StreitkulturStreitet euch!

Wir müssen dringend wieder streiten. Denn ohne Konflikte gehen unsere Beziehungen kaputt, unsere Identität – und am Ende unsere Demokratie. von 

Streiten ist erlaubt - auch laut und heftig

Streiten ist erlaubt - auch laut und heftig  |  © Jon Nazca/Reuters

Anschreien geht immer. Möglichst so laut, dass der Gegner nach Luft schnappt. Kinder können das in Perfektion, viele Talkshow-Politiker ebenfalls und mancher Chef. Dann abhauen, wer’s theatralisch mag mit Türenknallen. Schließlich haben wir Angst vor dem Streiten. Als richtig gilt, Streit zu vermeiden. Und so merken wir gar nicht, wie gerade eine unserer wichtigsten Kulturtechniken flöten geht.

Endlich richtig streiten - die Themenwoche

Wir müssen dringend wieder streiten – auch laut und heftig. Denn ohne solche Konflikte gehen gehen unsere Beziehungen kaputt, unsere Identität – und am Ende unsere Demokratie. ZEIT ONLINE will in einer Themenwoche zeigen, wie man sich konstruktiv und erfolgreich auseinandersetzen kann: in der Partnerschaft und der Familie, am Arbeitsplatz und in der Schule, unter Bürgern und im Bundestag, sogar im Internet und in der Religion.

Die Folgen der Serie

Streitkultur: Streitet euch! Ein Essay

Sexualität: Streiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie

Familie: Wenn Eltern "Ich will" sagen

Schule: Ohne Streit kein Unterricht

Internet: Ist das Netz ein Streitbeschleuniger? Eine Leserdebatte

Arbeit: Lass uns streiten, Chef

Unternehmen: Die Wohlfühl-Lüge

Politik: Geistige Terroristen sind ausgestorben

Wutbürger: Wir lassen Euch nie mehr in Ruhe

Religion: Elefanten-Gott trifft Lamm

ALS E-BOOK

Die Serie Endlich richtig streiten gibt es unter dem Titel Streiten hilft auch als E-Book. Jetzt für Ihren eReader in einer hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als EPUB-Version für Ihren eReader, sowie als MOBI-Version für Ihr Kindle Lesegerät von Amazon zur Verfügung.

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Was für ein Quatsch, wird nicht ständig gestritten? Laut geht es fast immer zu. Doch das beweist lediglich, dass uns die Rüpel noch nicht ausgegangen sind. Auf echten Streit lässt sich dagegen kaum mehr jemand ein. Und das schadet unseren Beziehungen; zum Partner, zum Nachbarn, zum Kollegen. Am Ende leidet sogar die Demokratie.

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Denn wer nicht streitet, will nichts vom Leben. Und wer ständig Toleranz und Sachlichkeit fordert, ist in Wahrheit bloß zu faul zum Denken und vergisst, dass Toleranz oft erst aus Streit entstehen kann. Deshalb wird es Zeit, Schluss zu machen mit dem ausgleichenden Selbstbetrug. Streiten ist erlaubt. Fasst Mut und tut es endlich wieder!

Um es gleich klarzustellen, alles Folgende ist kein echter Streit: bloßes Moralisieren, weil es unzugänglich ist für andere Argumente; zynisches Daherreden oder der bloße Austausch von Beleidigungen, weil sich beides respektlos über das Gegenüber erhebt; auch die Lust daran, den anderen zu entmenschlichen; schließlich inhaltsleerer Kampf um Sieg oder Niederlage, im schlimmsten Fall mit dem Ziel, den Gegner zu vernichten.

Streiten ist schwierig geworden

Gute Streiter interessieren sich für ihre Gegner und nehmen sie ernst. Sie wollen ihre Wünsche und Weltverbesserungsideen in der Auseinandersetzung entfalten, Sinn suchen und stiften, Zukunft gestalten.

Das ist nicht einfach. Schließlich leben wir in der freiesten Gesellschaft, die Deutschland jemals kannte. Alles ist erlaubt, alles darf gesagt werden. In einer Welt, in der es keine großen Verbote und Tabus mehr gibt, scheint nichts mehr übrig zu sein, über das man sich noch auseinandersetzen müsste.

Zweitens steckt uns noch das vergangene Jahrhundert der Propaganda in den Knochen: Jede Überzeugung, mit dem kleinsten Anschein von Selbstherrlichkeit vorgetragen, ist uns verdächtig. Jedes mit dem feinsten Hauch polemischer Verve versehene Argument desavouiert sich selbst.

Zum Dritten hat die Freiheit eine dunkle Kehrseite: Der Einzelne ist auf sich selbst zurückgeworfen, er muss das eigene Schicksal selbstbestimmt meistern. Jede Position, die wir in einem Streit vertreten, müssen wir aus uns selbst heraus begründen. Das trauen wir uns oft nicht – und ducken uns lieber weg.

Leserkommentare
  1. 9. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/cv

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    Der Kommentar auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/cv

  2. Ich erlebe das besonders stark in meiner Generation (die 30er). Jeder Form von Konflikt wird aus dem Weg gegangen, privat und beruflich. Wenn es dann doch mal zum Streit kommt, z.B. mit einer langjährigen Freundin, war das oft der letzte. Die Beziehung wird danach abgebrochen.
    Alle haben unheimliche Angst eine eigene, kontroverse Meinung zu vertreten - bei privaten Treffen, auf dem Elternabend, in der Firma. Jede ansatzweise kritische Bemerkung wird abgebügelt - so viel Harmonie und Konsens macht mich skeptisch. Ob es vielleicht doch nur Bequemlichkeit oder Angst ist, nicht gemocht zu werden? Oder haben viele Menschen zu vielen Themen einfach keine Meinung? Schade, für mich war Streit immer etwas, dass zum Leben dazu gehört, nicht immer schön, aber auf keinen Fall negativ besetzt.

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    Ihren Eindruck teile ich - auch wenn er sicher nicht auf alle aus der Generation zwischen 20 und 40 zutrifft. - Ich denke auch, dass die "politische Lethargie" der Menschen in diesem Alter auch etwas mit einer gewissen Verwöhntheit zu tun hat. Man kommt aus einer wohlbehüteten Kindheit und wünscht sich eine sichere Karriere. Dass viele dabei vom Leben überholt und über den Tisch gezogen werden, wollen sie schlicht nicht wahr haben - dass es nicht selbstverständlich ist, dass das Leben von einer Generation zur nächsten immer einfacher wird, sondern dass es dafür gemeinsamen Einsatz, Ideen, Visionen und manchmal eben auch Streit braucht.

  3. am Streiten vergangen. Früher habe ich auch für 'Das Streiten' plädiert, da es tatsächlich auch das Interesse und die Lust am Leben zeigte. Aber heute mag ich mich einfach nicht mehr ständig für meine Meinung, Einstellung und Handlung rechtfertigen müssen. Allerdings auch, weil ich an den Punkt angelangt bin, dass das letzte Argument häufig ein irrationales, ein nicht erklärbares wird. Die Kontingenz der Welt, ich könnte es so oder so machen, was die besseren Argumente werden, interessiert mich immer weniger, weil ich einfach auch die Kontingenz durch Einseitigkeit reduziere.
    Als Beispiel würde ich hier sogar die Bildungsreformen der letzten Jahre anführen. Es gibt viele gute Gründe Reformen durchzuführen. Die Vielfalt der Meinungen hat aber dazu geführt, dass keine in ihrer letzten Konsequenz durchgehalten wird. Ein ständiges Hin und Her, welches jede Möglichkeit der Entfaltung erstickt. Und dann - wieder nur Streit, wieder nur halbwilliges Bemühen.

    Ich schließe mich dem Kommentar an: Erstmal wieder richtig miteinander reden.

  4. Ihren Eindruck teile ich - auch wenn er sicher nicht auf alle aus der Generation zwischen 20 und 40 zutrifft. - Ich denke auch, dass die "politische Lethargie" der Menschen in diesem Alter auch etwas mit einer gewissen Verwöhntheit zu tun hat. Man kommt aus einer wohlbehüteten Kindheit und wünscht sich eine sichere Karriere. Dass viele dabei vom Leben überholt und über den Tisch gezogen werden, wollen sie schlicht nicht wahr haben - dass es nicht selbstverständlich ist, dass das Leben von einer Generation zur nächsten immer einfacher wird, sondern dass es dafür gemeinsamen Einsatz, Ideen, Visionen und manchmal eben auch Streit braucht.

  5. "bloßes Moralisieren, weil es unzugänglich ist für andere Argumente; zynisches Daherreden oder der bloße Austausch von Beleidigungen, weil sich beides respektlos über das Gegenüber erhebt; auch die Lust daran, den anderen zu entmenschlichen; schließlich inhaltsleerer Kampf um Sieg oder Niederlage, im schlimmsten Fall mit dem Ziel, den Gegner zu vernichten."

    Streiten it kein Lernfach in der Schule. Zudem, was nutzt der Streit, wenn jede Partei auf ihrem Standpunkt stehenbleibt? Ist das Ergebnis dann ein Unentschieden?

    "Was also braucht ein guter Streit? Kritische Geister, die die Verhältnisse, in denen wir leben, nicht als fertig akzeptieren. Darüber hinaus eine Idee, die weiter reicht als der persönliche Nutzen des Streiters. Respekt für den Gegner und den Mut, starke Gefühle auszusprechen. Auch Spott und Polemik, weil sie uns dazu herausfordern, unsere Rede zu präzisieren."

    Das "wie man nicht streitet" ist gut beschrieben, das "wie man streitet" nicht so gut.

    An einen gewonnenen Streit erinnere ich mich gerne, an einen verlorenen Strei jedoch öfter. Manchmal schaffe ich es, meine Einstellung nach einem verlorenen Streit zu ändern. Aber ich habe viele viele Beziehungen abgebrochen, weil mir der Standpunkt meines Gegenübers nicht in den Kram gepasst hat. Das waren keine Streitereien des Types, "wie man nicht streitet, das waren immer welche von der Art, "wie man streitet". Schlechtes Streiten ist emotional, gutes Streiten kann konsequent sein.

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