Kirche und StaatReligion muss privat sein

Die Trennung von Staat und Kirche wird aufgeweicht. Muslimische Religionsgemeinschaften werden aufgewertet statt darüber nachzudenken, ob die Kirchen zu viel Macht haben. Von Tanja Dückers von 

Die Trennung von Kirche und Staat wird hierzulande auf sanfte Weise immer weiter aufgehoben. Wir sollten eigentlich hinterfragen, welche Macht, Privilegien und freien Rechtsräume die christlichen Kirchen noch immer genießen und ob sich diese aus berechtigten Ansprüchen speisen. Besonders erschütternd wurde uns diese Frage vor Augen geführt während des Missbrauchsskandal der katholischen Kirche . Das Kirchenrecht hat einen enormen Spielraum in Deutschland.

Aber statt die Macht der christlichen Kirchen zu begrenzen, werden  andere Religionsgemeinschaften aufgewertet. Dass die Stadt Hamburg muslimische Feiertage nun als nicht gesetzliche Feiertage einführen will , ist zwar ein positives Signal, um die verschiedenen Religionsgemeinschaften in Deutschland rechtlich gleichzustellen. Schließlich können Arbeitnehmer oder Schüler auch christliche Feiertage wie den Buß- und Bettag begehen, ohne zur Arbeit oder in die Schule zu gehen.

Aber wollen wir tatsächlich für ein noch stärker religiös geprägtes Alltagsleben in Deutschland streiten? Dies ist die entscheidende Frage, jenseits partikularer Streitigkeiten über einzelne Feiertage.

Außer der Frage der Gleichberechtigung ist es langfristig betrachtet nicht einzusehen, warum ein säkularer Staat die Zahl der religiösen Feiertage noch ausweitet. Wie wird das Bundesland Hamburg , und nach ihm andere Bundesländer, entscheiden, wenn andere Religionsgemeinschaften auch Ansprüche auf ihre Feiertage erheben? Kann man Juden, Buddhisten, Hindus, Taoisten etc. verbieten, an einem ihrer zentralen Feiertage ihrer Arbeit fernzubleiben? Eine Verweigerung wäre unlogisch. Doch das ist nur das pragmatischste Problem in dieser durchaus populistisch gefärbten Wundertüten-Politik.

In den USA werden Feiertage oft privat verhandelt

Migranten sollen gern in Deutschland leben. Kultur und Ökonomie profitieren, anders als uns verbohrte Rechtsgerichtete weismachen wollen, in hohem Maße hiervon. Auch erfordern Notlagen von politisch Verfolgten  oder Flüchtlingen schlicht unsere Hilfe – wir können diese Geste religiös oder einfach nur humanitär begründen. Migranten sollen also natürlich auch ihren religiösen Riten, sofern mit dem Grundgesetz vereinbar, nachgehen können. Aber die Trennung von Kirche und Staat, die für Deutschland konstitutiv ist, darf auf keinen Fall weiter gefährdet werden, auch nicht durch die zehnte Hintertür.

An dieser Stelle lohnt ein Blick nach USA , einem ethnisch und religiös viel farbigeren Land: Hier werden von verschiedensten religiösen und ethnischen Gruppen Feiertage begangen, ob es sich um jüdische oder muslimische Feiertage handelt, um den St. Patrick’s Day der Amerikaner irischer Abstammung, das Mardi-Gras-Fest in Louisiana , das einer alten französischen Tradition entstammt, das chinesische Neujahrsfest, das Oktoberfest der deutschstämmigen Amerikaner oder Kwanzaa, das Erntefest der "ersten Früchte", das auf west- und südafrikanische Traditionen verweist und von Afro-Amerikanern gefeiert wird. Manche Feiertage werden von bestimmten Bundesstaaten anerkannt. Doch ob Ämter und Geschäfte geschlossen werden und ob die Bürger frei haben, hängt von örtlichen Gepflogenheiten ab, wird oft letztendlich privat verhandelt.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

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    Lieber Mitforist,

    Sie schreiben: "Eine über-aufgewertete Religionsgemeinschaft ist zum Beispiel...,aber das lasse ich lieber, sont kommt wieder die Antisemitismuskeule."
    Sie reden also über das Judentum. Warum glauben Sie ist diese Religionsgemeinschaft "über-aufgewertet"? Was heisst das denn?

    • xpeten
    • 04. September 2012 11:31 Uhr

    trifft selten die Falschen.

    • Bommel
    • 04. September 2012 10:30 Uhr

    "...dass Religion, und zwar unabhängig von der Konfession, fast immer einen nicht verhandelbaren intoleranten Kern besitzt..."
    "..Religion als Privatsache zu betrachten, heißt nicht ihre Bedeutung für den Menschen zu schmälern oder gar zu negieren. Es stellt auch einen Schutzraum für sie dar..."

    Die Kunst ist es, den Freiraum zu schützen, den ein Mensch für die Ausübung seiner Religion braucht, ohne die Freiräume Andersgläubiger oder Nicht-Gläubiger einzuschränken!

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    • gkh
    • 04. September 2012 11:30 Uhr

    Da Atheisten sich regelmäßig genauso religiös und intolerant gegenüber Andersdenkenden verhalten, wie sie das den Religionen unterstellen, ist die Forderung nach einem säkularen Staat nichts anderes als die Forderung nach dem Vorrang der atheistischen Religion gegenüber anderen Religionen.

    Die Forderung, Religion solle sich ins Private zurückziehen bezeugt dabei nichts anderes als Fremdemfeindlichkeit: man will nichts ausgesetzt sein, was die Mehrheits-Religion Atheimus in Frage stellt. Das ist Intoleranz en gros.

    Im Übrigen ist es geradezu gefährlich, Religion ins Private, d.h. u.U. auch: in die Subversion, zu verdrängen. Denn was ein Mensch glaubt, das bestimmt sein Handeln. Deswegen sollten Bekenntnisse öffentlich sein, damit sie auch öffentlich debattiert werden können.

    Mir wäre es lieber, Atheisten und die Anhänger der Religionen fänden einen modus vivendi, in dem dieser Prozess harmonisch und gewinnbringend ablaufen kann.

    Und noch eine letzte Anmerkung zum Artikel:
    Das religiöse Inhalte nicht verhandelbar sind bedeutet nicht notwendigerweise, dass dem auch eine intolerante Haltung zugrundeliegt, auch wenn das in der Praxis oft zusammenfallen mag.

    Seit wann ist denn Atheismus eine Religion?
    Im Gegensatz zu religiösen Menschen argumentieren sie logisch und rational und berufen sich nicht auf irgendwelche Hirngespinste.
    Institionelle Religion ist die Geisel der Menschheit, das Opium fürs Volk.
    Staat und Kirche gehören strikt getrennt. Es sollte weder eine CDU noch CSU geben. Ethik und Philosophie Unterricht anstatt Religionsunterricht.
    Schrecklich wie rückständig die Menschen im 21 Jahrhundert noch sind.

    und zwar zu 100%. Religion soll jeder ausüben wie er mag, dagegen spricht nichts außer die Freiheit als solche. Denn nichts geht über Freiheit. Aber als Kollektiv unterliegen wir natürlich Grenzen, die wir aber rational und nicht emotional ziehen sollten. Leider geschieht das viel zu selten.

    • outis
    • 04. September 2012 10:37 Uhr

    Man kann ja über alles sprechen: ob Kirchensteuer so sein muss, wie es um den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen steht, ob Rundfunkräte und Ethikkommissionen so besetzt sein müssen etc. Schwierig wird es, wenn Religion zur Privatsache erklärt wird, die sich aus der Politik heraushalten soll. Denn es gehört nun einmal zu den unumstößlichen Dogmen des derzeitigen Zeitgeistes, dass Politik sich in die privatesten Bereiche des menschlichen Lebens einzumischen habe. Außerdem gibt es da den nicht verhandelbaren Kern, deräußerst intolerant verteidigt wird: dass alles gleich sein muss, selbst wo unterschiede augenfällig sind, aber weil nichts wahr ist (außer diesem Satz) ist alles egal- um nur ein Beispiel zu nennen. Dürfen Religionsgemeinschaften ihre Ansichten noch in den politischen Diskurs einbringen? Dürfen sie es auch dann, wenn sie Häresien, also von dem als wahr geglaubten Dogmen der Mehrheitsgesellschaften abweichende Dogmen, vertreten, oder soll auch weiterhin die Presse und der Twittershistorm das Anathema herausschreien?

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    sich der "Zeitgeist" denn in die privatesten Dinge ein ? Anspielung auf die Beschneidungsdebatte ?

  2. Der Staat pampert islamische Werte ja auch in den staatlichen Schulen - siehe Islamunterricht. Warum? Was soll das, wenn Religion doch Privatsache sein sollte? In meinen Augen eine völlige Fehlentwicklung. Private Schutzräume für persönliche Religionsfreiheit sind wichtig und gut, aber zunehmende Einflußnahme auf das säkuläre öffentliche Leben sind eine klare Fehlentwicklung und werden nicht zu mehr Toleranz und Demokratie in diesem Land beitragen.

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    ... ja - aber von öffentlichem Interesse. Sex ist auch privat - aber in der Schule wird (hoffentlich) eine gute Aufklärungsarbeit geleistet.

    Gleiches muss auch für Religion gelten - es gibt sie, die Menschen müssen darüber Bescheid wissen, und daher gehört ein aufklärender Religionsunterricht in die Schulen.

    Alles andere ist dann wieder Privatsache und damit Aufgabe der Religionsgenmeinschaften. Und wenn eine eben nicht auf den Grundlagen der Verfassung steht - dann wird diese halt verboten!

  3. Die Formulierung, dass Religion einen "nicht verhandelbaren intoleranten Kern besitzt", finde auch ich gelungen.

    Dieser intolerante Kern des Islam fiel mir zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Karikaturenstreit auf. Dass Religionen und ihre Symbolfiguren durch Satire und Karikatur nicht angegriffen werden dürfen, ist mit der Meinungsfreiheit einer Zivilgesellschaft unvereinbar. Deshalb alarmiert mich, dass die rot-grüne NRW-Regierung Demonstranten das Zeigen einer Karikatur von Westergaard untersagte.

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    werfe ich "Popetown" in den Raum. Geht ja mal GAR nicht, den Papst als vorlauten Rotzlöffel darzustellen, der mit dem Pogo-Stick durch den Vatikan hopst! https://de.wikipedia.org/...

    Die Kunstfreiheit (in diesem Fall nicht Meinungsfreiheit) in allen Ehren, aber ich finde die Motivation gewisser Gruppen, die Muslime wann immer nur möglich gezielt mit diesen Karikaturen zu beleidigen, zutiefst verwerflich. Die haben sie ja noch nicht einmal selbst gezeichnet. Diese Menschen sollten sich in Grund und Boden schämen dafür, dass sie die Kunstfreiheit so derart vergewaltigen und missbrauchen. Dies ist ein zutiefst verwerfliches Verhalten. Und das sage ich nun unter Berufung auf meine Meinungsfreiheit.

    Frau Dückers irrt, wenn sie schreibt, dass Religion "fast immer einen nicht verhandelbaren intoleranten Kern besitzt". Leider begründet sie diese These nur sehr knapp mit der Aussage, dass es sich sonst nicht um ein System zur Erklärung der letzten Dinge handeln würde.

    Dem Text kann man es nicht explizit entnehmen, aber ich vermute, dass Frau Dückers einem weit verbreiteten unterliegt: Der Verwechselung von Toleranz und Beliebigkeit. Toleranz kommt vom lateinischen tolerare, was man u. A. mit aushalten, ertragen oder erdulden übersetzen kann. Wenn jemand eine andere Meinung hat, als ich, und ich seine Meinung toleriere, dann bedeutet das nicht, dass ich seine Ansicht für gleich wahr halte. Das wäre Beliebigkeit. Toleranz bedeutet, dass ich seine Meinung für falsch halte, aber es ertrage, dass wir unterschiedlicher Auffassung sind, und uns nicht auf eine gemeinsame Sicht einigen können.

    Wenn ein Atheist, ein Christ und ein Hinduist über die letzten Dinge diskutieren, dann treffen 3 Auffassungen aufeinander, die sich gegenseitig widersprechen. Entweder, es gibt keinen Gott, oder es gibt genau einen Gott, oder es gibt viele Götter. Auch der Atheist hat hier ein System zur Erklärung der letzten Dinge. Aber mir ist schleierhaft, wie Frau Dückers hier zwangsläufig Intoleranz sieht. Ich habe jedenfalls viele sehr tolerante Diskussionen über Systeme zur Erklärung der letzten Dinge geführt - mit Atheisten, Monotheisten und Polytheisten.

    • ST_T
    • 05. September 2012 12:03 Uhr

    Das Problem wird aber immer bleiben: Wer kontrolliert diejenigen die eine Religion ausüben?
    Es gibt ebenso (traurigerweise) gewalttätige Buddhisten obwohl der Buddhismus Gewalt verbietet.
    Wer soll das kontrollieren?

    Ich selbst als Buddhist möchte auch aussprechen, dass ich diese Bevorzugung der selbst-ernannten und missionierten "Weltreligionen" nicht mehr für zeitgemäß halte. Es gibt auch neben den Religionen einen Haufen Angebote, die den Menschen ihre Spiritualität geben und die nicht unbedingt auf Religion basieren.

    Zudem noch ist es einfach nur töricht anzunehmen, dass durch das Vergeben bestimmter Privilegien ein Frieden hergestellt wird. Die meisten Religionen zielen leider nur auf die Weiterverbreitung ihrer eigenen Lehre ab auf Kosten anderer Meinungen.

    In einem modernen Staat hat keine Religion einen höheren Stellenwert als eine andere einzunehmen!
    Dahingehend wäre es wohl wirklich das beste, den Religionen ihre Privilegien zu entziehen.
    Es spricht ja keiner dafür, einen Wohltätigkeitsverband oder eine Organisation die Unterstützung zu verbieten, die z.B. Krankenhäuser in Afrika unterstützen. Wohl aber habe ich ein Problem damit, wenn auf Kosten der Allgemeinheit für eine Meinung oder Mentalität (sic!) missioniert werden soll.

    Dahingehend wird noch sehr viel Bedarf sein...vor allem bei streng religiösen Eltern die ihre Kinder indoktrinieren.

    • bayert
    • 04. September 2012 10:51 Uhr

    erhält die Kirche schon genügend Steuererleichterungen. So zahlt die Kirche in BW keine Grund- und Gewerbesteuer.

    Eine Leserempfehlung
    • simie
    • 04. September 2012 10:56 Uhr

    Anstatt dem Islam die Privilegien der christlichen Kirchen zu geben, sollten eher den christlichen Kirchen ihre Privilegien entzogen werden.
    Wieso maßen sich die Kirchen beispielsweise an, allen vorzuschreiben, dass man an bestimmten Tagen keine öffentlichen Veranstaltungen durchführen darf? Dies ist nur ein Beispiel unter vielen.
    Nur eine kurze Anmerkung zu den sozialen Akrivitäten der Kirchen: Menschen wie Robertionis sollten sich mal die Finanzierung der von den Kirchen betriebenen Einrichtungen genau anschauen. Wahrscheinlich würden sie dann eine Überraschung erleben. Es ist nämlich mitnichtnen so, dass die Einrichtungen an denen Diakonie, Caritas etc. steht auch von den Kirchen bezahlt werden. Die Finanzierung erfolgt zu annähernd 100 % durch den Staat.

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    Und trozdem dürfen die Kirchen alle Angestellten zur Kirchenmitgliedschft zwingen, Betriebsräte und Gewerkschaften verbieten sowie die Lebesweise der Angestellten bestimmen.

    Bei 100%iger Bezahlung durch den Staat versteht sich.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kirche | Religion | Katholische Kirche | Autounfall | Emotion | Feiertag
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