Türkei : AKP will kemalistische Hutpflicht aufheben

Die Hutpflicht sollte einst den osmanischen Fez und den Turban aus der türkischen Öffentlichkeit verbannen. Nun schafft die AKP-Regierung das Hutgesetz ab.
Erinnerung an Staatsgründung Ende Oktober: Auf einer Fahne ist das Bild des türkischen Staatsgründers Kemal Attatürk zu sehen. © Adem Altan/AFP/GettyImages

Die türkische Regierungspartei AKP will die gesetzliche Hutpflicht für Männer abschaffen. Das sogenannte Hutgesetz aus dem Jahr 1925 soll aufgehoben werden, sagte Parteisprecher Hüseyin Celik der Zeitung Radikal .

Das Gesetz aus den Anfangsjahren der 1923 gegründeten Republik ( Verfassungstext hier als pdf-Dokument auf deutsch ) sollte den osmanischen Fez und den Turban aus der Öffentlichkeit verdrängen. Hüte galten als Zeichen der Moderne, der damals bei türkischen Männern beliebte Fez und der Turban dagegen als Symbole der Rückständigkeit. Das Gesetz ist allerdings nur noch formal in Kraft, praktisch angewandt wird das Verbot nicht mehr.

Aus Respekt vor Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk sind das Hutgesetz und sieben andere, unter dem Namen Revolutionsgesetze bekannte Vorschriften bisher nicht abgeschafft worden, obwohl einige von ihnen längst überholt sind. Auch ein Verbot religiöser Gewänder außerhalb von Gotteshäusern gehörte zu diesen Gesetzen.

Opposition kritisiert Reformen

Die sogenannte Hutrevolution löste in den 1920er Jahren Aufstände vor allem im Osten der Türkei aus, in deren Verlauf mehrere Dutzend Menschen hingerichtet wurden.

Die Abschaffung des Hutgesetzes dürfte trotz der rein formalen Bedeutung auf Widerstand stoßen. Die kemalistische Opposition wirft der islamisch geprägten AKP seit Jahren vor, die säkularen Fundamente der Republik verändern zu wollen. AKP-Sprecher Celik sagte deshalb, nicht alle Revolutionsgesetze sollten abgeschafft werden. Die Werte der Republik würden nicht angetastet.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Was sagt die Hutindustrie dazu? "Die kemalistische Opposition wirft der islamisch geprägten AKP seit Jahren vor, die säkularen Fundamente der Republik verändern zu wollen." Bestimmt alles Lobbyisten.

Gut ist das. Kleidervorschriften, ausser im beruflichen Bereich, sollte es überhaupt nicht geben.

.....

Die Abschaffung des Hutgesetzes ist eine Meldung wert? Viel interessanter ist doch das Drumherum, nämlich wie Erdogan und seine AKP den Gründungsmythos der Türkei durch Geschichtsneuschreibung, entsprechende Rhetorik sowie beispielsweise durch den Bau entsprechender Museen islamisch aufladen. Dabei war es Atatürk, der den Islam für die Rückständigkeit seines Landes mitverantwortlich machte und mit seinen teilweise unverhältnismäßigen Reformen die Macht der Religiösen brach. Sieger Atatürk wird zum Vorkämpfer des Islam: http://www.welt.de/kultur...

Ebenso interessant war die Selbstinszenierung Erdogans nach seiner letzten Wahl zum Vorsitzenden der AKP. Dort sah er sich als neuer Atatürk, der das Land modernisiert sowie gleichzeitig als neuer Wegbereiter des Islams, als der er sich auf Sultan Arp Arslan berief, der 1071 die Byzantiner entscheidend schlug. Bezogen auf den 1000jährigen Jahrestag dieses Ereignisses, formuliert Erdogan an die Jugend der Türkei gewandt: Das Endziel des langen Weges, das erst seine Nachfolger erreichen würden, sei "2071"http://www.welt.de/politi...