Unbestritten: Kinder brauchen viele sinnliche Erfahrungen, sollten sich in der Natur aufhalten, herumtoben. Es kann weder körperlich noch seelisch gesund sein, wenn sie ihre gesamte Freizeit mit Computerspielen oder Kindersendungen im Fernsehen zubringen. Aber das gilt für jede Übertreibung. Auch zu viel lesen und zu viel Sport können schaden. Schließlich sollte auch niemand länger als 30 Minuten in der Badewanne liegen, sonst wellt sich die Haut.

Warum sind also ausgerechnet Computerspiele für viele die Inkarnation des Bösen auf Erden geworden? Das "gute Buch" setzt eine mindestens genauso hohe Abstraktionsfähigkeit voraus wie ein Computerspiel und ist auch keine besonders sinnliche Erfahrung, sofern man nicht beim Rascheln der Seiten in Ekstase gerät. Menschheitsgeschichtlich betrachtet existiert es erst seit einem Wimpernschlag. 99,9 Prozent aller jemals geborenen Kinder haben nie ein Buch in den Händen gehalten.

Vergessen wird in der aufgeregten Debatte auch, dass die Langspielplatte, die Hörspielkassette und das Radio vor nicht allzu langer Zeit selbst "neue Medien" waren. Und schließlich: Viele der Computerspiele für Kinder sind sogar pädagogisch ausgetüftelt: Kleine Kinder lernen Tier- und Pflanzennamen auf dem Bildschirm oder lernen Farben und Formen, indem sie Bauklötze einander zuweisen. Für alle Altersstufen ist "etwas Gutes" dabei.

Förderlich oder wertlos?

Trotzdem herrscht eine seltsame Übereinstimmung darin, dass man Kinder und Jugendliche von neuen Medien möglichst fernhalten sollte – manche Eltern und Pädagogen appellieren an die Vernunft der Kleinen, andere für Grenzen und Strafen.

Die Ursache ist Angst und Verunsicherung. Eltern und einige führende Pädagogen verdammen, was ihnen nicht vertraut ist. Denn sie müssen sich mit einem gewissen Autoritätsverlust abfinden, da die Sprösslinge ihnen schon als Grundschüler im praktischen Umgang mit den neuen Medien überlegen sind. Erschwerend kommt hinzu, dass es noch nie eine so große Altersspanne zwischen Eltern und Kindern gegeben hat wie jetzt. Die Mehrzahl der heute meinungsführenden Pädagogen gehört sogar der Großelterngeneration an.

Aber da ist noch etwas anderes, das den Erwachsenen Angst macht. Sie haben seit einiger Zeit die fixe Vorstellung, dass Kinder und Jugendliche stets etwas "Gutes" und "Sinnvolles" machen müssen – auch wenn sie selbst gerne "sinnlos" in der Bar herumhängen. Während früher bestimmte Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen aus moralischen Gründen abgelehnt wurden (von mangelndem Gehorsam gegenüber Respektspersonen bis hin zum Onanieren), müssen Eltern heute deren Leistungswillen beweisen . Früher wurde zwischen "anständig" oder "unanständig" unterschieden, heute wird über "förderlich" oder "wertlos" geurteilt.