Für einen aufbrausenden Lokalmatador wie den österreichischen Parteigründer Frank Stronach ist eine Talkshow im deutschen Fernsehen die falsche Bühne. In der innerdeutschen Debatte, dort, wo es hauptsächlich um die fiskalpolitischen Positionen von Angela Merkel und ihres Herausforderers Peer Steinbrück geht, bleibt der Mann, der demnächst im kleinen Österreich politisch mitbestimmen will, weitgehend außen vor.

Spöttisch schmunzelte Oskar Lafontaine und um einen Hauch grimmiger blickte Thilo Sarrazin , als der politische Newcomer aus dem Nachbarland in der ARD-Runde von Sandra Maischberger über sein persönliches Währungsmodell dozierte: ein Sammelsurium aus frei konvertierbaren National-Euros.

So richtig ernst nehmen wollte niemand in der Runde das bis vor Kurzem noch belächelte Kuriosum. Herausfordern allerdings wollte den Mann auch keiner. Frank Stronach, der in jungen Jahren seine ärmliche Heimat verlassen hatte, baute den weltumfassenden Autozulieferkonzern Magna auf, der zwischenzeitlich als Opel-Retter im Gespräch war.

So dauerte es fast bis zum Sendeschluss, bis er endlich zu seinen Qualitäten als Mediendominator fand. "Ihr müsst erst amal selbst in einer Fabrik arbeiten", fauchte er etwas herablassend in den Gesprächskreis. Das war schon mehr sein Stil.

Heruntergeputzt wie einen Lehrling

In seiner Heimat hingegen kann er ganz anderes. Zwei Tage zuvor sah man in seinen Augen immer wieder kurz Verärgerung aufblitzen. Kleine rote Zornflecken erblühten auf seinen Wangen. Die Unbotmäßigkeit, der er dort am Sonntagabend in der TV-Gesprächsrunde Im Zentrum begegnet, war ihm weder vertraut, noch war er gewillt, sie hinzunehmen. Er sei zwar bereit, die eine oder andere Frage der anwesenden Medienleute zu beantworten, erklärte Frank Stronach gleich eingangs unverblümt, zu einer Diskussion mit den Hobbits aus der Zeitung sei er hingegen keineswegs zu bewegen. Einwände? Lächerlich. Den zunehmend hilfloser agierenden Herausgeber des Nachrichtenmagazins profil putzte er von Beginn an herunter wie einen widerspenstigen Lehrling, der schon wieder ein Werkstück versaut hatte.

Seit der 80-jährige Magna-Magnat angekündigt hat, er beabsichtige, viele Millionen in die Errettung Österreichs vor den Übeln des politischen Systems zu investieren, ist er ein gefragter Mann im medialen Zirkus. Die geballte öffentliche Präsenz des Rappelkopfs liegt vor allem daran, dass mit Stronach ein neues, noch unverbrauchtes Phänomen die Bühne erklommen hat. Der eigenwillige Milliardär wirbelt die routinierte mediale Inszenierung der politischen Auseinandersetzung unbekümmert durcheinander. Er weigert sich beharrlich, irgendeine ihm zugedachte Rolle zu spielen. Vielmehr gibt er selbst die Agenda vor, ebenso wie er sich selbst in Szene setzt. Er schreibt die Spielregeln, deren wichtigste Bestimmung vorsieht, dass alle anderen seinem Sermon zuzuhören haben.

Erweckungsprediger mit Heilsbotschaft

Auch wenn viele andere Selbstdarsteller am liebsten nur sich reden hören, in aller Regel akzeptieren sie aber die Konventionen einer Debatte. Das ist im Weltverständnis des Frank Stronach so nicht vorgesehen. Er pflegt stattdessen den patriarchalen Kommunikationsstil eines Erweckungspredigers, dem eine untrügliche Heilsbotschaft gegeben ist. Sie mag sich größtenteils aus Banalitäten zusammensetzen. Aber Stronach trägt sie mit erheblichem Sendungsbewusstsein vor und verleiht ihr dadurch vor allem bei jenen Überzeugungskraft, die des politischen Nullsummenspiels überdrüssig sind.

Längst ist das Publikum abgestumpft von dem abgeschliffenen Politikergeplapper, das aus den meisten Sendekanälen blubbert. Da trifft Meinung auf Meinung, prallt Unterstellung auf Unterstellung, und alles wird letztendlich zu einem ermüdenden Einheitsbrei der Unverbindlichkeit verrührt. Stronach hingegen meint nicht. Er weiß. Und er verkündet dieses, sein Evangelium nach Frank.

Die alpenländische Version einer Kunstfigur

Ganz offen zeigt der Selfmademan seine Verachtung für jedes vermeintliche Expertenwissen. Bücherwürmer sind ihm suspekt, intellektuelles Gehabe ist ihm ein Graus, lediglich Zeit- und Geldverschwendung sei solches Gerede. Auch durch dieses unverhüllte Bekenntnis zu seinen Ressentiments sticht er aus der herrschenden Medienkultur hervor, in der noch jeder Einfaltspinsel sein schlichtes Gemüt hinter Phrasen zu verbergen sucht. Die Lebenswahrheiten des Praktikers Stronach stammen im Gegensatz dazu von der Werkbank. Politiker, sagt er, könnten nicht einmal einen Greißlerladen führen. Die müssten "umprogrammiert und umgeschult werden", bevor sie zu gebrauchen seien.

Im bodenständigen Idiom seines Rückwanderersteirisch geht verloren, wie sehr der selbsternannte "Behüter der Werte" auf seiner Mission von dem Stil amerikanischer Provinzwahlkämpfe geprägt ist. In den USA fühlt sich häufig ein gelangweilter Krösus dazu berufen, sein Land vor dem vermeintlichen Untergang zu retten. Bei diesen Anti-Establishment-Kampagnen werden dann stets jene values beschworen, welche die Nation groß gemacht hätten und im fernen Washington von den Bürokraten und Lobbyisten mit Füßen getreten würden. In Österreich ersetzt der Milliardär Stronach nun diese Botschaft durch die Werte, die ihn groß gemacht hätten: "Wahrheit, Transparenz, Fairness". So kurz kann ein Parteiprogramm sein. Genaueres darüber findet sich in der Biografie des erfolgsverwöhnten Industriekapitäns, die er deshalb auch stets ausführlich referiert. Auch dies eine Unsitte aus Übersee: Ideen zählen nichts, nur Taten und der unfehlbare Glaube an die eigene Überlegenheit.

In manchen Momenten seiner Medienpräsenz erinnert Frank Stronach an die alpenländische Version einer Kunstfigur, die der Schauspieler Peter Finch 1976 in dem Film Network von Sidney Lumet verkörperte. In dieser bitteren Mediensatire rastet eines Tages der Nachrichtenmoderator Howard Beale vollkommen aus und verwandelt sich in einen zornigen Propheten der Apokalypse. Er fordert das Publikum auf, seine Wut zum Fenster hinauszubrüllen. Über Nacht hat das Land einen neuen Medienstar.