Wirbelsturm-KatastropheSturmopfer streiten sich ums Benzin

Feldküchen, Benzinmangel und Leichenfunde: An der US-Ostküste herrscht der Ausnahmezustand. Viele kämpfen mit den Folgen des Sturms Sandy und trauern um ihre Toten. von afp, dpa, reuters, dapd und

Warten auf Benzin in In Hazlet, New Jersey

Warten auf Benzin in In Hazlet, New Jersey  |  © Andrew Burton/GettyImages

In den von Wirbelsturm Sandy heimgesuchten Regionen fehlt den Katastrophenhelfern noch immer ein Überblick über die Lage. Polizisten und Feuerwehrleute suchen noch immer nach Überlebenden. Sie gehen von Haus zu Haus, um nach Hilfsbedürftigen oder möglichen Opfern zu suchen, wie New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg sagte. Mitglieder von Bürgerinitiativen klopfen in den oberen Stockwerken der dunklen Häuser in Manhattan an jede Tür, um ältere und hilfsbedürftige Bewohner aufzufinden. Auf den Straßen patrouillierten Mitglieder der Guardian Angels, einer Freiwilligentruppe, die sich den Kampf gegen die Kriminalität zum Ziel gesetzt hat.

Tage nach dem Sturm liegen bei vielen die Nerven blank. Mehr als 4,1 Millionen Häuser und Büros sind landesweit immer noch ohne Strom, darunter 650.000 allein in New York . Die U-Bahn rollt im Großteil der Stadt wieder, allerdings nicht in den Süden Manhattans und nach Brooklyn , wo Tunnel überflutet waren. An den Brücken nach Manhattan bildeten sich kilometerlange Staus.

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An Haltestellen warteten teilweise bis zu 1.000 Menschen ungeduldig auf Busse in die Innenstadt. An Tankstellen stritten sich Autofahrer um das vielerorts knappe Benzin. Nach Tagen ohne Strom, fließendes Wasser und Heizung verließen viele Bewohner die Stadt.

Überleben in New York
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Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu starten.  |  © Getty Images

Transportflugzeuge der Armee brachten Dutzende schwere Reparaturlastwagen und ein ziviles Spezialistenteam von Kalifornien auf einen Stützpunkt in der Nähe New Yorks. Das US Transportation Command, das normalerweise für Truppentransporte und die Versorgung von Kampftruppen zuständig ist, schickte 55 Lastwagen mit 1,5 Millionen Mahlzeiten in die Stadt. 1,3 Millionen zusätzliche Rationen stünden für den Bedarfsfall bereit, hieß es. Das Rote Kreuz stellte zwölf Feldküchen auf, die 200.000 warme Mahlzeiten pro Tag servieren können.

UN-Keller überflutet

Der Stromanbieter Con Edison warnte, in einigen Stadtvierteln werde die Stromversorgung erst etwa in einer Woche wiederhergestellt sein. Der Süden von Manhattan soll bis Samstag wieder am Netz sein.

Das UN-Hauptquartier in New York öffnete erstmals nach drei Tagen wieder. An dem Gebäude gebe es "noch nie dagewesene Schäden", sagte ein UN-Vertreter. So habe der Sturm ein Feuer ausgelöst, die Keller seien überflutet.

Tropenstürme: Historische Rekordstürme

Zwar ist Sandy ein Ausnahme-Zyklon in der Sturmgeschichte, doch in den vergangenen 150 Jahren gab es schon andere Rekorde. Seit 1851 gibt es Daten zu jeder jährlichen Hurrikansaison.

1886 war die bislang heftigste: Sieben Hurrikane trafen auf Land, die jüngste schwere Saison war 1985 mit sechs tropischen Wirbelstürmen.

Der am längsten andauernde Hurrikan war San Ciriaco 1899. Er entwickelte sich am 3. August und wütete einen Monat lang mit verschiedenen Stärken in Puerto Rico, an der amerikanischen Ostküste, dann auf den Bermuda-Inseln und schließlich auf den Azoren.

Historisch ist auch der 22. August 1893. An nur einem Tag wirbelten gleich vier Hurrikane über Land. Schließlich töteten Ausläufer der Stürme bis zu 2.000 Menschen an der US-Ostküste. Nur am 25. September 1998 wurden ebenfalls vier Hurrikane an einem Tag beobachtet.

Die jährlich wiederkehrenden Stürme werden nicht unbedingt stetig stärker. Betrachtet man die historischen Daten gibt es eher zyklisch ruhige Jahrzehnte und wieder Jahre mit mehr Stürmen.

Hurrikane der vergangenen Jahre

August 2011: Hurrikan Irene fegt über die US-Ostküste. Mehrere Bundesstaaten erklären vorsorglich den Notstand. Der Sturm, der in North Carolina mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern auf Land trifft, bleibt weniger verheerend als erwartet. Dennoch gibt es Schäden. Millionen sind zeitweilig ohne Strom. Mindestens 45 Menschen sterben.

September 2010: Hurrikan Earl trifft mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 230 Stundenkilometern auf die nordamerikanische Ostküste. In mehreren US-Staaten wird der Notstand ausgerufen, für North Carolina sogar Katastrophenalarm. Der Sturm schwächt sich aber ab und richtet keine größeren Schäden an. In Kanada kommt ein Mensch ums Leben.

September 2008: Mit Winden über 170 Stundenkilometern und Überschwemmungen stürmt der Hurrikan Ike über der texanischen Golfküste. Mindestens 92 Menschen sterben. 4,5 Millionen Menschen im Großraum Houston sind ohne Strom.

September 2005: Hurrikan Rita verursacht am Golf von Mexiko in den Bundesstaaten Texas und Louisiana schwere Überschwemmungen. Der Sturm erreicht bis zu 200 Stundenkilometer. Zwischenzeitlich müssen mehr als eine Million Menschen die Region verlassen. Mindestens 119 Menschen sterben.

August 2005: Katrina zieht über die US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Florida, Georgia und Alabama und tötet mehr als 1.800 Menschen. New Orleans wird weitgehend zerstört. Etwa 1,3 Millionen Menschen entlang der US-Golfküste verlieren ihr Hab und Gut.

Auch im benachbarten Bundesstaat New Jersey entwickelte sich die Suche nach Benzin für die Bewohner zum Albtraum. Vor den wenigen geöffneten Tankstellen bildeten sich lange Schlangen von Autos sowie von Fußgängern, die Treibstoff für ihre Generatoren holen wollten.

Kleinkinder fortgespült

Die Zahl der Todesopfer in den USA stieg inzwischen auf 90. Im New Yorker Stadtteil Staten Island wurden am Donnerstag nach Angaben des Fernsehsenders NBC die Leichen zweier Jungen im Schlamm gefunden. Die Mutter der zwei und vier Jahre alten Jungen hatte während des Sturms versucht, sie festzuhalten. Die Wassermassen spülten sie aber fort.

Die US-Küstenwache stellte nach mehr als drei Tagen auch die Suche nach dem Kapitän der während Hurrikan Sandy gesunkenen Bounty ein. Zusammen mit den Opfern aus der Karibik starben durch Sandy mehr als 140 Menschen. Manche der Opfer wurden vor ihrem Tod zu Helden, andere kamen auf tragische Art und Weise ums Leben. Viele wurden von Ästen erschlagen – einige auf der Straße, einige aber auch zu Hause im Bett. Eine 23-Jährige trat in eine Pfütze, in die ein abgerissenes Elektrokabel hineingefallen war. Sie starb an einem Stromschlag.

Millionenspenden und Benefizkonzert

Ein 28 Jahre alter Polizist rettete sieben Menschen das Leben. Als das Wasser in der Sturmnacht in seinem Haus immer weiter stieg, brachte er alle in die höhere Etage – der älteste Gerettete war ein fast 70-jähriger Mann, der jüngste der 15 Monate alte Sohn des Polizisten. Als er ein letztes Mal in den Keller tauchte, kam er nicht mehr zurück.

Das Leid der Menschen löste weltweit Hilfsbereitschaft aus. Bürger, Unternehmen und Prominente spendeten bereits fast 20 Millionen Dollar (etwa 15 Millionen Euro). Am Freitag ist in New York ein Benefiz-Konzert mit Stars wie Jon Bon Jovi, Sting und Bruce Springsteen geplant.

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Leserkommentare
    • bernjul
    • 02. November 2012 14:20 Uhr

    http://www.aljazeera.com/news/americas/2012/10/20121031174127807878.html

    kämpfen nicht um Benzin, sondern um sauberes Wasser, Nahrung und um Medikamente. Seltsam, dass fast niemand darüber berichtet.

  1. Also noch sind dies unter 150 Leute. Ich finde es immer wieder interessant, wie katastrophen in den USA so hoch geschaukelt werden. Haben denn alle den Tsunami um 2005 vergessen? Da waren es fast das tausenfache und niemand kümmerts.

  2. ich lebe selber seit vielen jahren in der karibik und weis sehr wohl wie hurricans sind und wieviel elend sie verursachen. was aber momentan in der presselandschaft abgeht grenz schon beinahe an ignoranz sondergleichen!
    in grüssten lettern werden die armen opfer an der us-ostküste bejammert und tag-täglich frisch aufgewärmt, dass man sie ja niemals vergessen möge.
    "UND WAS MEINE LIEBEN MITMENSCHEN IST MIT DEN KARIBIKOPFERN?"

    da die karibik ja sowieso jedes jahr durchgeblasen und durchgespühlt wird, und dort sowieso nur jene leute wohnen die wir im urlaub sehen und sonst nicht, sind sie auch nicht wichtig für uns, jedenfalls nicht so wichtig, als dass man sie genauso tragisch und detailhaft darstellt, wie die us-opfer.

    darüber liebe erdbewohner, solltet ihr ein wenig mehr nachdenken und entsprechend handel.

    • tinnef
    • 02. November 2012 15:33 Uhr

    schön das Weltgewissen zu spielen und sicherlich hat jeder sein Schärflein zu tragen, aber die USA wie auch immer man dazu steht, betteln nicht um Geld um sich helfen zu lassen. Und alle Ländern und Regionen haben ihre Probleme Größtenteils selbst zu verschulden und man kann nicht immer darauf vertrauen das andere einem Helfen. Das muss dann schon ein Geben und Nehmen sein.

    Die Artikel passen jedoch ins Schema, denn man muss natürlich auch von anderen Dingen ablenken, die für Europa und D wichtiger sind und besser im Stillen ablaufen.
    http://www.welt.de/politik/ausland/article110551565/500-000-syrische-Flu...
    http://www.welt.de/politik/ausland/article110546242/Rebellen-toeten-Sold...
    http://www.welt.de/vermischtes/article110547752/Die-tapfere-Schwester-un...

    um nur Einige zu nennen.

    @Thema
    Bin schon gespannt zu lesen, was in D passiert, wenn es dort im Winter zu mehreren Tagen Blackout kommt. Da wird man imltho sehen wie zivilisiert die US Amerikaner sind.
    Ansonsten die werden auch dies meistern und es ist auch eine Chance auf Arbeitsplätze.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Slater
    • 02. November 2012 15:38 Uhr

    also 'betteln um Geld', 'jeder schaut auf sich' sollten Sie besser einsparen wenn der Westen die fraglichen Länder früher kolonialisiert hat, die Rohstoffe (auch mit korrupten Regierungen) klaut, die Fische wegfängt, die Geheimdienste schickt usw.,

    da sollte der Westen lieber einfach still sein, so viel helfen wie vertretbar und aufpassen, dass die Hilfe nicht eher schadet

    die Nachrichtenlage ist aber so wie sie ist,
    ein heruntergefallenes Glas in der Küche ist
    vor einem Auffahrunfall vor der Haustür,
    vor dem Brand in der Innenstadt,
    vor dem Massencrash auf der nahen Autobahn,
    vor dem Hurrican in Amerika
    vor dem allgemeinen Hunger der Welt ein Thema

    • Slater
    • 02. November 2012 15:38 Uhr

    also 'betteln um Geld', 'jeder schaut auf sich' sollten Sie besser einsparen wenn der Westen die fraglichen Länder früher kolonialisiert hat, die Rohstoffe (auch mit korrupten Regierungen) klaut, die Fische wegfängt, die Geheimdienste schickt usw.,

    da sollte der Westen lieber einfach still sein, so viel helfen wie vertretbar und aufpassen, dass die Hilfe nicht eher schadet

    die Nachrichtenlage ist aber so wie sie ist,
    ein heruntergefallenes Glas in der Küche ist
    vor einem Auffahrunfall vor der Haustür,
    vor dem Brand in der Innenstadt,
    vor dem Massencrash auf der nahen Autobahn,
    vor dem Hurrican in Amerika
    vor dem allgemeinen Hunger der Welt ein Thema

    Antwort auf "@Kommentar 1-3 ist ja"
  3. Aber wie kann das elektrisch funktionieren, das jemand einen Stromschlag bekommt, wenn er in eine Pfütze mit Stromkabel tritt?

    Natürlich sind auch mir einschlägige Darstellungen in Actionfilmen bekannt, aber für den Strom ist der Weg durch die Pfütze zur Erdung immer leichter zu nehmen, als der Weg über Schuhe, Strümpfe und Körper zur Erdung. Ist ein Elektriker im Forum, der das erklären kann?

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    • Flari
    • 02. November 2012 17:47 Uhr

    Von dem Punkt, wo eine Stromleitung einen "Schluss" zum Boden (oder auch Wasser) hat, baut sich die Spannung halbkugelförmig it der Entfernung ab.
    Je nach Spannung der Leitung kann dann z.B. eine Schrittlänge schon eine tödliche Spannungsdifferenz bedeuten.
    Das ist auch der Grund, weswegen man bei Gewitter aus dem Wasser soll, oder auch an Land noch einige Meter neben einem Blitzeinschlag von diesem getötet werden kann.

    • xpeten
    • 02. November 2012 17:43 Uhr

    mögen wir in unseren Breitengraden von solchen "patrollierenden Freiwilligen" bloß verschont bleiben.

    • Flari
    • 02. November 2012 17:47 Uhr

    Von dem Punkt, wo eine Stromleitung einen "Schluss" zum Boden (oder auch Wasser) hat, baut sich die Spannung halbkugelförmig it der Entfernung ab.
    Je nach Spannung der Leitung kann dann z.B. eine Schrittlänge schon eine tödliche Spannungsdifferenz bedeuten.
    Das ist auch der Grund, weswegen man bei Gewitter aus dem Wasser soll, oder auch an Land noch einige Meter neben einem Blitzeinschlag von diesem getötet werden kann.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, dapd, Reuters, AFP, tst
  • Schlagworte NBC | Benzin | Bruce Springsteen | Hurrikan | Michael Bloomberg | Sting
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