischen den grauen Plattenbau-Riegeln von Lichtenberg, direkt an der Demo-Strecke. "Wir wollen diese Demo nicht", sagt Fabian. Er ist Leiter des Kolping-Begegnungszentrums und auch Mitglied bei der Initiative Lichtenhagen bewegt sich, ein von der Stadt organisierter Zusammenschluss von Institutionen und Initiativen, die auch an die Ausschreitungen erinnern wollen. Nur eben eine Spur leiser, weniger schmerzhaft. Sie haben die Gedenkveranstaltung mit Bundespräsident Joachim Gauck organisiert, die am Sonntag stattfinden wird.

Fabian hat Angst, dass die Linken von außerhalb den Eindruck des friedlichen Protests kaputtmachen könnten. "Dann heißt es, Lichtenhagen, da brennt's ja immer noch", sagt er. Dann muss er auch bald los, in der Hochschule in der Innenstadt werden Reden gehalten und Filme gezeigt zum Jahrestag. Vorher sagt er noch, es sei ja eine Menge passiert in Lichtenhagen seit 1992: Gebäude wurden saniert, Programme gegen Rechts aufgelegt, die Menschen würden gerne hier wohnen. "Wir haben zwar wenig Kultur hier bei uns, aber doch genug Einkaufsmöglichkeiten."

Bei den vergangenen Wahlen lag die Beteiligung in Lichtenhagen immer um die desaströse Marke von 30 Prozent, im Ortsbeirat sitzt ein NPD-Politiker. Heute immerhin bleiben die Nazis ziemlich unsichtbar. Bis auf einen jungen Glatzkopf, der beim Anblick des riesigen Polizeiaufgebots sagt: "Ach stimmt, heute kommen ja die Zecken."