Integration"Ausgrenzung ist ein unglaublicher Stressfaktor"

Psychologen stellen sich bisher kaum auf die Belastungen von Migranten ein. Der Psychiater Andreas Heinz fordert im Interview mehr Neugier auf die Klienten. von Luisa Seeling

ZEIT ONLINE: Herr Heinz, ist die psychosoziale Versorgung in Deutschland eine fast türkenfreie Zone, wie es die Psychologin Elif Cindik einmal ausgedrückt hat?

Andreas Heinz: Ja, so könnte man es sagen. Die psychische Gesundheit von Migranten ist hierzulande kaum erforscht. In Berlin haben inzwischen etwa 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren einen Migrationshintergrund. Von lobenswerten Einzelinitiativen einmal abgesehen, interessiert sich das Gesundheitssystem aber nicht dafür, wie es diesen Menschen geht. Es gibt bisher auch keine repräsentativen Studien.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Sie haben sich im Rahmen des Projekts "Seelische Gesundheit und Migration" drei Jahre lang mit dem Thema befasst. Leiden Menschen mit Migrationshintergrund häufiger an psychischen Krankheiten?

Heinz: Migranten sind nicht kränker als Deutsche. Aber sie sind in vielerlei Hinsicht belasteter, unter anderem weil sie oft ausgegrenzt werden. Das ist – wie jede Ausschließung – ein unglaublicher Stressfaktor für Menschen. Darüber hinaus werden sie seltener behandelt. Auch weil die Migranten ambulante Angebote wesentlich seltener nutzen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Heinz: Nehmen wir die Suchtberatung: Wir wissen schon länger, dass Drogen- und Alkoholabhängigkeit unter Migranten ähnlich verbreitet ist wie in der deutschstämmigen Bevölkerung. In die Beratungsstellen kommen Einwanderer aber drei- bis viermal seltener. Teilweise hat das damit zu tun, dass sich Migranten, vor allem wenn sie illegale Drogen konsumieren, vor den rechtlichen Konsequenzen fürchten, die sie viel härter treffen als Deutsche. Sie könnten beispielsweise ihren Aufenthaltsstatus verlieren.

ZEIT ONLINE: Woran liegt es noch, dass Migranten die Angebote weniger nutzen?

Heinz: Eine Doktorandin mit muslimischem Hintergrund erzählte mir, dass ihr Psychotherapeut versuchte, ihr den Islam auszureden. Da war die Therapie natürlich schnell vorbei. Die Menschen wollen zu einem Psychotherapeuten gehen, der sie und ihre Lebensrealität versteht. In Städten, in denen etwa 30 Prozent der Bevölkerung Migranten sind, wird deshalb darüber diskutiert, ob muttersprachliche Angebote ein Zulassungskriterium für Psychotherapeuten sein sollten. Bisher wird das leider von vielen Berufsverbänden vehement abgelehnt. Wichtiger als die Sprache wäre jedoch, dass mehr Mitarbeiter in ambulanten Diensten und mehr Psychotherapeuten selbst Migrationserfahrung haben. Das kann man aber nicht zum Einstellungs- beziehungsweise Zulassungskriterium machen, denn das wäre positive ethnische Diskriminierung.

ZEIT ONLINE: An dem Projekt waren auch Istanbuler Krankenhäuser beteiligt. Warum?

Heinz: Weil wir aufpassen mussten, nicht in allzu holzschnittartige Vereinfachungen zu verfallen. Zum Beispiel heißt es oft, Migranten seien nicht genügend über das Gesundheitssystem im Ankunftsland informiert. Aber durch den Vergleich mit den türkischen Krankenhäusern konnten wir sehen, dass dabei der Wechsel vom Land in die Stadt eine viel größere Rolle spielt als von einem Land in ein anderes. Andere Probleme ergaben sich jedoch schon daraus, dass die Menschen in ein Land kommen, das auf Migranten nicht genügend eingestellt ist. Manchmal werden zum Beispiel Informationsmaterialien über Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten nicht darauf geprüft, ob sie für Menschen aus einer anderen Kultur überhaupt verständlich sind.

Leserkommentare
  1. Derartige "Anregungen" sind absolut unprofessionell und verstoßen gegen das Berufsethos.

    1) Hat ein Psych.Therapeut der Weltanschauung seines Patienten ggü. neutral zu sein.
    2) Hat seine eigene Weltanschauung in der Therapie nichts verloren.
    3) Haben Tipps für möglichst angepasstes Verhalten in der Therapie absolut gar nichts zu suchen.

    Aus dem Präambel der ethischen Richtlinien des DGP und BDP: "Psychologen anerkennen das Recht des Individuums, in eigener Verantwortung und nach eigenen Überzeugungen zu leben. In ihrer beruflichen Tätigkeit bemühen sie sich um Sachlichkeit und Objektivität und sind wachsam gegenüber persönlichen, sozialen, institutionellen, wirtschaftlichen und politischen Einflüssen, die zu einem Missbrauch bzw. zu einer falschen Anwendung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten führen könnten."

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ohne selber ein Psychologie Studium abgeschlossen zu haben kann ich mir dennoch vorstellen dass in einer Gesellschaft zu leben die in grundsätzlichen Wiederspruch zu meinen tradierten Werte-System steht, einen gewissen Stress auslösen kann. Ein Kommunist wird sich an der Wall Street nicht besonders wohlfühlen so wie ein NS Anhänger in Israel kaum glücklick werden sollte. In diesem Rahmen dürfte das vorgehen des Psychologen zu verstehen sein.
    Die Weltanschaung kann meines erachtens durchaus zu einer psychischen Belastung werden.

  2. Sicherlich ein handwerklicher Fehler des Psychologen, der Patientin ihre Religion ausreden zu wollen, da wäre mehr Taktgefühl angebracht gewesen.
    Gleichzeitig darf man jedoch nicht vergessen, dass eine andere Religion oftmals ein ganz anderes Weltverständnis bedeutet, so dass es leicht passieren kann, dass man aneinander vorbeiredet, weil das Wertesystem aufgrund dessen man argumentiert Unterschiede aufweist.
    Psychologen, die nur in der Muttersprache der Migranten arbeiten, sind abzulehnen. Das würde der Förderung von Parallelgesellschaften nur Antrieb verleihen.

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sondern Ethik bzw. Berufsethos. Das sind keine Mindestanforderungen, die ein Psychologe gerade mal so zu erfüllen hat. Er hat in höchstem Maße ethisch und seinem Klienten ggü. verantwortlich zu handeln.

    Eine Psychotherapie ist keine Plauderrunde. Der Therapeut führt seinen Klienten mittels diversen Gesprächstechniken (die auch Rückfragen/weiterführende Fragen einschließen), wobei er ggü. der Weltanschauung seines Klienten eine neutrale, nicht wertende Position einnimmt und von seiner eigenen Weltanschauung abstrahiert.

    Hieraus ergibt sich das notwendige Verständnis eigentlich automatisch. Wenn nicht, liegt es in der Verpflichtung des Therapeuten, sich adäquate weiterführende Informationen bei Fachkollegen oder aus der Fachliteratur zu besorgen. Auch das schreibt der Berufsethos vor. Der Psychologe schließlich Wissenschaftler mit wissenschaftlichen Arbeitsweisen, kein esoterisches Medium.

    Das Wohl, die Würde und die Integrität des Klienten stehen an erster Stelle, die vorherrschenden sozio-politischen Interessen der Gesellschaft/der Politik sind in der Therapie irrelevant.

    • fse69
    • 12. November 2012 17:48 Uhr

    "...Psychologen, die nur in der Muttersprache der Migranten arbeiten, sind abzulehnen. Das würde der Förderung von Parallelgesellschaften nur Antrieb verleihen...."

    Bildung oder Förderung von Parallelgesellschaften verhindern zu wollen, ist kein Naturgesetz oder Selbstzweck sondern eine Frage des politischen Standpunktes, Willens und der Opportunität. Aspekte der medizinischen Gesundheitsversorgung von Menschen von einem solchen rein politischen Standpunkt abhängig machen zu wollen, halte ich (gelinde gesagt) für recht grenzwertig und fragwürdig. Es kann nicht angehen, dass bspw. ein depressiver Mensch wegen seines Krankheitsbildes nur deswegen nicht behandelt werden kann, weil man politisch-ideologische Einwände integrationspolitischer Natur geltend macht. Zumal Sie verkennen, dass Migranten durchaus so passabel Deutsch sprechen können, dass sie zwar integrationspolitischen Erfordernissen genügen, aber ein Therapieerfolg ganz andere sprachliche Kompetenzen erfordert, die wohl am ehesten in einer muttersprachlichen Kommunikation gewährleistet werden können.

  3. Heinz: Ja, zum Beispiel erklärt die deutsche Schulmedizin Abhängigkeit am Beispiel der körperlichen Entzugssymptome, im Sinne von: Da kommt jemand nicht von einer schädlichen Substanz los. Diese Vorstellung lehnen viele türkische Jugendliche aber ab, weil sie glauben, dass eine starke Seele von nichts abhängig wird.

    Was ist denn die deutsche Schulmedizin! Es gibt entweder Schulmedizin oder Verfahren wie Naturheilkunde, Homöopathie oder Schamanismus!
    Aber die Schulmedizin gilt doch für Türken genau wie für Deutsche oder Peruaner! Was ist denn das für ein Argument! Oder dürfen Migranten nicht mehr geröngt werden oder gar reanimiert werden, weil das ihren Vorstellungen nicht entspricht...

    Diese Welt wird immer skurriler!

    8 Leserempfehlungen
  4. 13. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke. Die Redaktion/cv

    • Xdenker
    • 12. November 2012 17:06 Uhr

    Sie findet oft wechselseitig statt.

    In der medialen Perspektive scheint allerdings die von den Migranten erlittene Ausgrenzung die von ihnen ausgehende zu überwiegen. Es gibt in unserem Land auch Menschen, die sich dort, wo sie geboren und aufgewachsen sind und leben, offenbar nicht mehr zuhause fühlen und sich als ausgegrenzt empfinden.

    Die eine Seite ist nicht losgelöst von der anderen zu betrachten. Daher: Wer Ausgrenzung überwinden will, muss beide Seiten in den Blick nehmen.

    16 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber "wechselseitig" trifft die Sache nur scheinbar gut!

    Überlegen Sie einmal, wie viele verschiedene Einwanderer wir hier haben, aus welch unterschiedlichen Kulturkreisen die kommen, welch unterschiedlichen Religionen sie angehören und wie viele Sprachen sie sprechen! Wir "Biodeutschen" können es dem Kongolesen, dem Japaner, dem Niederländer, dem Russen, dem Kirgisen, dem Araber, dem Inuit, und was weiß ich wem doch gar nicht rechtmachen und auf deren Bedürfnisse einlassen. Das ist doch völlig unmöglich! Die andere Seite muss sich jeweils nur auf eine Seite einlassen, das ist viel einfacher! Auch für den Umgang der verschiedenen Migranten untereinander!

  5. aber "wechselseitig" trifft die Sache nur scheinbar gut!

    Überlegen Sie einmal, wie viele verschiedene Einwanderer wir hier haben, aus welch unterschiedlichen Kulturkreisen die kommen, welch unterschiedlichen Religionen sie angehören und wie viele Sprachen sie sprechen! Wir "Biodeutschen" können es dem Kongolesen, dem Japaner, dem Niederländer, dem Russen, dem Kirgisen, dem Araber, dem Inuit, und was weiß ich wem doch gar nicht rechtmachen und auf deren Bedürfnisse einlassen. Das ist doch völlig unmöglich! Die andere Seite muss sich jeweils nur auf eine Seite einlassen, das ist viel einfacher! Auch für den Umgang der verschiedenen Migranten untereinander!

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es reicht doch aus, mit anderen Menschen herzlich, offen und ohne Vorurteile umzugehen. Vielleicht gepaart mit ein bisschen Neugierde. Mehr braucht es doch gar nicht. Mag sein, dass man hin und wieder dabei in ein "kulturbedingtes" Fettnäpfchen tritt, aber so what? Darüber sprechen, lachen und gut sein lassen...

    Selbstverständlich ist eine solche Einstellung für beide Seiten wünschenswert, keine Frage.

  6. zur Wandlung voraus. Das Einwandern in unsere Gesellschaft ist von der politischen Organisation des Landes stümperhaft erfolgt und zwar ohne Beispiel in der deutschen Geschichte. Jetzt wird endlich mal gesagt, daß auch die Menschen, die zu uns gekommen sind, an den Folgen dieser Politik leiden.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte machen Sie sich einmal die Rahmenbedingungen der Einwanderung bewußt. Neben einer großen Menge an deutschen Flüchtlingen seit Ende des Krieges, die die Bundesrepublik aufgenommen hat, kam es zum Abschluss sog. Anwerbeabkommen. Die Italiener und andere Nationen kamen und blieben größtenteils so lange wie ausgemacht. Die, die geblieben sind, sind mehr oder weniger gut integriert und fallen dadurch schon gar nicht mehr auf. Das Anwerbeabkommen mit der Türkei z.B. wurde auf Drängen der Türkei und auf Druck der USA überhaupt erst ausgehandelt. Die Türken blieben einfach und holten noch ihre Familien, was überhaupt nicht Teil des Abkommen war! Das das einen Staat überfordert, dürfte klar sein.

    Noch ein kleines Integrationsschmankerl aus der Familie meiner türkischen Freundin: Die Mutter ist seit über 26 Jahren in Deutschland und spricht fast gar kein Deutsch. Meine Freundin, ihr Bruder und ihr Vater sprechen beide sehr gut. Auf meine Frage, warum sie denn mit ihrer Mutter denn kein Deutsch spreche (was viel einfacher als Sprachunterricht wäre), sagte meine Freundin bloß sinngemäß, nein, das käme nicht in Frage, sie spreche selbstverständlich nur Türkisch mit der Mutter.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Diskriminierung | Gesundheit | Gesundheitssystem | Islam | Jugendliche | Krankenhaus
Service