WutbürgerWir lassen Euch nie mehr in Ruhe

Lenz Jacobsen hat zwei Schwaben besucht, die sich mit dem Staat anlegen. Sie bekämpfen im Kleinen, was sie im Großen stört. von 

Mit Megaphon, Hut und Flyern: Der pensionierte Lehrer Eberhard Frasch kämpft gegen Stuttgart 21 – und gegen die Arroganz der Mächtigen.

Mit Megaphon, Hut und Flyern: Der pensionierte Lehrer Eberhard Frasch kämpft gegen Stuttgart 21 – und gegen die Arroganz der Mächtigen.  |  © privat

Eberhard Frasch ist seinem Feind aufs Dach gestiegen. Er steht auf dem Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs, vor ihm die Gleise und Baugruben, direkt unter ihm das Hauptquartier derer, die er seit mehr als zwei Jahren bekämpft: das Kommunikationsbüro von Stuttgart 21 .

Endlich richtig streiten - die Themenwoche

Wir müssen dringend wieder streiten – auch laut und heftig. Denn ohne solche Konflikte gehen gehen unsere Beziehungen kaputt, unsere Identität – und am Ende unsere Demokratie. ZEIT ONLINE will in einer Themenwoche zeigen, wie man sich konstruktiv und erfolgreich auseinandersetzen kann: in der Partnerschaft und der Familie, am Arbeitsplatz und in der Schule, unter Bürgern und im Bundestag, sogar im Internet und in der Religion.

Die Folgen der Serie

Streitkultur: Streitet euch! Ein Essay

Sexualität: Streiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie

Familie: Wenn Eltern "Ich will" sagen

Schule: Ohne Streit kein Unterricht

Internet: Ist das Netz ein Streitbeschleuniger? Eine Leserdebatte

Arbeit: Lass uns streiten, Chef

Unternehmen: Die Wohlfühl-Lüge

Politik: Geistige Terroristen sind ausgestorben

Wutbürger: Wir lassen Euch nie mehr in Ruhe

Religion: Elefanten-Gott trifft Lamm

ALS E-BOOK

Die Serie Endlich richtig streiten gibt es unter dem Titel Streiten hilft auch als E-Book. Jetzt für Ihren eReader in einer hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als EPUB-Version für Ihren eReader, sowie als MOBI-Version für Ihr Kindle Lesegerät von Amazon zur Verfügung.

Entdecken Sie auch weitere E-Books von ZEIT ONLINE unter www.zeit.de/ebooks.

Blinkende Simulationen, riesige Modelle, schicke Schauwände: Auf vier Stockwerken präsentieren die Werber ihre Argumente für das umstrittenste Bauprojekt Deutschlands. Alles sieht danach aus, als sollten sie ihren Bahnhof bald bekommen. "Auch wenn sie bauen sollten", sagt der pensionierte Gemeinschaftskundelehrer Frasch oben auf dem Dach, "wird vom Protest bleiben, dass die Mächtigen nicht mehr einfach machen können, was sie wollen."

Anzeige

Stuttgart 21 ist zum Symbol dafür geworden, wie Bürger heute mit dem Staat streiten. Dass es für weite Teile der Bevölkerung kein Tabu mehr ist, sich mit der Obrigkeit anzulegen. Ob gegen Atomkraft, Bankenmacht, das umstrittene Produktpiraterie-Abkommen Acta oder eben den Stuttgarter Bahnhof: Auf die Straße gehen nicht nur junge Radikale, sondern alle, Bürgerliche und Linke , Senioren, Angestellte.

Eberhard Frasch
Eberhard Frasch

ist 63 Jahre alt und lebt in Reutlingen bei Stuttgart. Dort organisiert er auch das örtliche Bündnis gegen den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit.

Dabei wurden die Protestierenden zunächst selbst zur Zielscheibe. Bis heute wird ihnen vorgehalten, sie seien egoistische Besitzstandswahrer und überalterte Fortschrittsfeinde, die nur auf die Straße gehen, wenn ihre eigene, kleine Welt bedroht ist. Bremser eben, unpolitische Wutbürger. Eine andere Kritik lautet: Diese Proteste bringen sowieso nichts. Ein bisschen rumlaufen und Schilder hochhalten, ein paar Sprüche auf Plakaten – letztendlich wirkungslos.

Auf die Straße gehen alle

Ist das berechtigt? Zwei Männer, für die Protest längst Alltag geworden ist, können Antworten geben.

S21-Gegner Frasch ist ein Altachtundechziger und gehört wie selbstverständlich dazu. Es hat sich sozusagen aus seiner Protest-Biographie ergeben, die voller Demonstrationen ist, offener Briefe, Bürgerinitiativen.

Ganz anders der Anzug- und Schnäuzerträger Jürgen Maier. Er ist Physiker bei einem Großkonzern in Stuttgart, 56 Jahre alt, Einfamilienhaus-Besitzer. Maier hat den neuen Bahnhof lange befürwortet. "Wenn ein Schwabe irgendwo einen Baukran sieht, dann ist er ja gleich begeistert, der kommt ja nicht auf die Idee, dass da einer was baut, was keinen Sinn macht", sagt er. Zum Protestierenden wurde er, weil er den alten Bahnhof mag. Stundenlang kann er durch das Bahnhofsviertel führen, von unterbrochenen Sichtachsen erzählen, von abgerissenen Seitenflügeln und sich gegenseitig zitierenden Fassaden.

Wenn Fragen nicht willkommen sind

Noch wichtiger für Maiers Wandlung zum S21-Gegner war der 16. Februar 2011. Die damalige Verkehrsministerin Tanja Gönner war zu einer Wahlkampfveranstaltung der CDU in Maiers Nachbardorf gekommen. Maier, der früher selbst CDU wählte, stellte zwei Fragen: Erstens wollte er wissen, warum denn die Seitenflügel des Bahnhofs unbedingt abgerissen werden mussten. Zweitens fragte er nach der politischen Legitimation des Bauprojektes. Aber das ging schon in empörten Buhrufen der Parteigänger unter. Er sei geradezu "niedergebrüllt" worden, erinnert sich Maier, sein Sitznachbar beschimpfte ihn als Faschist.

"Das war ein Schlüsselerlebnis für mich, dass ich da noch nicht mal meine Fragen stellen durfte, dass noch nicht mal diskutiert wurde." Vorher, sagt Maier, sei er ein relativ unpolitischer Mensch gewesen. "Ich dachte: Die Politiker wissen schon, was sie tun, die Dinge sind schon in Ordnung so, wie sie sind." Diesen Glauben hat Maier an jenem Tag verloren.

Leserkommentare
  1. der sich jetzt als nicht rechtlich bindend herausstellt.

    Im Schlichterspruch haben alle teilnehmenen Leute vor laufender Kamera gesagt, dass kein gesunder Baum gefällt wird.

    Im Landtag wurde von allen (!) politischen Parteien gemeinsam beschlossen, dass der Schlichterspruch "ohne wenn und aber" umgesetzt wird.

    Der Landtagsbeschluss ist nicht einmal das Papier wert auf dem er steht.

    Alles nicht rechtlich binden.

    Wo wir wieder beim Volkdentscheid wären: rechtlich hat sich durch den Volksentscheid überhaupt ncihts geändert.

    U

    9 Leserempfehlungen
  2. Die meisten Menschen sind konform und haben meistens keine wirkliche echte eigene Meinung.
    Sonst wäre so was wie die Nazizeit nicht passiert und auch heute ist es so das fast alle nur Mitläufer sind. Oder leben noch im Glauben das alles ok bis sie selbst mal in eine Situation kommen bei der sie feststellen werden das Demokratie nur eine Nachkriegsillusion ist. Das gilt nicht nur für den Lehrer von dem hier erzählt wird sondern noch für eine Menge anderer gebildeter Menschen die einsehen mussten bei S21 oder wo auch immer, wie brutal und antidemokratisch in Deutschland gegen Bürger vorgegangen wird die ihre demokratischen Grundrechte wirklich wahrnehmen wollen. Dazu weise ich auf den pensionierten Herrn Richter Dieter Reicherter hin dessen Wohnung durchsucht wurde während er nicht zuhause war weil er im Besitz von Unterlagen war aus denen hervor ging wie weit die Überwachung und Ermittlung gegen S21 Gegner ging. Wohlgemerkt von einem Staat der andererseits nicht in der Lage ist eine Ermittlung gegen eine NSU Terrorzelle durchzuführen da gab es dann komischerweise keine Hinweise und Verantwortliche gab es auch keine. Ich finde es wichtig das es noch Menschen gibt die sich noch für etwas einsetzten. Es sollte keiner vergessen den meisten geht es heute gut weil es Menschen gab die sich für Grundrechte eingesetzt haben oder sogar dafür gestorben sind.
    Was waren denn die Menschen früher Leibeigene und danach Lohnsklaven und heute sehr viele wieder.

    17 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Im konkreten Fall "S21" bin ich nicht sicher bin wie sinnvoll oder sinnlos ich den Protest finde (Man muss schon sagen, dass z.B. das Volksabstimmungsformular extrem missverständlich formuliert war: http://www.morgenpost.de/... - und das hat halt schon "Geschmäckle").

    Aber während sich viele Kommentatoren hier einzig an dem Bahnhof aufhängen, denke ich das es bei der Artikelreihe doch um das Thema "Streit" geht.

    Und besonders die Geschichte von Jürgen Maier finde ich bemerkenswert: Seine vorherige Ansicht "Die Politiker wissen schon, was sie tun, die Dinge sind schon in Ordnung so, wie sie sind." ist erschüttert worden.

    Und ohne dass er seinem Staat gegenüber feindlich gesonnen wäre, nur weil er sich wagte etwas zu fragen, bzw. etwas kritisierte, bekam er plötzlich die hässliche Seite dieses Staates mit. Und diese Veränderung seines Blickwinkels erschütterte sein Weltbild.

    Ich finde es dreist und arrogant diesen besorgten Mitbürger (Nicht Wutbürger!), der sich zu 100% im Rahmen der Demokratie bewegt (wie bereits von SubspaceEcho erwähnt) hier als Querulanten abzuqualifizieren.

    Natürlich muss man sich auch mit der Verwaltung und der Politik streiten können, wenn das nicht mehr geht, dann ist das zumindest nicht dass, was ich mir unter unserer Demokratie vorgestellt habe.

    Aber vielleicht muss man mal selbst gegen Behördenstarrsinn geprallt sei, um das zu verstehen.

    • JimNetz
    • 24. November 2012 11:35 Uhr

    die lassen einen nie mehr in Ruhe, das stimmt allerdings. Und sie scheren sich auch nicht darum, ob mans denn möchte. Dieses Sendungsbewußtsein muß ich als Stuttgarter zwar ertragen. Gutheißen muß ich es nicht.

    4 Leserempfehlungen
    • Vanita
    • 24. November 2012 11:36 Uhr

    Die ZEIT hätte auch über die vielen bei Mehr Demokratie ehrenmatlich Tätigen berichten können, die in Karlsruhe eine Demo gegen den ESM-Wahnsinn hatten. Aber das war der Presse wohl nicht hipp genug. Immerhin sind da auch Politiker des linken Spektrums aktiv, denn so Normalbürger sind eh uninteressant für unsere Medien.

    Ausgerechnet das Schwabenländle und dann noch Klischee-Protestler wie einen pensionierten Lehrer (wobei ich das Engagement nicht herabsetzen will, aber ich meine der Autor tut es).

    Ist es nicht eher so, dass die Proteste in der Öffentlichkeit von den Medien ignoeriert werden oder gar versucht werden kleinzuhalten, um "uns" dann aber gleichzeitg wieder Tatenlosigkeit vorzuwerfen. Das mag auf viele zutreffen, die lieber in den Apple-Store gehen als sich Gedanken über die Gesellschaft und Umwelt zu machen, aber die, die was tun, werden nicht zur Kenntnis genommen. Eher liefert man als Schreibstube einen Piraten-Text nach dem anderen... ist eben viel cooler.

    Ach ja, aber ich lebe ja im Land der besten Zeitungen der Welt...

    2 Leserempfehlungen
  3. Natürlich ist der Protest gegen dieses S21-Projekt berechtigt und zeugt von einer lebendigen Bürgerschaft. Als Dresdner, der jahrelang gegen das glorreiche CDU-Prestigeprojekt "Waldschlößchenbrücke" mitdemonstriert hat, habe ich Aktivisten wie in Stuttgart schmerzlich vermisst.

    Dennoch wird der punktuelle Protest gegen Infrastrukturprojekte überschätzt, da sie nur Symptome von Laissez Faire, politischer Korruption und letztlich diesem polit-ökonomischen System als Ganzem sind. Um wirklich etwas zu ändern, müsste es den diversen sozialen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen gelingen eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Maßstab dafür muss die Frage sein: "Wollen wir eigentlich so leben?"

    In den USA ist die Sinnlosigkeit bestimmter emanzipatorischer Bewegungen ja mittlerweile gut analysiert. Beispiel LGBT-Movement: es zu einem Thema des politischen Kampfes zu erheben, dass Schwule in der Armee dienen dürfen, aber dabei das Problem des grassierenden Militarismus völlig unhinterfragt zu lassen, lässt diese Bewegung sehr zahm und antikausal erscheinen. Ein weiteres Beispiel istdie Frauenquote in europäischen Unternehmen: ist es wirklich Sinn des Feminismus die "Glasdecke" mit Steinen einzuschmeißen, aber eigentliche Unterdrückungsverhältnisse, die nicht im Unternehmensvorstand statt finden, unberührt zu lassen?

    Ich plädiere dafür, dass diese Bewegungen wieder sozial und kritisch werden und kausale Forderungen nach echten Alternativen erheben.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Alternativen sind in Stuttgart duchaus gegeben. Nicht umsonst heisst der Wahlspruch: "Oben bleiben". Denn der bisherige Bahnhof funktioniert wunderbar, liesse sich gefahrlos renovieren und auch noch deutlich erweitern.

    Die Befürwortung des bisherigen Bahnhofs ging sogar so weit, dass in dieser Schlichtung vor zwei Jahren ein beinahe vollständiges Konzept für einen ertüchtigten Kopfbahnhof vorgestellt werden konnte. Inclusive Gleisplänen, Architektenentwürfen, möglichen Fahrplänen und so weiter. Natürlich alles ehrenamtlich erstellt, denn für Alternativen gab es noch nie eine müde Mark.

    Die Presse sieht eben lieber "Wutbürger" als positiv engagierte Leute. Kann oft den Blick nicht über den Tellerrand der Bahn-Pressemitteilungen erheben. Deswegen geht auch sehr viel Positives unter, doch damit muss man eben leben.

  4. was dachten die denn? war so schwierig ja nun nicht.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Nicht richtig!"
  5. Dass die HartzIV-Proteste, die zahlenmäßig stärksten der letzten Jahre und immerhin die materielle Existenz von Millionen Mneschen betreffend, hier in einem Satz abgehandelt werden - geschenkt. Wir kennen ja unsere liebe ZEIT.

    Aber diese Menschen verachtende Haltung, werte Redaktion, ist Grund und Anlass für Misstrauen in Herrschaftsdenken und das politische System in Europa/ Deutschland heute.

    3 Leserempfehlungen
  6. Sehr angenehm dass mal nicht blasiert der diffamierende Begriff "Wutbürger" verwendet wird, sondern erkannt dass diese Menschen die wertvollsten für unsre Demokratie sind. Die den Hintern hoch bekommen und mit Leidenschaft für das Richtige eintreten.

    Aber zur Wirksamkeit von Occupy usw.:
    - es scheint mir eher so dass ein perfides und perfektioniertes System das alles weg schluckt ohne dass wirklich Änderungen statt finden. Was sich nämlich ändern müsste wäre das Menschenbild, der unbedingte Respekt vor jedem Menschen als gleichwertig in seinen Bedürfnissen, egal ob finanzstark oder nicht. Wenn das der Fall wäre, und es müsste sein wenn man unser Grundgesetz ernst nimmt, würde sich sehr vieles ganz anders gestalten, von selbst.
    Aber die Interessen eine Oberschicht, unterstützt von einer devoten, im Innersten von Angst zerfressenen und leicht verblödeten Mittelschicht (Journaille, Politiker, Akademiker), sind nach wie vor das Einzige was zählt.

    6 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Endlich richtig streiten
  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CDU | SPD | Die Linke | Acta | Bahnhof | Bundestag
Service