Integration"Ausgrenzung ist ein unglaublicher Stressfaktor"
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Missverständnisse zwischen Therapeut und Patient mit Migrationshintergrund

ZEIT ONLINE: Kommt es auch oft zu Missverständnissen zwischen Therapeut und Patient mit Migrationshintergrund?

Heinz: Ja, zum Beispiel erklärt die deutsche Schulmedizin Abhängigkeit am Beispiel der körperlichen Entzugssymptome, im Sinne von: Da kommt jemand nicht von einer schädlichen Substanz los. Diese Vorstellung lehnen viele türkische Jugendliche aber ab, weil sie glauben, dass eine starke Seele von nichts abhängig wird. Da können Therapeut und Patient schnell aneinander vorbei reden. Solche Zusammenhänge muss man kennen. Trotzdem ist es sehr wichtig, zu beachten, dass es "die Türken" nicht gibt, sondern Menschen mit ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen.

ZEIT ONLINE: Können Sie Beispiele nennen?

Andreas Heinz
Andreas Heinz

Prof. Andreas Heinz, Jahrgang 1960, ist Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut. Er leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, Campus Mitte.
Das Projekt "Seelische Gesundheit und Migration", an dem die Berliner Charité, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und das Universitätskrankenhaus der Marmara-Universität in Istanbul beteiligt sind, untersucht die seelische Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund und die interkulturelle Öffnung des psychosozialen Gesundheitssystems.

Heinz: Es gibt dieses Vorurteil: Die Türken gehen traditionell zu einem religiösen Heiler aus der eigenen Community, nicht zum Psychologen. Wir haben aber beobachtet, dass die meisten türkischen Migranten keineswegs an religiöse Vertreter denken, wenn sie einen Experten in psychischen Erkrankungen suchen. Auch dass Migranten einen Dolmetscher brauchen, um sich behandeln zu lassen, trifft nur auf die wenigsten zu. Es stimmt zwar manchmal, dass Muslime nicht über Alkoholprobleme reden wollen, weil ihnen Alkohol verboten ist, aber das gilt nur für eine bestimmte soziale Schicht. Geschlecht und Bildung spielen ebenfalls eine große Rolle dabei.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch mit Migrantenorganisationen zusammengearbeitet. Hatten die auch Angst, dass bestehende Vorurteile verstärkt werden?

Heinz: Wir hatten zum Glück eine Reihe von Kollegen mit Migrationshintergrund im Projekt, die schon aus Eigeninteresse sehr kritisch sind und dafür sorgen, dass uns keine vorschnellen Typisierungen unterlaufen.

ZEIT ONLINE: Wie sollten sich psychosoziale Einrichtungen auf Menschen mit Migrationshintergrund einstellen?

Heinz: Ein effektiver Weg ist es natürlich, Migranten einzustellen. Aber am wichtigsten wäre meines Erachtens, dass in psychosozialen Einrichtungen eine große Offenheit und Neugier auf den Patienten herrscht. Allein schematisches Wissen anzuhäufen, bringt nichts, man kann sowieso nicht alle Herkunftsländer kennen. Wir brauchen also praxisnahe Schulungen, in denen Mitarbeiter ermutigt werden, offen zu fragen und sich für andere Lebensweisen und Interpretationsmuster zu interessieren.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/kvk

  2. "Eine Doktorandin mit muslimischem Hintergrund erzählte mir, dass ihr Psychotherapeut versuchte, ihr den Islam auszureden. Da war die Therapie natürlich schnell vorbei."

    Das hat nichts mehr mit mangelndem Verständnis für Migranten zu tun, das war höchst unprofessionell vom Therapeuten.

    4 Leserempfehlungen
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    • Azenion
    • 12. November 2012 15:42 Uhr

    Der Kommentar auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/cv.

    vielleicht war der Psychologe bekennender Humanist/Atheist und wollte nur die "Rückständigkeit von Religionen" erläutern?

    Das ist doch hier im Forum der Zeit auch Gang und Gebe...

    Vielleicht hat die Therapeutin einfach im Verlauf festgstellt, dass die orthodoxe Ausrichtung des Islams die Ursache ihres Problemes ist.
    Das Ende bei einer Therapie ist meist offen. Meine Cousine ist Therapeutin und hat oft Fälle, in denen sie religiöse Umstände zur Ursache einer Fehlentwicklung klassifizieren muss.
    Warum wird die christliche Religion immer als Hemmnis dargestellt, bei Muslimen darf aber nicht mal erwähnt werden, dass der Grund ihrer Fehlentwicklung ihr Glaube (der sie davon abhält sich sexuell zu entfalten, auszuleben) sein könnte.

    So kann ein Therapeut auch nicht helfen. Wenn der Grund immer nur die deutsche Gesellschaft sein soll, nie aber die familiären Umstände oder der kulturelle Hintergrund, dann kann ein Therapeut der Ursache auch nicht beikommen.

    Gekürzt. Bitte

  3. in diesem interessanten und zu beglückwünschendem Gespräch war für mich der Satz:

    "Trotzdem ist es sehr wichtig, zu beachten, dass es "die Türken" nicht gibt, sondern Menschen mit ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen."

    Das trifft den Kern. Menschen wegen ihrer Abstammung in Schubladen zu packen ist falsch und ungerecht und der Start für rassistisches Gedankengut.

    9 Leserempfehlungen
    • fse69
    • 12. November 2012 15:11 Uhr

    "...Das ist so pauschal unsinnig und falsch. ..."

    ... einen Widerspruch oder gar eine Widerlegung? Die Aussage lautet "... FAST türkenfreie Zone".

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf ""Herr Heinz..."
  4. 7. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktive Beiträge und verzichten Sie auf Bemerkungen, die geeignet sind, andere zu diffamieren. Beziehen Sie sich auf das Artikelthema. Danke, die Redaktion/ds

    Eine Leserempfehlung
    • Azenion
    • 12. November 2012 15:42 Uhr
    8. [...]

    Der Kommentar auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/cv.

    Antwort auf "Autsch!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Derartige "Anregungen" sind absolut unprofessionell und verstoßen gegen das Berufsethos.

    1) Hat ein Psych.Therapeut der Weltanschauung seines Patienten ggü. neutral zu sein.
    2) Hat seine eigene Weltanschauung in der Therapie nichts verloren.
    3) Haben Tipps für möglichst angepasstes Verhalten in der Therapie absolut gar nichts zu suchen.

    Aus dem Präambel der ethischen Richtlinien des DGP und BDP: "Psychologen anerkennen das Recht des Individuums, in eigener Verantwortung und nach eigenen Überzeugungen zu leben. In ihrer beruflichen Tätigkeit bemühen sie sich um Sachlichkeit und Objektivität und sind wachsam gegenüber persönlichen, sozialen, institutionellen, wirtschaftlichen und politischen Einflüssen, die zu einem Missbrauch bzw. zu einer falschen Anwendung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten führen könnten."

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Diskriminierung | Gesundheit | Gesundheitssystem | Islam | Jugendliche | Krankenhaus
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