MauerfallPolitiker klagen über zu wenige Ostdeutsche in Eliten

Auch 23 Jahre nach dem Mauerfall sind Ostdeutsche unterdurchschnittlich in Politik, Wirtschaft und Militär vertreten. Katja Kipping fordert einen Ostdeutschland-Gipfel. von dapd

Die Vorsitzende der Linken Katja Kipping

Die Vorsitzende der Linken Katja Kipping  |  © Johannes Eisele/AFP/GettyImages

Führende ostdeutsche Politiker haben anlässlich des 23. Jahrestages des Mauerfalls das Fehlen Ostdeutscher in den gesamtdeutschen Eliten beklagt. "Ostdeutsche Repräsentanten sind in den gesamtdeutschen gesellschaftlichen Netzwerken, aber auch in den Führungspositionen der Wirtschaftsunternehmen nur unzureichend vertreten", sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff ( CDU ) der Mitteldeutschen Zeitung .

Der aus Erfurt stammende SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider sagte: "Insbesondere da, wo man starke Netzwerke braucht, sind die Eliten nicht durchlässig. Das ist insbesondere in der Wirtschaft so. In der Topführungsriege von Unternehmen treffe ich ganz, ganz selten Ostdeutsche. In der Justiz ist es ähnlich. Die Politik ist durchlässiger – aber vor allem im Osten selbst."

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Linkspartei-Chefin Katja Kipping nennt es "schade, dass der Erfahrungsvorsprung, den viele Ostdeutsche bei der Bewältigung von gesellschaftlichen und ökonomischen Umbrüchen haben, nicht genutzt wird". Sie forderte einen "Ostdeutschland-Gipfel", auf dem Politik, Verbände und Wissenschaft beraten, wie ostdeutsche Erfahrungen für den Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft genutzt werden könnten.

Der Jenaer Soziologe Raj Kollmorgen kommt nach Angaben des Blattes zu dem Ergebnis, dass Ostdeutsche trotz eines Bevölkerungsanteils von etwa 17 Prozent nur ungefähr fünf bis neun Prozent der Elitepositionen besetzen .

Nur zwei Ostdeutsche in Dax-Unternehmen

In den westdeutschen Landesregierungen sitze mit Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) in Niedersachsen lediglich eine Ostdeutsche, während in den ostdeutschen Landesregierungen 30 Prozent Westdeutsche säßen. Im Gegensatz zu den neunziger Jahren, als es drei waren, komme heute kein einziger Bundesminister mehr aus den neuen Ländern, sagte Kollmorgen der Zeitung.

Bei rund 200 Bundeswehr-Generälen aus dem Westen gebe es einen weiblichen General aus dem Osten. Besonders krass sei das Missverhältnis in der Wirtschaft: Zwei ostdeutschen Vorständen in Dax-Unternehmen stünden demzufolge mehr als 180 westdeutsche Vorstände gegenüber. Kollmorgen führt den Zustand darauf zurück, dass Eliten "dazu neigen, sich selbst zu reproduzieren , weil man sich wechselseitig kennt."

"Auch die heute 35- bis 50-Jährigen bringen nach wie vor eine kulturelle Fremdheit ein", sagte Kollmorgen. Das gelte für Kleidung, Auftreten, Sprache und Gestik bis hin zum Musikgeschmack. "Dieses Set an kulturellen Selbstverständlichkeiten ist bei vielen Ostdeutschen noch nicht da. Das bewegt die entsprechenden Gremien, sie weiter hinten zu platzieren."

Die Ostdeutschen reagierten auf diese Situation mit einer Anpassung ihrer eigenen Karriereerwartungen, so der Soziologe. Daraus folge "eine defizitäre Demokratie, weil bestimmte Interessenlagen und Kulturen nicht angemessen eingebracht werden können in die Gestaltung des Gemeinwesens".

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Leserkommentare
    • spacko
    • 09. November 2012 8:00 Uhr
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    • RPT
    • 09. November 2012 8:37 Uhr

    hat es immer noch kein Ostdeutscher geschafft. Sehr diskriminierend natürlich, aber ich glaube irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft interessiert einen die Frage ob ost- oder westdeutsch nicht mehr als die nach nord- oder süddeutsch. Außer vielleicht in entsprechenden Gremien der Linken.

    Der Trend zu dekadentem Denken ist noch nicht gebrochen! Üben wir uns alle doch einfach in der Kunst, entspannt zu sein.Individuelle und politische Verkrampftheit sind für jede Entwicklung hemmend. Jede und jeder muss an sich selbst Forderungen stellen, nicht an Dritte und/oder den Staat. Dieser ist so oder so längst überfordert, es allen recht machen zu müssen. Netzwerke sind selbstverständlich wichtig. Man muss diese aber selbst knüpfen.Dies gilt für den privatern Bereich und in sehr hohem Masse auch für den geschäftlichen. Man muss sich übrigens auch selbst verkaufen können.

    ...Randprobleme zu "Themen" aufzubauschen?

    Ob Besserverdienenden-Feminismus (Frauenquote in “Führungsetagen”) oder Repräsentanz von Ostdeutschen in “Eliten” – wieviel Promille der Bevölkerung betrifft das denn???

    Kann sich die Politik stattdessen mal mit relevanten Angelegenheiten beschäftigen? "Heiße Eisen" gibt's ja genug!

    Der Grund, warum diesen Scheindebatten so viel Medienaufmerksamkeit zuteil wird, ist fadenscheinig:

    Irgendwo leisten Kandidaten, die von derartigen Quotenregelungen profitieren und mit deren Hilfe einen (westlichen oder männlichen) Konkurrenten aus dem Amt drängeln könnten, um dann selbst auf dem gut bezahlten Posten Platz zu nehmen, emsige Wühl- und Lobbyarbeit.

    Da ist es eben Aufgabe von Volkes Stimme (als die ich mich hier mal betrachte), daran zu erinnern, daß die Politik sich gefälligst um die Probleme der Bevlkerung kümmern soll. Die Karriere einzelner Politiker ist dagegen deren Privatsache und hat mich nicht zu interessieren!

    Genau das war mein erster Gedanke als ich die Überschrift des Artikels las!

    Aber dann brauchen wir auch die Rheinländerquote, die Ostfriesenquote und nicht zuletzt die Homoquote!

    Wundert mich sowieso, dass bisher niemand eine Homosexuellenquote eingefordert hat.

    Wir sollten auf jeden Fall auch überprüfen, ob die Religionszugehörigkeit der Eliten, auch tatsächlich relativ die der Gesamtbevölkerung entspricht.

    Wenn schon, denn schon!

    • AllEin
    • 09. November 2012 8:07 Uhr

    Könnte sein, dass sie das genau nicht sein wollen? *g*

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    Ich bin mir sicher, dass viele junge Menschen heute ablehnen, mit Elitenbildern und -stereotypen assoziiert zu werden, die durch überkommene Eliten selbst produziert werden. In Ost und West. Deswegen stellt sich vielleicht die Frage auch anders, nämlich welche Kriterien für "Elite" man überhaupt anlegt? Teilhabe an elitären Netzwerken? Oder eher, und Frau Kipping kennt eigentlich die einschlägige Literatur zur Hegemonieforschung, innovative Lebensmodelle, die Diskurse prägen, die die Populärkultur prägen?

    Fragen Sie junge Menschen, wird kaum einer zu verstehen geben, dass er Elitendiskurse wie Sarrazins Biologismus oder Prof. Sinnlos' Nachbarschaftsstreitdebatte wirklich nachvollziehen kann. Und nicht umsonst erregt ein Buch von Buschkowsky über den ach so verrotteten Stadtteil Neukölln vor allem in der FAZ Aufsehen, wohingegen dieser Bezirk bei sog. "Hipstern" neuerdings das Trendviertel schlechthin ist.

    Ich glaube, dass sich "Eliten", wer auch immer damit jetzt gemeint sein mag, in Deutschland zunehmend isolieren und dass es zunehmend unattraktiv wird, überhaupt dazu gehören zu wollen. Viele Menschen spüren einfach, dass der Elitenbruch/ -wechsel mittelfristig kommen wird.

  1. Irgendwann stellt irgendwer fest, dass wir zu wenig Immigranten in Vorständen haben oder EU Ausländer. Woran erkennt man eigentlich Ostdeutsche, vorallem wenn sie Hochdeutsch reden?

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    • Trypsin
    • 09. November 2012 9:49 Uhr

    ...und an ihren Einstellungen.
    Die Ostdeutschen (Ü30) haben eine andere Mentalität sowie auch die Nord- und die Süddeutschen sehr unterschiedlich sind.

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    • hairy
    • 09. November 2012 10:24 Uhr

    "Woran erkennt man eigentlich Ostdeutsche, vorallem wenn sie Hochdeutsch reden?"

    Die Frage zeugt m.E. eher davon, dass Sie keine Ossis kennen.

    Ich habe mir Kippings Frage auch schon öfter gestellt - mehr in de Bereichen Bildung und Medien. Das fiel schon während meines Studiums auf, an einer UNI in Thüringen, dass die Professorenstellen deutlich westdominiert waren - und sind. Und mir fällt das gleiche regelmäßig beim Hören von Dradio auf, dass da kaum einmal Ossis als Moderatoren oder sonstig Beitragende zu hören sind.

    Ist man Ostdeutsch, wenn man da geboren ist oder dort noch lebt?
    Viele, die Karriere machen wollten sind evtl. in den Westen gezogen.
    Wenn man in Politik oder im Militär Karriere machen wollte, dann war evtl. für einige Ostdeutsche die eigene SED-Vergangenheit ein Problem.

    Aber evtl. brauchen wir auch eine Quote für Ostdeutsche, ebenso wie eine Quote für Rothaarige - ich habe das Gefühl, dass es zu wenig Rothaarige unter den "Eliten" Deutschlands gibt.
    Eigentlich sollten wir alles Quotieren und Karrieren von Äußerlichkeiten wie Aussehen, Geschlecht und Herkunft machen genau dies zeichnet doch freiheitliche Gesellschaften aus - oder?

    • Menina
    • 09. November 2012 8:16 Uhr

    "Auch die heute 35- bis 50-Jährigen bringen nach wie vor eine kulturelle Fremdheit ein", sagte Kollmorgen. Das gelte für Kleidung, Auftreten, Sprache und Gestik bis hin zum Musikgeschmack. "Dieses Set an kulturellen Selbstverständlichkeiten ist bei vielen Ostdeutschen noch nicht da.
    Wenn man "Ostdeutsche" wahlweise ersetzt durch diverse Bezeichnungen von Menschen anderer regionaler (sei es deutscher - man denke nur an die Bayern - oder nichtdeutscher) Herkunft, kann man nur feststellen, dass die obigen Aussagen an Absurdität nicht zu überbieten sind. Dann würde ob solcher Feststellungen nämlich ein gerechtfertigter Sturm an Entrüstung losbrechen.
    Ich habe knapp die Hälfte meines Lebens als Ossi verbracht und wohne nun in einem westlichen Berliner Stadtteil. Mir begegnet hier jeden Tag ein bunter Mix an Kleidungsstilen, Verhaltensweisen, Sprachen, Musikrichtungen etc. pp. - Herr Kollmorgen, woran soll ich mich denn anpassen? Oder darf ich vielleicht einfach Ich sein und meinen eigenen Stil haben?

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    das der Autor Sie persönlich gemeint hat.

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    • Trypsin
    • 09. November 2012 10:04 Uhr

    ...mit allen anderen Regionen in Dtl. vergleichen.
    In Berlin kann jeder rumlaufen wie er möchte. Man darf in Gucci-Klamotten oder als Punk auftreten und das wird toleriert/akzeptiert. Es ist normal in Berlin so viele unterschiedliche Menschen zu treffen!
    Menschen, die das nicht kennen und in anderen Regionen leben, sind leider eher intolerant. Dazu gibt es eine schöne Geschichte, die Markus Kafka beim Lanz erzählt hat.

    • Menina
    • 09. November 2012 8:26 Uhr

    Zitatende ist nach "noch nicht da", deshalb liefere ich jetzt noch die " nach.

  2. das der Autor Sie persönlich gemeint hat.

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    • Menina
    • 09. November 2012 8:33 Uhr

    darf ich mich jetzt deswegen nicht mehr zum Thema äußern?

    • Menina
    • 09. November 2012 8:33 Uhr

    darf ich mich jetzt deswegen nicht mehr zum Thema äußern?

    Antwort auf "Ich bezweifle"
    • RPT
    • 09. November 2012 8:37 Uhr

    hat es immer noch kein Ostdeutscher geschafft. Sehr diskriminierend natürlich, aber ich glaube irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft interessiert einen die Frage ob ost- oder westdeutsch nicht mehr als die nach nord- oder süddeutsch. Außer vielleicht in entsprechenden Gremien der Linken.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Merkt man auch, oder?

    Ich meine, eine Bundeskanzlerin aus der Elite, würde doch nicht so eine katastrophale Politik machen, nicht?

    Elite ist so was wie Guttenberg. Geschniegelt, gebügelt, geölt und der Charakter durch jahrhundertelange Inzucht geformt.

    Das ist unsere Elite.;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dapd, nf
  • Schlagworte CDU | Carsten Schneider | Dax-Unternehmen | Jahrestag | Johanna Wanka | Justiz
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