ZEIT ONLINE: Kommt es auch oft zu Missverständnissen zwischen Therapeut und Patient mit Migrationshintergrund?

Heinz: Ja, zum Beispiel erklärt die deutsche Schulmedizin Abhängigkeit am Beispiel der körperlichen Entzugssymptome, im Sinne von: Da kommt jemand nicht von einer schädlichen Substanz los. Diese Vorstellung lehnen viele türkische Jugendliche aber ab, weil sie glauben, dass eine starke Seele von nichts abhängig wird. Da können Therapeut und Patient schnell aneinander vorbei reden. Solche Zusammenhänge muss man kennen. Trotzdem ist es sehr wichtig, zu beachten, dass es "die Türken" nicht gibt, sondern Menschen mit ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen.

ZEIT ONLINE: Können Sie Beispiele nennen?

Heinz: Es gibt dieses Vorurteil: Die Türken gehen traditionell zu einem religiösen Heiler aus der eigenen Community, nicht zum Psychologen. Wir haben aber beobachtet, dass die meisten türkischen Migranten keineswegs an religiöse Vertreter denken, wenn sie einen Experten in psychischen Erkrankungen suchen. Auch dass Migranten einen Dolmetscher brauchen, um sich behandeln zu lassen, trifft nur auf die wenigsten zu. Es stimmt zwar manchmal, dass Muslime nicht über Alkoholprobleme reden wollen, weil ihnen Alkohol verboten ist, aber das gilt nur für eine bestimmte soziale Schicht. Geschlecht und Bildung spielen ebenfalls eine große Rolle dabei.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch mit Migrantenorganisationen zusammengearbeitet. Hatten die auch Angst, dass bestehende Vorurteile verstärkt werden?

Heinz: Wir hatten zum Glück eine Reihe von Kollegen mit Migrationshintergrund im Projekt, die schon aus Eigeninteresse sehr kritisch sind und dafür sorgen, dass uns keine vorschnellen Typisierungen unterlaufen.

ZEIT ONLINE: Wie sollten sich psychosoziale Einrichtungen auf Menschen mit Migrationshintergrund einstellen?

Heinz: Ein effektiver Weg ist es natürlich, Migranten einzustellen. Aber am wichtigsten wäre meines Erachtens, dass in psychosozialen Einrichtungen eine große Offenheit und Neugier auf den Patienten herrscht. Allein schematisches Wissen anzuhäufen, bringt nichts, man kann sowieso nicht alle Herkunftsländer kennen. Wir brauchen also praxisnahe Schulungen, in denen Mitarbeiter ermutigt werden, offen zu fragen und sich für andere Lebensweisen und Interpretationsmuster zu interessieren.