TV-Talk : Erleuchtung bei Maischberger

Erweckungspredigt von der Werkbank: In der ARD hat der Auto-Milliardär und politische Newcomer Frank Stronach seine Heilsbotschaft verkündet.
Frank Stronach, Gründer einer Partei zur Reform der europäischen Währung, bei einer Präsentation in Wien © Robert Jaeger/dpa

Für einen aufbrausenden Lokalmatador wie den österreichischen Parteigründer Frank Stronach ist eine Talkshow im deutschen Fernsehen die falsche Bühne. In der innerdeutschen Debatte, dort, wo es hauptsächlich um die fiskalpolitischen Positionen von Angela Merkel und ihres Herausforderers Peer Steinbrück geht, bleibt der Mann, der demnächst im kleinen Österreich politisch mitbestimmen will, weitgehend außen vor.

Spöttisch schmunzelte Oskar Lafontaine und um einen Hauch grimmiger blickte Thilo Sarrazin , als der politische Newcomer aus dem Nachbarland in der ARD-Runde von Sandra Maischberger über sein persönliches Währungsmodell dozierte: ein Sammelsurium aus frei konvertierbaren National-Euros.

So richtig ernst nehmen wollte niemand in der Runde das bis vor Kurzem noch belächelte Kuriosum. Herausfordern allerdings wollte den Mann auch keiner. Frank Stronach, der in jungen Jahren seine ärmliche Heimat verlassen hatte, baute den weltumfassenden Autozulieferkonzern Magna auf, der zwischenzeitlich als Opel-Retter im Gespräch war.

So dauerte es fast bis zum Sendeschluss, bis er endlich zu seinen Qualitäten als Mediendominator fand. "Ihr müsst erst amal selbst in einer Fabrik arbeiten", fauchte er etwas herablassend in den Gesprächskreis. Das war schon mehr sein Stil.

Heruntergeputzt wie einen Lehrling

In seiner Heimat hingegen kann er ganz anderes. Zwei Tage zuvor sah man in seinen Augen immer wieder kurz Verärgerung aufblitzen. Kleine rote Zornflecken erblühten auf seinen Wangen. Die Unbotmäßigkeit, der er dort am Sonntagabend in der TV-Gesprächsrunde Im Zentrum begegnet, war ihm weder vertraut, noch war er gewillt, sie hinzunehmen. Er sei zwar bereit, die eine oder andere Frage der anwesenden Medienleute zu beantworten, erklärte Frank Stronach gleich eingangs unverblümt, zu einer Diskussion mit den Hobbits aus der Zeitung sei er hingegen keineswegs zu bewegen. Einwände? Lächerlich. Den zunehmend hilfloser agierenden Herausgeber des Nachrichtenmagazins profil putzte er von Beginn an herunter wie einen widerspenstigen Lehrling, der schon wieder ein Werkstück versaut hatte.

Seit der 80-jährige Magna-Magnat angekündigt hat, er beabsichtige, viele Millionen in die Errettung Österreichs vor den Übeln des politischen Systems zu investieren, ist er ein gefragter Mann im medialen Zirkus. Die geballte öffentliche Präsenz des Rappelkopfs liegt vor allem daran, dass mit Stronach ein neues, noch unverbrauchtes Phänomen die Bühne erklommen hat. Der eigenwillige Milliardär wirbelt die routinierte mediale Inszenierung der politischen Auseinandersetzung unbekümmert durcheinander. Er weigert sich beharrlich, irgendeine ihm zugedachte Rolle zu spielen. Vielmehr gibt er selbst die Agenda vor, ebenso wie er sich selbst in Szene setzt. Er schreibt die Spielregeln, deren wichtigste Bestimmung vorsieht, dass alle anderen seinem Sermon zuzuhören haben.

Erweckungsprediger mit Heilsbotschaft

Auch wenn viele andere Selbstdarsteller am liebsten nur sich reden hören, in aller Regel akzeptieren sie aber die Konventionen einer Debatte. Das ist im Weltverständnis des Frank Stronach so nicht vorgesehen. Er pflegt stattdessen den patriarchalen Kommunikationsstil eines Erweckungspredigers, dem eine untrügliche Heilsbotschaft gegeben ist. Sie mag sich größtenteils aus Banalitäten zusammensetzen. Aber Stronach trägt sie mit erheblichem Sendungsbewusstsein vor und verleiht ihr dadurch vor allem bei jenen Überzeugungskraft, die des politischen Nullsummenspiels überdrüssig sind.

Längst ist das Publikum abgestumpft von dem abgeschliffenen Politikergeplapper, das aus den meisten Sendekanälen blubbert. Da trifft Meinung auf Meinung, prallt Unterstellung auf Unterstellung, und alles wird letztendlich zu einem ermüdenden Einheitsbrei der Unverbindlichkeit verrührt. Stronach hingegen meint nicht. Er weiß. Und er verkündet dieses, sein Evangelium nach Frank.

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Kommentare

94 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Da denken Sie aber zu kurz

Wenn er so funktionieren Würde wie Sie meinen, dann wäre er nicht Chef über 70- 80.000 Arbeitnehmer.
Ein Arbeitnehmer, ein Kleinchef kann so denken, wie Sie's hier schildern.
Ein Firmenlenker, ein Imperiumlenker muss in größeren Dimensionen denken als nur sein Konto.
Das Unternehmen muss laufen und am Laufen gehalten werden - davon hängt das Wohl Aller am Imperium beteiligten Einzelwesen ab - und dafür steht der Lenker mit seinen untergeordneten Hierarchien.
Wenn's da irgendwo nicht rundläuft kann das Ganze aus dem Schwung geraten.
Das geht nicht ohne geordnete Demokratie über die Bühne - in einem diktatorisch geführten Unternehmen würden kleine Diktatoren nachwachsen und es gäbe Grabenkämpfe, Scharmützel, Kleinkriege und Explosionen.
Wenn's dem Imperium gut geht, geht's auch der Spitze gut und geht's auch dem Lenker gut.
Der muss also dafür sorgen, dass es Allen in seinem Machtbereich gut geht - und dann klingelts auch im eigenen Portemonnaie.
Da können Sie tausend großkopferte und letztlich doch nur halbgebildete Großdenker daneben stellen, die denken, es geht nur um das eine, das eigene Konto - die bleiben auf der Strecke.
Umsonst wird man nicht Milliardär - man Hat's, oder man bleibt allenfalls Millionär.
Oder sonst bemüht man sich, mit zu verteilen - für's eigene Portemonnaie, versteht sich.

Demokratieverständnis

Sorry, ab in welchem Unternehmen wird das Management oder gar der Firmenchef demokratisch gewählt?
Eines kann ich nämlich mit Bestimmtheit sagen: Stronach wurde NICHT von der Belegschaft gewählt.

Sie schreiben in ihrem Kommentar mehrfach vom Imperium, dem i.d.R. auch ein Imperator vorsteht. Imperator stammt vom lateinischen imperare ab, das bedeutet befehlen, herrschen, herrschen über.

Kann es sein, dass sie eine etwas verzerrte Ansicht zur Demokratie haben?

Das bestätige ich Ihnen gerne, wenn Sie sagen

"Stronach wurde NICHT von der Belegschaft gewählt." -

Nun nehmen wir einmal an, gegen Stronach würde antreten
Jürgen Trittin, Mmes. Roth oder Kynast oder ähnliche Koryphäen -

was meinen Sie wohl, was aus den 74000 Mitarbeitern innerhalb einer Wahlperiode wird?

Ich rate: Transferleistungsempfänger!

Ich finde es erstaunlich und entblößend: Da hat einer Mut und auch die Fähigkeiten ein Imperium aufzubauen, das Hunderttausenden Existenz und Gemeinwesen bietet (Familienangehörige und die kommunalen Kassen in den Umgebungen der Firmenstitze) - und kaum sind die samrtesten satt, machen sie sich schon Gedanken, was aus IHREM Besitz werden würde, wenn man SIE ließe. Erst einmal steht bei denen aber der Grundgedanke aus dem Ursprungskommentar: Wie werde ICH Multimillionär - nicht aus eigener Kraft - sondern auf den Steinen, die ein Stronach ihnen zu einem Fundament aufgebaut hat.

Man kennt solche Gebilde an einem Wirtsbaum aus der Natur - nicht selber Baum - aber vom Baum leben durch Dranhängen.

Nicht ganz ernst genommen!?

Ständig, täglich liest man was über ihn in den Zeitungen, der Inhalt ist unwichtig, Hauptsache sein Name ist stets präsent. Wie es mit dem Fernsehen aussieht, weiß ich nicht, das konsumiere ich nicht.

Das ist auch ganz gutes taktisches Spiel: Die Medien müssen nur oft genug über einen Sachverhalt/eine Person berichten, damit kommt sie automatisch in die Munde aller Leute. Und schwups - werden ihm dadurch gleich locker Wahlergebnisse im zweistelligen Bereich zugesichert. Wetten?

Jedenfalls kann ich mir dadurch nicht vorstellen, dass dieser Mann nicht ernstgenommen wird. Natürlich - politisch gebildete und interessierte werden ihn weniger ernstnehmen. Dies stellt jedoch nicht die Masse des Volkes in Österreich (und auch in vielen anderen Nationen) dar.

Ohne Schnurrbart

Oh, Graus. Dass ich das alles noch erleben darf. Zum Glück ist dieser Mann bereits 80 und nicht 45 Jahre alt. Insofern besteht aus natürlichen Gründen keine wirkliche Gefahr mehr. Aber das politische System Europas ist mitlerweile derart erodiert, dass Politiker, die vorgeben "Antipolitiker" zu sein, gute Chancen haben könnten, das System aufzurollen. Die Parallelen zur Weimarer Republik sind frappierend. Witzigerweise kommt der Mann aus Östrreich, wird von gestandenen Politikern der Linken belächelt. Ich werde in nächster Zeit nach kurzen Schurrbärten Ausschau halten.

Nach diesem Auftritt...

...werden die Kanadier behaupten, er sei Österreicher, und umgekehrt. Ich fasse zusammen: Ohne Wirtschaft funktioniert nichts und man muss erst Geld verdienen, um Geld zu verteilen. Mehr als das hat er nicht gesagt, den ganzen Abend lang.Der Mann mag Ahnung von Betriebswirtschaft haben, aus der Volkswirtschaft sollte er sich jedoch tunlichst raushalten. Gegen einen solch billigen Phrasendrescher wirkte Sarrazin geradezu wie ein Intellektueller (je kälter das Klima, desto produktiver die Leute, und so...)

Viel Spaß noch bei Maischberger!