Patriarchen-BesuchKirchen wollen Polen und Russland versöhnen

Die katholische Kirche in Polen und das russisch-orthodoxe Patriarchat gehen bei der Versöhnung der beiden Länder voran. Sie bitten einander um Vergebung. von 

Der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., und der polnische Erzbischof Jozef Michalik in Warschau

Der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., und der polnische Erzbischof Jozef Michalik in Warschau  |  © Janek Skarzynski/AFP/GettyImages

Es sollte ein historischer Tag werden. Doch die polnische Presse hielt sich zunächst mit ein wenig Nabelschau auf und staunte über die Prioritätensetzung der russischen Kollegen. "Pussy Riot ist ihnen wichtiger als der Patriarch", titelte die liberale Zeitung Gazeta Wyborcza . Nicht ausgeschlossen ist, dass Kyrill I. ähnlich empfand. Die Probleme mit dem Pussy-Punk jedenfalls begleiteten das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche bis nach Polen .

Im Warschauer Königsschloss unterzeichnete Kyrill gemeinsam mit den höchsten Bischöfen des katholischen Nachbarlandes eine historische Versöhnungserklärung. Fast zeitgleich sprach ein Moskauer Gericht drei Mitglieder der Punkband Pussy Riot schuldig . Die Aktivistinnen hatten den Patriarchen in seiner Kathedrale als "Hund" beschimpft, der an Präsident Wladimir Putin statt an Gott glaube. Kyrill forderte ein hartes Urteil. EU-Politiker dagegen kritisierten den Prozess scharf. Auch in Polen ist das Unbehagen über das Verfahren groß. Und so könnte der Schuldspruch in Moskau den Patriarchen in Warschau am Ende um den Erfolg seiner historischen Reise bringen, die noch bis Sonntag dauert.

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Es ist das erste Mal in einer 1.000-jährigen Geschichte, dass ein russisch-orthodoxer Kirchenführer Polen besucht. Dort allerdings warten viele Russland-Kritiker nur auf eine Gelegenheit, die kirchliche wie auch die nationale Versöhnung der Nachbarn zu schwächen. Anna Fotyga etwa, die in der Regierung des nationalkonservativen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski einst Außenministerin war, sagt: "Putin unterdrückt das eigene Volk. Und die russische Politik gegenüber Polen verhindert jede Aussöhnung. Ich kann auch nicht erkennen, dass Patriarch Kyrill eine positive Rolle spielt." Bis heute fehle in Moskau zudem der Wille, die Flugzeugkatastrophe von Smolensk aufzuklären, bei der 2010 der polnische Präsident Lech Kaczynski ums Leben kam.

"Wir machen einen Anfang"

Die Liste der polnisch-russischen Konfliktherde ließe sich mühelos verlängern. Da ist zum Beispiel der Dauerstreit über einen westlichen Raketenschild. Und da ist nicht zuletzt die schleppende Aufarbeitung des stalinistischen Massenmordes in Katyn an Zehntausenden polnischen Offizieren im Jahr 1940. Der liberale polnische Regierungschef Donald Tusk versucht seit seinem Amtsantritt 2007 zwar, die Gräben einer jahrhundertealten Feindschaft zu überbrücken. Doch der Erfolg ist mäßig. Können die Kirchenführer nun erreichen, was der Politik bislang nicht gelungen ist?

"Wir appellieren an die Gläubigen, um Vergebung zu bitten für das Leid, die Ungerechtigkeiten und alles Übel, das wir uns gegenseitig zugefügt haben. Dies ist der erste und wichtigste Schritt, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, ohne das es keine Versöhnung geben kann", heißt es in der Versöhnungserklärung. Bei der gemeinsamen Feier im Warschauer Schloss betonten die Kirchenführer, dass es nicht Ziel des Dokuments sein könne, die Geschichte neu zu schreiben. Vielmehr gehe es um die Zukunft. "Wir machen einen Anfang."

Erzbischof Jozef Michalik hatte die polnisch-russische Erklärung bereits vor der Unterzeichnung mit dem berühmten Briefwechsel deutscher und polnischer Bischöfe aus dem Jahr 1965 verglichen. "Wir vergeben und bitten um Vergebung", schrieben damals die Kirchenführer und ebneten 20 Jahre nach dem Grauen des Zweiten Weltkriegs den Weg zu Willy Brandts neuer Ostpolitik und der Aussöhnung der Völker. Kleine Schritte zu einem großen Ziel will Michalik nun auch gemeinsam mit der russisch-orthodoxen Kirche gehen.

Leserkommentare
    • TomFynn
    • 17. August 2012 21:51 Uhr

    Klingt irgendwie hohl, wenn man gleichzeitig eine Pop-Band der russischen "Justiz" zum Fraß vorwirft.

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    • joG
    • 18. August 2012 9:43 Uhr

    ....viel besser offenbar verstanden als die Deutschen.....

    • kyon
    • 17. August 2012 23:00 Uhr

    "Kyrill forderte ein hartes Urteil." (ZEITonline)

    Irgendwas muß da der große "Versöhner" in Bezug auf die Lehre des Mannes aus Nazareth wohl falsch verstanden haben.

    • kitoi
    • 17. August 2012 23:21 Uhr

    polnischer Soldaten im sowj./russischen-polnischen Krieg vergessen!

    So klappt keine Aussöhnung!

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    • TDU
    • 18. August 2012 8:03 Uhr

    Wer alles in einen Topf wirft, braucht eben nur einen Löffel und einen Deckel. Gerade bei Religion und Aussenpolitik auch scheinbar bei Ihnen beliebtes Modell. Hatten denn im zweiten Weltkrieg Polen und Russland gegeneinander Krieg geführt? Der Artikel ist doch nun recht unparteilich als das solche Anmerkung nörig wäre. Aber natürlich nichts gegen das russische Paradies.

    • Auer
    • 19. August 2012 15:21 Uhr

    Mann muss hier darauf hinweisen, daß der polnisch-sovjetische Krieg durch die sovjetische Aggression hervorgerufen wurde, deren Ziel war, Polen zu erobern, daraus eine sovjet Republik zu machen und die Revolution in Europa zu verbreiten.

    Die Rote Arnmee war dafür bekannt, wenig Gefangene zu machen,bei Isaak Babel z.B., der disen Krieg mit eigenen Augen gesehen hat, kann man nachlesen, was die Budionny Armee alles verbrochen hat..........................

  1. "The proof is in the pudding" sagt man im Englischen, d.h. dass der Beweis darin liegt, wie man das gegenseitige Verzeihen der kirchlichen Obrigkeit auf der Bürgerbasis in die Tat umsetzt und das lässt leider nach den deutsch-polnischen bischhöflichen Erklärungen von 1965 auf polnischer Seite bis heute viel zu wünschen übrig . Da nützen einem weder Beweise noch Zeugenaussagen über angebliche Verbrechen. "Nie wiemy co w tym czazem bylo" ist die übliche Reaktion auf Bitten und Drängen nach Klärungen.

    Da kann man den polnisch-russischen Aussöhnungsbemühungen nur besseres Gelingen wünschen.

  2. Geht es hier nicht um Macht, wo in Russland sich doch leicht seit an seit mit dem Staat gut leben lässt oder glaubt hier jemand an die Versöhnungstheorie?

    • TDU
    • 18. August 2012 8:03 Uhr

    Wer alles in einen Topf wirft, braucht eben nur einen Löffel und einen Deckel. Gerade bei Religion und Aussenpolitik auch scheinbar bei Ihnen beliebtes Modell. Hatten denn im zweiten Weltkrieg Polen und Russland gegeneinander Krieg geführt? Der Artikel ist doch nun recht unparteilich als das solche Anmerkung nörig wäre. Aber natürlich nichts gegen das russische Paradies.

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    • kitoi
    • 18. August 2012 10:03 Uhr

    "Hatten denn im zweiten Weltkrieg Polen und Russland gegeneinander Krieg geführt?"

    Da ist es doch wieder! Die Sowjetunion, nicht Russland, hat gegen Polen 1939 Krieg geführt - Krieg auf einem Teritorium, welches mehrheitlich von Ukrainern, Weißrussen und Litauern bewohnt war. Polen waren dort in der Minderheit, hatten aber ab 1917/18 mit Deutscher Hilfe diese Gebiete okkupiert.

    Für Sie: Der Krieg 1939 und damit die Verbrechen von Katyn war eine direkte Folge des Krieges der Verbrechen von 1917 bis 1921. Genau deshalb gehören alle Seiten auf den Tisch!

    • TDU
    • 18. August 2012 8:19 Uhr

    Gut ist das. Je weniger Gezänk zwischen den beiden Ländern umso mehr darf man hoffen, dass die Weltoffenheit steigt, und es eines Tages auch im "Osten" egal ist, wo man Urlaub macht oder arbeitet und die Kritk an der Politik so hingenommen wird wie z. B. die an Frankreich, Spanien oder England.

    Und die Anzahl der Kirchgänger lässt nicht unbedingt auf die Verwurzelung der Religion oder religiöser Vorstellungen in der Bevölkerung schliessen.

    Der Eindruck von Islamvorbehalt in Deutschland ensteht nicht nur deswegen, weil Musliminnen Kopftuch tragen oder der Islam der Frau eine unterdrückte Stellung zuzuweisen scheint.

    • Kanzel
    • 18. August 2012 9:11 Uhr

    Der Vorgänger von Kyrill I. hat sich bewusst von den Katholiken abgegrenzt, und Kyrill selbst zeigt sich offener, betreibt hier nun offensiv beste Ökumene. Was soll also dieses rumgemosere im Kommentarbereich?

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