Bevor meine Eltern den Libanon verließen, war es für sie undenkbar, ihre einzige Tochter zu einem deutschen Teenager heranwachsen zu sehen. Es ist wie eine Zeitreise. Das Kind der zweiten Generation kommt in der neuen Welt an, während die Eltern durch eine Panne der Zeitmaschine ewig in der alten Welt verhaftet bleiben.

Für mich ist es eine Bereicherung, neben Deutsch die Sprache meines Herkunftslandes zu beherrschen. Ich habe beide Kulturen kennengelernt. Meine Eltern aber sprechen nach 23 Jahren in Deutschland nur wenige Worte Deutsch. Mal verstehen sie etwas mehr, mal weniger. Meine Entscheidungen verstehen sie überhaupt nicht. Sie fragen sich, weshalb es für mich nie in Frage kam, das zu tun, was sich für ein schiitisches Mädchen in meinem Alter gehört: verheiratet sein oder zumindest verlobt. Und falls ich verheiratet wäre, müsste ich mindestens ein Kind haben. Ginge es nach meiner Mutter, müsste ich so schnell wie möglich heiraten, egal wen, Hauptsache einen Muslim.

Früher begegnete ich dem Lamento meiner Mutter über meine Beratungsresistenz in Sachen Eheschließung mit der Frage: "Kann ich nicht stattdessen meine Bücher heiraten?" Meine Mutter war dann eingeschnappt – und ich zog mich teils amüsiert, teils resigniert, in mein Reich zurück, das eher einer Stadtbibliothek glich als einer Moschee.

Bildung ist für meine Mutter ein Fremdwort; Humor oft auch. Wenn meine Eltern fähig gewesen wären, die Gebrauchsanleitung für die Zeitmaschine zu lesen, wäre es vielleicht nicht zu der Panne gekommen. Aber die Kluft zwischen unterschiedlichen Bildungschancen und Weltanschauungen hat innerhalb meiner Familie zu einer derartigen Entfremdung geführt, dass sich daraus parallele Leben entwickelt haben. Das eine Leben führt am anderen vorbei. Ein Schnittpunkt wäre nur möglich gewesen, wenn ich mich absolut an sie angepasst hätte.

Ich habe mich dagegen entschieden – und für die Freiheit. Die Freiheit, mich entfalten zu können. Ich wollte selbst entscheiden, wer und wie ich sein möchte und welchen Partner ich wähle. In der Gefangenschaft religiös geprägter Traditionen war es für mich unmöglich, meiner eigenen Definition von Frausein gerecht zu werden. Bildung ist für mich der Schlüssel zu diesen Freiheiten.

Heute studiere ich weit genug von meinem Elternhaus entfernt. Ich sehe sie nur selten. Das ist der Preis, den ich für die Freiheit zahlen muss.

Für die erste Generation der Auswanderer bleibt die Zeitreise leider in vielen Fällen eine ungenutzte Chance. Deshalb sollte die zweite Generation die verpasste Chance der Eltern unbedingt ergreifen und das Beste aus der Zeitreise mitnehmen. Sie sollte sich in den Migrationsvordergrund rücken. Für meine sichere Landung in Deutschland bin ich sehr dankbar.