Streit - Interreligiöse Konflikte austragen - nur wie? Ein Besuch im Haus der Religionen in Bern. Zwei Muslima, ein Christ und ein Zen-Buddhist sprechen über die Streitkultur in ihrer Religion.

Bleigrauer Beton ziert den Europaplatz in Bern . Rechts wummern Lastwagen über eine Autobahnbrücke, links bröselt eine Industrieruine. Dazwischen breitet sich eine staubige Baugrube aus. Über ihr sollen schon bald die letzten Wahrheiten von einigen Milliarden Menschen verhandelt werden.

Denn inmitten dieser städtebaulichen Wüste wächst eine große Idee heran: Das Haus der Religionen . Ein Zentrum der Anbetung und Begegnung soll es werden, mit sakralen Räumen für Aleviten, Buddhisten, Baha'i, Juden und Sikh, mit einer Moschee, einem Hindu-Tempel und einer Kirche. Dazu Küchen, Tagungsräume, ein gemeinsames Forum.

Zehn Jahre ist die Idee alt, in der Hauptstadt der Schweiz einen Ort des Dialogs der Religionen und Kulturen zu schaffen, der nach neuen Regeln funktioniert. Nicht: Wohlmeinende Schweizer kümmern sich freundlich um arme Einwanderer. Sondern: Alle verschiedenen Gruppen reden gleichwertig miteinander. So wie bei einem Fußballturnier: Acht Mannschaften, jeweils sieben Spiele, also mindestens 49 Varianten des Gesprächs. Immer mit dem Ziel, den jeweiligen Glauben und die kulturellen Eigenarten des anderen kennen- und akzeptieren zu lernen, und so das friedliche Zusammenleben dieser unterschiedlichen Menschen zu fördern.

Kann es einen besseren Ort geben, um eine Antwort auf die Frage zu finden, warum religiöse Menschen so ungern miteinander streiten?

Streit gehört zur Religion

Eigentlich müsste das genaue Gegenteil der Fall sein. Viele Religionen sind überhaupt erst aus Streit entstanden: Das Judentum erwuchs aus unzähligen Auseinandersetzungen des Volkes Israel mit seinen Nachbarn, mit sich selbst und mit Gott; die jüdische Theologie ist bis heute ein nie endender Disput. Auch in der christlichen Lehre von der Trinität Gottes, also der Idee, es gebe das Göttliche als Gott, Mensch und Geist, ist der Diskurs angelegt; nicht von ungefähr haben sich daran diverse Kirchenstreite und Spaltungen entzündet. Der Islam kennt den Dschihad, in dem der Prophet seine Lehre einst gegen seine Gegner verteidigen musste, und der heute nicht nur als Glaubenskrieg verstanden werden kann, sondern ebenso als spiritueller Streit mit der menschlichen Unvollkommenheit für die Sache Gottes. Buddhismus und Hinduismus pflegen ebenfalls Jahrhunderte alte Debattenkulturen.

Religiöse Menschen müssten Streit also lieben. Doch tatsächlich trifft man in ihren Kreisen oft auf eine merkwürdige Scheu, Konflikte auszutragen. Woran liegt das?

Die Frage geht zuerst an David Leutwyler. Er ist Bildungsreferent des Hauses der Religionen und lädt in ein leicht marodes Holzhaus oberhalb der Altstadt von Bern . Bis der Bau am Europaplatz fertiggestellt ist, hat die Stadt dem Trägerverein des Projekts diesen provisorischen Zwischensitz zur Verfügung gestellt. Einen Seminarraum gibt es hier, Büros, eine Küche und einen Speisesaal. Außerdem haben Hindus hier übergangsweise einen Tempel eingerichtet. So erproben die verschiedenen Religionsgemeinschaften schon einmal im Kleinen, was in Zukunft im neuen Zentrum stattfinden soll. 

Also, Herr Leutwyler, wer so viel vorhat, muss doch automatisch in Konflikte geraten. Wie setzen sich die Gläubigen im Haus der Religionen auseinander? "Die Leute denken, dass wir uns Abende lang darüber streiten, welche letzte Wahrheit die richtige ist. Aber eigentlich geht es hier eher um das alltägliche Zusammenleben."

Die Sache mit der Bratpfanne

Dann erzählt Leutwyler eine Geschichte, die illustriert, welche Konflikte im Haus der Religionen entstehen: Wie die Hindus schockiert vor der einzigen großen Pfanne der gemeinsamen Küche standen. Die quoll über von Hähnchenschenkeln, gebraten für ein muslimisches Fest. Unmöglich für strenggläubige und vegetarisch lebende Hindus, sie jemals wieder zu benutzen. Doch lautstarke Wortgefechte, die man hätte erwarten können, fielen aus. Wer miteinander leben will, muss Kompromisse machen, sagt Leutwyler. In diesem Fall heißt das, später zwei Küchen zu bauen. Und bis dahin: "Ein Auge zudrücken." Die Pfanne ist weiterhin in Gebrauch.

Wie sympathisch, und wie banal. Wo bleibt der Disput, die Auseinandersetzung um das richtige Verständnis des Göttlichen? Ist die Welt der Religionen nicht voll gewaltiger, sogar gewalttätiger Konflikte, von Kreuzzüglern gemetzelter Muslime, von Islamisten ermordeter Christen, verfolgter Baha'i im Iran , unterdrückter Aleviten in der Türkei , von Hindus niedergebrannter Moscheen in Indien ? Und wir sprechen über Bratpfannen?  

Kampf ist kein Streit

Aber das alles sei ja gar kein Streit, sagt Leutwyler. Bloß Kampf, in dem es nicht einmal um Religion gehe, sondern um Macht. Oft wollten gerade diejenigen, die sich ihrer eigenen religiösen Identität nicht sicher seien, anderen aufzwingen, wie sie zu sein haben. Und Fundamentalisten, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnten, wollten ohnehin alles alleine bestimmen. Zu streiten heiße dagegen, miteinander darum zu ringen, wie man gut zusammen leben kann .

Also Bratpfannen. Oder Trommeln. Die wummern manchmal so laut aus dem Hindu-Tempel, dass den fastenbrechenden Muslimen im Nebenraum die Köpfe dröhnen. Anschreien hilft da nichts. Besser ist es, zu fragen: Ob es so laut sein muss? Was sie da überhaupt machen? Was das alles bedeutet – die fremden Symbole und Rituale.

Tharmalingam Saskumar führt durch den Hindu-Tempel. Er ist Tamile, Mitarbeiter im Haus der Religionen und zugleich Priester. Ein sehr moderner. Das Kastensystem haben sie in ihrer Berner Gemeinde längst abgeschafft, nächstes Jahr wollen sie zwei Frauen zu Priesterinnen weihen.

Ist das schon Aberglaube?

Qualm steht unter der niedrigen Decke. Auf hohen Altären thronen silberne Statuetten. Vor einer sitzen zwei halbbekleidete Männer. Ihr Singsang erfüllt den Raum, in gleichmäßigem Rhythmus werfen sie Körner in eine auflodernde Feuerschale.

Sechs Altäre für die sechs Hauptrichtungen des Hinduismus sind es, sechs Götter von 33.000, die doch alle keine Götter sind, sondern unterschiedliche Ausprägungen des einen Höchsten. Routiniert entwickelt Saskumar die Grundlagen seiner Religion, wissend um die Unmöglichkeit, einen Glauben in dreißig Minuten zu erklären. Spätestens der Anblick einer silbernen Statue mit Elefantenkopf lässt im säkular geprägten Mitteleuropäer leisen Zweifel keimen: Was ist das, noch Religion oder schon Aberglaube?

Solche Zweifel kennt auch Nuran Serifi. Die junge Muslima sitzt auf den Stufen einer tausend Jahre alten Kirche in Amsoldingen im Berner Oberland. Sie ist mit einem Kurs der Berner Fachhochschule und des Hauses der Religionen hierher gekommen, den Leutwyler leitet. Der Kurs soll Menschen unterschiedlichen Glaubens zu Vermittlern in interreligiösen Konflikten ausbilden. Beispielsweise wenn fromme Muslime ihre Mädchen nicht in den verpflichtenden Schwimmunterricht schicken wollen. Oder wenn ein Chef die Fastenregeln seines Mitarbeiters nicht akzeptieren will. Wer da vermitteln möchte, muss die verschiedenen Religionen gut kennen, um zu verstehen, was hinter vermeintlich nichtigen Sorgen steht. Am Beispiel der romanischen Basilika sollen die Kursteilnehmer lernen, was das Christentum ausmacht.

"Mein Weg ist der beste"

Serifi kennt das Christentum gut. Sie stammt aus dem Kosovo und ist in der Schweiz aufgewachsen. Lange war ihr Religion nicht so wichtig. Doch seit sie geheiratet und Kinder geboren hat, trägt sie Kopftuch. "Ich bin Muslima und denke natürlich, dass mein Weg der beste ist. Es wäre ja auch komisch, wenn nicht." Trotzdem ist sie Mitglied im Integrationsrat einer evangelisch-reformierten Gemeinde.

Wie aber steht sie zum Elefanten-Gott? "Ich habe echt Mühe mit Menschen, die an mehrere Götter glauben", sagt Serifi. "Sei es der Hinduismus oder der Buddhismus. Das ist für mich verrückt, wie sie das leben. Das ist wirklich das pure Gegenteil zum Islam oder zum Christentum." Mit einem Mal sind sich zwei Religionen nahe, die sich angeblich so sehr widersprechen, dass man in der Schweiz sogar glaubte, Minarette verbieten zu müssen, und in Deutschland Kopftücher .

Doch dann steht da dieser Taufstein, jahrhundertealte Steinmetzkunst, und mittendrauf ein Lamm. Es ist das zentrale Symbol für den Opfertod von Jesus und der Kern des christlichen Glaubens. Nur wo ist da der Unterschied zum Elefanten? Beides sind Symbole, mit deren Hilfe sich die Gläubigen eine Facette des Göttlichen vorstellen. Hindu-Priester Saskumar wird später sagen: "Auch die Muslime sagen, sie brauchen kein Symbol. Aber warum beten sie dann Richtung Mekka?"

Im Schlafzimmer

Über so eine Frage lässt sich nicht konstruktiv streiten. Deshalb stellt sie Saskumar Serifi auch nicht. Denn es ist sinnlos, einzelne Ausprägungen der Religionen gegeneinander aufzurechnen. Das wissen alle Kursteilnehmer.

Auch Marco Röss. Er ist ganz in der Nähe von Amsoldingen aufgewachsen, streng katholisch. Zu streng. Dann verschlug ihn das Leben nach Japan . Eigentlich hatte er nur eine Sportbogen-Gruppe gesucht. Im buddhistischen Kloster nebenan durfte er aber nur mittrainieren, wenn er auch an der Meditation teilnahm. Heute ist er Zen-Buddhist.

Dass sie sich im Kurs nicht in dieser Art angreifen, erklärt er so: "Wenn man jemandem sagt: 'Was Du glaubst, das gibt’s ja gar nicht', dann stellt man dessen Lebenskonzept und sein ganzes bisheriges Leben infrage. Es ist ein Angriff auf die Fundamente seiner Persönlichkeit. Deshalb ist es gut, wenn man vorsichtig damit umgeht." Der reformierte Pastor, der den Kurs durch die Kirche in Amsoldingen führte, hatte den richtigen Vergleich: Sich einer anderen Religion zu nähern sei, als betrete man ein fremdes Schlafzimmer. Da setze man seine Schritte auch sanft und es müsse viel Vertrauen wachsen, bevor man es wage, die Stimme zu erheben.

Die Gesellschaft will Antworten

Leise sein ermöglicht aber noch kein friedliches Zusammenleben, das ist Leutwyler bewusst. Nur im kritischen Dialog wachse das Verständnis füreinander. Deshalb dürfe der Kurs nicht beim Beobachten stehen bleiben: "Am Ende ist unser Ziel schon, klar auszusprechen, was wir für kritikwürdig halten – auf die Gefahr hin, dass es zu Konflikten kommt."

Im Haus der Religionen werden sie nicht umhin kommen, Streit zu führen. Das fordert ihnen schon die säkulare Gesellschaft ab, die sie umgibt. Denn wer seine Kultur und Religion in einem großen Haus sichtbar leben will, dem werden auch Stellungnahmen zu Themen abverlangt, die die ganze Gesellschaft beschäftigen. Viele davon berühren das religiöse Grundverständnis: Wie geht man mit homosexuellen Beziehungen um? Kann man Sterbehilfe akzeptieren, wenn man an die ewige Wiedergeburt glaubt, die bewusste Auflösung des Geistes anstrebt oder die Auferstehung erwartet? Ist die Beschneidung religiöse Pflicht oder kulturelle Tradition?

Noch tragen sie im Haus der Religionen den Streit über solche Fragen nicht offen aus. "In einer Welt, in der Religion oft als Privatsache verstanden wird, müssen wir alle erst lernen, zu unseren kulturellen und religiösen Werten zu stehen und Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Denkweisen", sagt Leutwyler. Das fasst gut zusammen, wie es vielerorts um den Streit der Religionen steht.