Dann erzählt Leutwyler eine Geschichte, die illustriert, welche Konflikte im Haus der Religionen entstehen: Wie die Hindus schockiert vor der einzigen großen Pfanne der gemeinsamen Küche standen. Die quoll über von Hähnchenschenkeln, gebraten für ein muslimisches Fest. Unmöglich für strenggläubige und vegetarisch lebende Hindus, sie jemals wieder zu benutzen. Doch lautstarke Wortgefechte, die man hätte erwarten können, fielen aus. Wer miteinander leben will, muss Kompromisse machen, sagt Leutwyler. In diesem Fall heißt das, später zwei Küchen zu bauen. Und bis dahin: "Ein Auge zudrücken." Die Pfanne ist weiterhin in Gebrauch.

Wie sympathisch, und wie banal. Wo bleibt der Disput, die Auseinandersetzung um das richtige Verständnis des Göttlichen? Ist die Welt der Religionen nicht voll gewaltiger, sogar gewalttätiger Konflikte, von Kreuzzüglern gemetzelter Muslime, von Islamisten ermordeter Christen, verfolgter Baha'i im Iran , unterdrückter Aleviten in der Türkei , von Hindus niedergebrannter Moscheen in Indien ? Und wir sprechen über Bratpfannen?  

Kampf ist kein Streit

Aber das alles sei ja gar kein Streit, sagt Leutwyler. Bloß Kampf, in dem es nicht einmal um Religion gehe, sondern um Macht. Oft wollten gerade diejenigen, die sich ihrer eigenen religiösen Identität nicht sicher seien, anderen aufzwingen, wie sie zu sein haben. Und Fundamentalisten, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnten, wollten ohnehin alles alleine bestimmen. Zu streiten heiße dagegen, miteinander darum zu ringen, wie man gut zusammen leben kann .

Also Bratpfannen. Oder Trommeln. Die wummern manchmal so laut aus dem Hindu-Tempel, dass den fastenbrechenden Muslimen im Nebenraum die Köpfe dröhnen. Anschreien hilft da nichts. Besser ist es, zu fragen: Ob es so laut sein muss? Was sie da überhaupt machen? Was das alles bedeutet – die fremden Symbole und Rituale.

Tharmalingam Saskumar führt durch den Hindu-Tempel. Er ist Tamile, Mitarbeiter im Haus der Religionen und zugleich Priester. Ein sehr moderner. Das Kastensystem haben sie in ihrer Berner Gemeinde längst abgeschafft, nächstes Jahr wollen sie zwei Frauen zu Priesterinnen weihen.

Ist das schon Aberglaube?

Qualm steht unter der niedrigen Decke. Auf hohen Altären thronen silberne Statuetten. Vor einer sitzen zwei halbbekleidete Männer. Ihr Singsang erfüllt den Raum, in gleichmäßigem Rhythmus werfen sie Körner in eine auflodernde Feuerschale.

Sechs Altäre für die sechs Hauptrichtungen des Hinduismus sind es, sechs Götter von 33.000, die doch alle keine Götter sind, sondern unterschiedliche Ausprägungen des einen Höchsten. Routiniert entwickelt Saskumar die Grundlagen seiner Religion, wissend um die Unmöglichkeit, einen Glauben in dreißig Minuten zu erklären. Spätestens der Anblick einer silbernen Statue mit Elefantenkopf lässt im säkular geprägten Mitteleuropäer leisen Zweifel keimen: Was ist das, noch Religion oder schon Aberglaube?

Solche Zweifel kennt auch Nuran Serifi. Die junge Muslima sitzt auf den Stufen einer tausend Jahre alten Kirche in Amsoldingen im Berner Oberland. Sie ist mit einem Kurs der Berner Fachhochschule und des Hauses der Religionen hierher gekommen, den Leutwyler leitet. Der Kurs soll Menschen unterschiedlichen Glaubens zu Vermittlern in interreligiösen Konflikten ausbilden. Beispielsweise wenn fromme Muslime ihre Mädchen nicht in den verpflichtenden Schwimmunterricht schicken wollen. Oder wenn ein Chef die Fastenregeln seines Mitarbeiters nicht akzeptieren will. Wer da vermitteln möchte, muss die verschiedenen Religionen gut kennen, um zu verstehen, was hinter vermeintlich nichtigen Sorgen steht. Am Beispiel der romanischen Basilika sollen die Kursteilnehmer lernen, was das Christentum ausmacht.