Wenn wir uns aber dazu durchringen, eine Meinung zu vertreten, können wir oft nicht erkennen, wer Verbündeter und wer Gegner ist. Der schöne Spruch von Rosa Luxemburg , man möge als eigene Freiheit immer die des Andersdenkenden erkennen, wird zum Problem, wenn wirklich jeder andere immer wieder anders denkt: Karrieremänner, die für die Frauenquote werben; Einwanderungsbefürworter, die die europäische Einigung fürchten; Vegetarier, die Auslandseinsätze der Bundeswehr verteidigen; Fußballfans, die Opern lieben; Kuscheleltern, die auf beinharte Lehrer stehen.

Die Fronten sind verwischt, der vermeintlich Gleichgesinnte an meiner Seite kann mir schon Augenblicke später in den Rücken fallen. Weil wir das nicht riskieren wollen, lassen wir das Streiten lieber sein und akzeptieren unvereinbare Meinungen als mögliche Wahrheiten.

Doch wenn wir nicht mehr streiten, gefährden wir die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Denn ohne Streit, sagte Ralf Dahrendorf , gibt es keinen Fortschritt. Nur wenn wir unsere Argumente aneinander schärfen, können sich Freiheit und Demokratie  weiterentwickeln.

Warum streiten?

Was also braucht ein guter Streit? Kritische Geister, die die Verhältnisse, in denen wir leben, nicht als fertig akzeptieren. Darüber hinaus eine Idee, die weiter reicht als der persönliche Nutzen des Streiters. Respekt für den Gegner und den Mut, starke Gefühle auszusprechen. Auch Spott und Polemik, weil sie uns dazu herausfordern, unsere Rede zu präzisieren.

Solcherart Streit deckt Fehler und Unvollkommenheiten auf. Zugleich zeigt er den Streitenden, was richtig bleibt, welche Möglichkeiten sich eröffnen und welche Ziele es sich anzustreben lohnt. Er festigt Beziehungen und schafft Identität.

Nicht immer aber löst sich Streit in Verständnis auf. Manchmal müssen Streiter auch anerkennen, dass ihre Ideale nicht zu versöhnen sind. Trotzdem kann dieser Streit produktiv sein, wenn die Streiter lernen, die Haltung des anderen zu akzeptieren, selbst wenn sie sie falsch finden. Das wäre dann echte Toleranz.