Kaum ein Verbandstreffen der Burschenschaften ist in den vergangenen Jahren ohne Aufruhr zu Ende gegangen: 2011 erzürnte eine Art Arier-Nachweis für Neumitglieder die liberalen Kräfte innerhalb der Deutschen Burschenschaft. Das Folgetreffen im Juni 2012 musste abgebrochen werden: Entnervt verließen die liberalen Verbände die Aßmann-Halle Eisenach , weil die Abwahl des umstrittenen Chefredakteurs der Verbandszeitschrift Burschenschaftliche Blätter , Norbert Weidner, knapp scheiterte. Ein Sonder-Burschentag wurde für den November vereinbart.

Auf dem Treffen an diesem Wochenende in Stuttgart könnte sich entscheiden , ob der fragmentierte Dachverband von etwa 100 Burschenschaften überhaupt überlebensfähig ist. Unversöhnlich stehen sich Ultrakonservative und Liberale gegenüber: Die einen sehen "Provokation als ihre Aufgabe" an und fühlen sich als Opfer einer "rot-grünen Meinungsführerschaft in den Leitmedien". Die liberalen Kräfte dagegen verlangen eine Generalreform und wollen die Burschenschaften von Mitgliedsverbänden reinigen, die als rechtsextremistisch und verfassungsfeindlich auffielen.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht erneut Chefredakteur Weidner, verantwortlich für die Burschenschaftlichen Blätter mit einer Druckauflage von 10.500 Exemplaren und Mitglied der Bonner Raczeks . Seine Kritiker werfen ihm vor, dass er in einem verbandsinternen Mitteilungsblatt den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer mit der Formulierung "zweifelsfrei ein Landesverräter" beschrieben hatte und dessen Todesurteil als "juristisch gerechtfertigt" darstellte. In Bonn läuft deshalb ein Gerichtsverfahren, es geht um ein Strafgeld in vierstelliger Höhe.

"Ansatzpunkt für verfassungsfeindliche Bestrebungen"

Das Stuttgarter Sondertreffen ist zudem durch einen Revolutionsaufruf des Historikers Michael Friedrich Vogt belastet, den Weidner in den Burschenschaftlichen Blättern abdruckte. Auf vier Seiten verlangt Vogt dort unter anderem die Kündigung sämtlicher europäischer Verträge und den Austritt Deutschlands aus der Nato. Weiter räsoniert Vogt über die "Abschaffung des Parteienstaates", zugunsten einer "wirklichen Volksherrschaft" und flankiert dies mit der umstürzlerischen Behauptung, dass Burschenschafter heute "im Widerstand gegen ein Unrechtssystem und die Parteiendiktatur" stünden. Es sei "zunehmend normal, daß ein Burschenschafter als freiheitsliebender Mensch mit den Unterdrückungsorganen in Konflikt gerät" (alte Rechtschreibung im Original). Wer sich davon beeindrucken lasse, "hat übersehen, daß wir in einer vorrevolutionären Zeit leben". Vogts Fazit: "An der tatsächlichen Neuordnung Deutschlands zu arbeiten, wäre vornehmste Pflicht der Deutschen Burschenschaft."

Derart rüttelt nicht einmal die NPD an der verfassungsmäßigen Grundordnung, die sich auf Parteien stützt. Von der Linken-Abgeordneten Ulla Jelpke alarmiert, prüfte die Bundesregierung Vogts Einlassungen und stellte fest, sie könnten "einen Ansatzpunkt für verfassungsfeindliche Bestrebungen" darstellen. In Stuttgart werden nun an diesem Wochenende zwei Burschenschaften Weidners sofortige Amtsenthebung fordern, weil der abgedruckte Aufsatz geeignet sei, die Burschenschaften weiter in den Schmutz zu ziehen und ihr "den Ruch eines außerhalb der demokratischen Gesellschaft stehenden, rechtsextremen Sektiererverbandes" zu verleihen.

Weidner selbst verteidigt Vogts Artikel gegenüber ZEIT ONLINE als Meinungsbeitrag, der lange vor dem Abdruck verbandsintern "ausführlich, mitunter auch kritisch, aber genauso auch zustimmend" diskutiert worden sei.