"Unakzeptabel schludriger Journalismus", gab der Vorsitzende des BBC-Aufsichtsrats, Lord Patten , zu, der nun nicht nur im Schnellverfahren nach einem neuen Generaldirektor suchen, sondern Reformen der Organisation beschleunigen muss. Inzwischen ist auch Chris Patten selbst in die Kritik geraten. Der konservative Parlamentsabgeordnete Philip Davies forderte des Rundfunkrats-Chefs. Er sei unhaltbar geworden. Davies übte Kritik an Plänen, dem zurückgetretenen Entwistle eine Abfindung von 450 000 Pfund (563 000 Euro) zu zahlen.

Vor zwei Monaten kam die BBC unter Beschuss, weil sie ein "Newsnight"-Exposé des pädophilen Moderators Jimmy Savile auf Eis legte. Ob die BBC lieber ihr Renommee schützen als seinen unrühmlichen Umgang mit jungen Mädchen aufdecken wollte, ist Gegenstand einer Untersuchung. Nun steht die BBC in der schwersten journalistischen Krise ihrer Geschichte.

Zum heikleren Zeitpunkt hätte die Krise nicht kommen können. In den nächsten Wochen wird die Kommission von Richter Leveson ihren Bericht über neue Regulierung der Zeitungen vorlegen. Eine nervöse Presse, vor allem die von Rupert Murdoch kontrollierte, neidet der BBC ihre unabhängige Selbstverwaltung. Lord Patten selbst räumte gestern in einem BBC-Interview ein, "Regulierung von außen" könne in Zukunft nicht mehr ausgeschlossen werden. "Braucht die BBC eine radikale Umstrukturierung? Ja, ganz sicher", so Patten.

Die Tragödie sei, dass sich Entwistle gerade darangemacht habe, die zu zentralisierten BBC-Managementstrukturen und -Entscheidungsprozesse wieder zu entzerren. Als amtierender Generaldirektor wurde provisorisch der künftige Chef des BBC-Kommerzarms BBC Worldwide, Tim Davie, benannt – ein Mann aus dem Marketing, ohne journalistische Erfahrung.

Erschienen im Tagesspiegel