"Mi lêy lô!", grüßte mich meine Nachbarin. "Aafîya" rief ich zurück – und war damit schon fast am Ende mit meinem San Gula, einer der 130 Sprachen des Tschads. Aller Anfang ist schwer, vor allem, wenn man eine Sprache lernen möchte, die nicht aufgeschrieben ist. Mehr als 40 Sprachen im Tschad haben kein Alphabet, weltweit sind es sogar mehr als 2.000.

Für San Gula gab es keine Lehrbücher oder Sprachschulen, mein Mann und ich konnten es nur lernen, indem wir viel Zeit mit den Menschen verbrachten. Wir sind beide Diplom-Übersetzer und in Feldlinguistik geschult, im Erforschen und Verschriften von Sprachen also.

Wir hörten zu, sprachen nach, machten Fehler und ließen uns korrigieren. Fehler machten wir reichlich! Der Unterschied zwischen "mein Mann" und "ihr Mann" besteht beispielsweise nur in der Höhe der Stimmlage. Anfangs wollte ich gar nicht mehr über Männer reden, um peinliche Missverständnisse zu vermeiden. Zumindest half ich in den unvermeidlichen Fällen mit Gesten oder Namensnennungen nach.

Nicht nur die Sprache bereitete uns Mühe, als wir vor 13 Jahren in das kleine tschadische Dorf San zogen. Es gab keine Postverbindung, kein Telefon, kein Mobilfunknetz, keinen Arzt und auch sonst nichts, was in Deutschland selbstverständlich ist, wie etwa Strom und fließendes Wasser. Die nächste geteerte Straße war über 500 Kilometer entfernt, wir besaßen das einzige Auto im Umkreis von 100 Kilometern. Als Familie mit drei kleinen Kindern entdeckten wir bald, dass ein Leben jenseits der Zivilisation überhaupt nicht romantisch ist. Entbehrungen, harte Arbeit, Durchfall und Hautinfektionen prägten unseren Alltag.

Vor einem Jahr kamen wir nach Deutschland zurück und vermissen unser Leben in Afrika, das reich, bunt und spannend war. Wir bekamen hautnah Einblicke in eine fremde Kultur, erfuhren ein ungekanntes Maß an Gastfreundschaft und lernten Menschen kennen, die einfach immer Zeit hatten. Und wir hatten eine Aufgabe, die uns begeisterte: Wir halfen den San Gula, ihre Sprache zu erforschen und aufzuschreiben.

Bei den San Gula können nur zirka zehn Prozent aller Erwachsenen lesen und schreiben. Der Schulunterricht ist auf Französisch, was aber von den wenigsten gesprochen wird. Die Zahl der Schulabbrecher ist hoch. Mit unserer Arbeit wollten wir den San Gula Zugang zu muttersprachlicher Bildung und damit zu mehr Lebensqualität geben. Denn die eigene Sprache ist wertvoll: Sie gibt Menschen Identität und Würde, und sie ist der Schlüssel zu nachhaltiger Bildung.

Unterstützt wurden wir durch die christliche Organisation Wycliff. Der englische Reformator John Wycliffe erkannte im 14.Jahrhundert den Wert der Muttersprache und übersetzte die Bibel auf Englisch. Durch Zusammenarbeit mit einheimischen Behörden, Universitäten und Entwicklungshilfe-Organisationen wurden im Tschad bereits über 30 Sprachen erforscht und aufgeschrieben. Unter der Leitung einheimischer Kirchen werden auch Teile der Bibel in Minderheitensprachen übersetzt.

In San gibt es heute mehrere Leseklassen. Eine Klasse für Frauen findet im Haus des Dorfchefs statt. Der lernt selbst zwar nicht lesen, schickt aber wenigstens seine Frauen. Dank Verschriftlichungsprojekten wie dem unseren im Tschad können sich mehr Menschen in ihrer eigenen Sprache über Aids oder Malaria informieren oder die Geschichten ihres Volkes für die nächste Generation aufschreiben.

Korrekturhinweis: Der vorletzte Absatz wurde nach der ersten Veröffentlichung ergänzt. Die Redaktion