Die S21-Gegner hinten im Saal hatten Maier als einzige applaudiert. Nach der Veranstaltung ging er zu ihnen und seither fast jeden Montag mit ihnen auf die Straße. Maier, der zuvor erst einmal auf einer Demo gewesen war, gegen die Erhöhung der Bafög-Rückzahlungen vor rund 30 Jahren, und das damals eher "bedrohlich, fast unheimlich" gefunden hatte.

Früher, sagt Maier, fühlte er sich beschützt, wenn er Polizisten sah. "Heute denke ich: Was wollen die hier?" Er, der mit Krawattennadel und teurer Uhr am Handgelenk ins Büro geht, hält jetzt Schilder mit "Betrug!" hoch oder bezichtigt die SPD des "altstalinistischen Machbarkeitswahns".

Bei dieser SPD war Frasch fast vierzig Jahre lang Mitglied; am Tag der Landtagswahl 2011 ist er ausgetreten. Er trägt keinen Anzug, sondern Jeans, Pulli und Rucksack. In den sechziger Jahren hatte er als Student gegen Bildungsnotstand demonstriert, gegen Vietnamkrieg und Springerpresse. Vor rund 20 Jahren dann stellte er sich einer "Dreieinigkeit aus Rathaus, örtlicher Bank und Investor" in den Weg, die den benachbarten Dorfkern "sanieren" wollte. Später sammelte er Geld für die vom Elbhochwasser schwer beschädigte Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt und half selbst bei den Aufräumarbeten dort, er arbeitet ehrenamtlich in einem Welt-Laden. Auf über 100 Demonstrationen gegen Stuttgart 21 war Frasch – mit Trillerpfeife, Handzetteln, Plakaten.

Disziplinierter Protest

So unterschiedlich Maier und Frasch sind, gemeinsam ist ihnen, dass sie mit fast schon absurder Disziplin und Hartnäckigkeit ihren Protest verfolgen. Frasch hat seine S21-Biographie tabellarisch aufgelistet, mit genauem Datum und Aktionsform. Wann er wem welche offenen Briefe geschrieben und wann er wo welche Rede gehalten hat. Und Maier sagt: "Die Montagsdemo habe ich mir als Dauertermin im Kalender blockiert."

So viel Einsatz für etwas so Profanes wie einen Bahnhofsneubau? Diesen Einwand lassen die beiden nicht gelten. "Auch wenn die großen Dinge wichtig sind, kann ich mich um die kleinen Dinge sorgen", sagt Maier. Beide verstehen den Kampf um den heimischen Bahnhof als Symbol für etwas Größeres. "Ich nehme doch keinen ernst, der eine saubere Welt fordert und vor der eigenen Haustür den Dreck nicht wegmacht", sagt Maier. "Wir lassen es uns nicht mehr gefallen, dass Entscheidungen in Geheimzirkeln getroffen und dann als demokratisch ausgegeben werden", sagt Frasch.

Rückschläge ja, Scheitern nein

In ihren Augen ist der S21-Protest auch nicht gescheitert, selbst wenn es auf den ersten Blick danach aussieht. Was haben die fast zwei Jahre mit Großdemonstrationen, Flyern und nächtlichen Mahnwachen gebracht? Der Bahnhof ist zur Hälfte abgerissen, selbst die neue grün-rote Regierung steht zu dem Projekt.

Bei anderen Protesten sieht es ähnlich aus. Fast ein Jahr lang besetzen Occupy-Aktivisten den Platz vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, Zehntausende gingen gegen das Finanzsystem auf die Straße, die Mehrheit der Deutschen war auf ihrer Seite. Trotzdem wurden die Banken mit Steuergeld gerettet, trotzdem wird in den Türmen in Frankfurt, London und New York weiter spekuliert.

Mehr als hunderttausend Menschen demonstrierten Ende 2003 in Berlin gegen die Reformen der Agenda 2010, es folgten regelmäßige Montagsdemos in nahezu jeder größeren deutschen Stadt, manche gibt es noch immer. Trotzdem sind die rot-grünen Gesetze bis heute in Kraft und Hartz-IV ist nicht abgeschafft.

Mit kritischen Bürgern rechnen

"Natürlich träumt man immer noch davon, das ganze Projekt zu stoppen", sagt Maier. "Aber wenn die Leute wachsam bleiben, haben wir auch schon viel erreicht." Wer jetzt in Deutschland große Bauten plane, müsse nach S21 mit kritischen Bürgern rechnen. Das allein sei schon ein Verdienst.

Bei näherem Hinsehen haben auch die anderen Proteste etwas verändert: Dank Occupy ist die Kritik an den Finanzmärkten Mehrheitsmeinung, für eine Transaktionssteuer setzen sich mittlerweile elf europäische Länder ein. Und die Anti-Agenda-Montagsdemos haben dazu beigetragen, dass die Partei Die Linke entstanden ist, die im Bundestag sitzt.

Bürgerprotest muss offenbar nicht sein ursprüngliches, großes Ziel erreichen, um erfolgreich zu sein. Es reicht, wenn er leise, dauerhafte Veränderungen anstößt: öffentliche Aufmerksamkeit für ein vorher vernachlässigtes Thema, Engagement, Ehrenamt, kritischere Bürger. "Wir haben hier unser eigenes Bildungswerk aufgebaut", schwärmt Frasch. Und Maier sagt: "Bei mir auf der Arbeit wird jetzt auf den Fluren über Politik diskutiert. Das gab es früher nicht." Die Bürger werden die Politik nie mehr in Ruhe lassen.